8. Kapitel

Justus

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»Also, wie weit ist das Essen?«, wollte Jo wissen, als ich etwas später auf die Terrasse hinaus trat, um ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten, während der Reis kochte. »Ich will nicht hetzen. Aber ich muss pünktlich wieder drüben sein.«

Ich seufzte. »Ich habe dir doch gesagt, dass das kein Problem ist, ich habe alles im Griff. Wir müssen nur ein bisschen warten, denn der Reis braucht seine Zeit.«

»Ja, hattest du gesagt. Wildreis mit handverlesenen Sultaninen.« 

Hallo? Was war das denn für ein Unterton? »Und Safran. Magst du das nicht?«

Jo zuckte die Achseln und spielte mit dem Besteck auf dem Tablett. »Ich habe keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass ich das schon mal gegessen habe. Es klingt auf jeden Fall ... edel.«

»Und dagegen hast du etwas?« Ich klang nicht mehr ganz so freundlich. Aber mal ehrlich, eine seltsamere Diskussion hatte ich noch nie geführt.

»Ich finde, dass ums Essen viel zu viel Tamtam gemacht wird. Hauptsache ist doch, dass es schmeckt. Man muss da nicht gleich eine Religion draus machen.« Sie beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn in die Hände. »Sieh mal, irgendwo auf diesem Planeten gibt es Menschen, die Lehm in ihre Teigfladen rühren, um sie zu strecken und die ganze Familie satt zu machen. Und wir hier bewahren die völlig überteuerten Steaks in Klima-Schränken auf. So ein bisschen mehr Gleichgewicht wäre schön. Kinder, die morgens ein Frühstück bekommen, bevor es in die Schule geht. Mütter, die ihre Familien satt kriegen. Aber nein«, nun saß sie wieder aufrecht und redete sich regelrecht in Rage. »Wir hier wollen auf nichts verzichten und dafür müssen Menschen in der dritten Welt für einen Hungerlohn schuften und haben nicht mal genug, um über die Runden zu kommen.« Jos Wangen waren rosig, die Augen glänzten. Irgendwie schien sie das wirklich zu beschäftigen. Von der Seite betrachtete ich das Thema selten. Oder nie. 

Leichtes Unbehagen überkam mich. Ich war der Prototyp des Besseressers, den sie gerade beschrieben hatte. Allerdings bezahlte ich überaus faire Preise für den Luxus, den ich mir beim Essen gönnte. Wenn jemand die Bauern in der dritten Welt betrog, dann war das garantiert nicht ich. »Was schlägst du vor? Wollen wir jetzt alle im Balkonkasten unser Gemüse anbauen und Hausschweine halten.« Meine Stimme troff vor Sarkasmus.

Zu meinem Erstaunen ließ sich Jo davon nicht beirren. Da sieh an, wenn ihr eine Sache wichtig war, konnte sie die durchaus selbstbewusst vertreten. »Das mit den Hausschweinen ist eine dumme Idee. Die Tiere müsstest du dann zum Schlachter karren, denn Hausschlachtungen sind verboten. Nicht gerade artgerecht, wenn du mich fragst. Aber ja, ich bin für regionale Produkte.« Jo schob ihr Kinn vor, als wolle sie mir zeigen, dass sie in dem Punkt nicht nachgeben würde. »Dein Reis kocht über«, sagte sie schließlich und schlug die Füße auf dem Stuhl übereinander. Sie lächelte.

Ich wandte mich um und ging wieder hinein, wobei mir das kurze Gespräch im Sinn blieb. Es gefiel mir, dass Jo sich so viele Gedanken machte, auch wenn ich ihre Meinung nicht in allen Punkten teilte. Außerdem sah sie ohne die Weste und den Hut viel menschlicher aus. Oder sollte ich sagen: weiblicher? Auf dem Weg zurück in die Küche kam ich am Schreibtisch vorbei. Was, wenn die Protagonistin meines Romans ein bisschen mehr wie Jo wäre? Was, wenn ich sie beim Verschütten des Kaffees nicht so pampig behandelt und eingeschüchtert hätte? Irgendwie wirkte sie seither, als würde sie jederzeit mit einem neuen Ausbruch rechnen. Dabei war sie im Umgang mit anderen Menschen sonst so lebhaft und herzlich.

Ich grübelte noch, wie ich das ganze am besten angehen könnte, als ich das fertige Essen auf den Tisch stellte. Sie öffnete die Augen, schnupperte und strahlte.

»Hey, du kannst ja richtig was«, rief sie aus.

Ich beschloss, mich durch ihre Überraschung nicht von meinem Plan abbringen zu lassen und nahm Platz. Tatsächlich schaffte ich drei Bissen, bevor ich sie mit meiner Idee überfiel. »Was, wenn ich aus dir die Hauptfigur in einem Roman machen würde?«

»Wie jetzt?« Jo ließ die Gabel sinken. »Willst du unter die Hobby-Schreiber gehen?«

Für einen Moment schloss ich die Augen. Ich war kein verdammter Hobby-Autor auf dem Selbstverwirklichungs-Trip, aber das konnte Jo nicht wissen. Nur dumm, dass sie trotzdem einen Nerv bei mir getroffen hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und aß scheinbar ungerührt weiter, bis ich mich wieder im Griff hatte. »Vielleicht sollte ich es dir von Anfang an erklären.« Es war ein wenig seltsam, ihr von dem wahnwitzigen Plan des Verlages und vor allen Dingen meinen Erfolgen zu erzählen. Irgendwie kam ich mir bei Letzterem vor wie ein Scharlatan. Doch Jo schien es nicht zu stören. Sie strahlte mich begeistert an.

»Das ist ja der Wahnsinn. Also bist du wirklich berühmt? Auf der ganzen Welt kann man deine Thriller lesen?«

Ich nickte und verkniff mir ein Grinsen. Es schmeichelte mir, dass sie sich mit blitzenden Augen und plötzlich sehr hoher Stimme für meine Arbeit begeisterte. »Wenn ich das richtig sehe, wärest du im Prinzip nicht abgeneigt?«

»Na ja«, sie schob ein paar Rosinen auf dem Teller herum. Plötzlich wirkte sie verlegen. »Ich weiß nicht, was du dir vorstellst, aber ich führe ein ganz normales Leben. Nichts Aufregendes, das sich für einen Roman eignet, fürchte ich. Was willst du denn mit mir machen? Oder bin ich die Leiche, die auf den ersten zehn Seiten vom Psychopathen zerstückelt wird?«

Die Sorge konnte ich ihr nehmen. Gleichzeitig spürte ich, wie sich meine Mundwinkel nach oben bogen. »Wie gesagt wird es eine romantische Komödie und ich glaube, da komme ich ohne Leiche aus. Dafür will ich ...«, ich geriet ins Stocken. Mir den Plan zu Sofies Rückeroberung im Kopf zurechtzulegen war eine Sache. Dass ich es nun aussprechen sollte, ließ es nicht mehr ganz so plausibel und machbar erscheinen. Ich gab mir einen Ruck. »Es ist ganz einfach: Ich will meine Frau zurück. Dazu schreibe ich besagte Komödie, die im groben unsere Liebesgeschichte erzählt. Nur haben wir uns leider sehr schnell verliebt. Sechs Wochen nachdem wir uns kennengelernt hatten, ist Sofie bei mir eingezogen. Noch einmal drei Monate später haben wir geheiratet. Das füllt gerade mal ein fünfminütiges Youtube-Video aber bestimmt keinen Roman. Was ich also brauche ist eine amüsante Geschichte, die ich darum herum bauen kann.«

»Und dazu willst du ausgerechnet mich?« Sie fühlte sich eindeutig gebauchpinselt – und gab mir gleichzeitig das Gefühl, an meinem Verstand zu zweifeln.

»Du bist jung, hübsch, sympathisch und hast Humor. Warum also nicht. Der Plot ist sowieso so gut wie fertig. Versuchen wir es einfach. Wenn es nicht klappt, bin ich genau so weit wie jetzt.«

Sie rang mit sich. Ich hätte zu gern gewusst, was in ihrem hübschen Köpfchen vor sich ging. Als Jo meinen forschenden Blick bemerkte, begann sie, sich wieder angelegentlich mit ihrem Teller zu beschäftigen. »Glaubst du nicht doch, dass ich zu langweilig als Romanvorlage bin?«, rückte sie endlich mit der Sprache heraus. »Weißt du, es schmeichelt mir natürlich, dass du mich in deinem Roman unterbringen willst ... andererseits«, sie brach ab und schob sich eine Gabel Reis in den Mund. »Also gut, es bringt ja nichts, damit hinter dem Berg zu halten: Wenn du nur willst, dass ich mitmache, weil du eine Vorlage für eine langweilige Single-Frau suchst ... ich meine, mir ist schon klar, dass niemand wüsste, dass es da um mich geht. Aber mir würde es etwas ausmachen.«

Grundgütiger, ihr Selbstbewusstsein steckte wirklich noch in den Kinderschuhen. »Ganz und gar nicht«, beeilte ich mich zu sagen. »Du bist humorvoll, herzlich und erfrischend. Du kannst wirklich beruhigt sein. Ich sehe dich durchweg positiv und so werde ich dich auch beschreiben. Okay, du bist ein bisschen, äh, ausgeflippt, aber gerade das finde ich sehr reizvoll.«

Kurz ruhte ihr nachdenklicher Blick auf mir, bevor sich ein breites Strahlen über Jos Gesicht bereitete, das entzückende Grübchen offenbarte. Sie nickte. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug – als sich im nächsten Moment wieder Nachdenklichkeit über ihre Züge breitete, raste es sogar.

»Aber was, wenn deine Frau das gar nicht liest? Du sagst doch, dass du sonst Thriller schreibst. Wie willst du sicher sein, dass sie Liebesromane mag?«

Das war in der Tat ein Problem. Sofie war nicht der Typ Frau, der sich über Bridget Jones-Filmen schlapplachte. »Da habe ich auch so meine Zweifel«, gab ich ehrlich zu. »Ich hoffe einfach darauf, dass sie sich für das interessiert, was ich tue.«

»Hm ...«, Jo sprang auf und begann, vor der Einfriedung der Terrasse auf und ab zu laufen, wobei sie offensichtlich nachdachte. »Weißt du, ich habe mich gerade getrennt. Mein Ex-Freund ist Banker. Mich hat schon vorher nicht sonderlich begeistert, womit er sein Geld verdient hat. Ich fand es immer ... ach, mir hat einfach der Bezug dazu gefehlt. Wenn ich jetzt an ihn denke, vermisse ich ihn ein wenig.« An dieser Stelle setzte mein Herzschlag für einen Moment aus, doch ich konnte mir nicht erklären, warum. Jo sprach indessen unverzagt weiter. »Wenn ich allerdings an all die langweiligen Aspekte unserer Beziehung denke, die fehlenden gleichen Interessen, die vermisse ich kein bisschen. Käme morgen eine Reportage über seine Bank im Fernsehen, würde ich sie garantiert nicht anschauen.«

Da musste ich ihr recht geben. Sofie interessierte sich für Fantasy. Meine Thriller hatte sie nur gelesen, weil sie ständig darauf angesprochen worden war. Nun würde sie niemand mehr fragen, ob ich ihr eine Rolle auf den Leib geschrieben hatte – ergo würde sie das Buch wohl nicht kaufen.

Schweigend saßen wir am Tisch und brüteten vor uns hin. Wie mir schien, suchte Jo ebenso wie ich nach einer Idee, Sofie das Buch unter die Nase zu halten, ohne allzu auffällig vorzugehen.

»Was tut deine Frau denn jetzt? Was arbeitet sie? Wo lebt sie?«, fragte Jo, nachdem das Schweigen uns beiden nicht die Erleuchtung gebracht hatte.

»Exfrau«, korrigierte ich sie und atmete hörbar aus. »Sie lebt in Charlottenburg und ist gerade dabei, einen Second-Hand-Laden für Nobel-Marken zu eröffnen.« Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, begeistert zu tun. Jos Stirnrunzeln zufolge hörte sie deutlich heraus, was ich von diesem Laden hielt.

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Trotzdem leuchteten ihre Augen plötzlich noch ein klein wenig mehr. »Das passt! Wie heißt ihr Geschäft denn?«

»Wie bitte? Äh ... ich habe keine Ahnung«, gab ich einsilbig zurück. »Aber ich kann es nachlesen. Sie hat mich zur Eröffnung eingeladen.«

»Gut!«, sagte Jo zufrieden. »Du musst wissen, ich kaufe alles ... fast alles in Second-Hand-Läden. Ich liebe es, da zu stöbern. Es wäre doch gelacht, wenn ich mir ausgerechnet diesen Laden durch die Lappen gehen ließe. Ich fahre hin, verwickle sie in ein Gespräch ... mal sehen, vielleicht kann ich sie ein wenig aushorchen und ihr im Gegenzug einimpfen, dass sie dieses fabelhafte neue Buch einfach lesen muss, weil ich davon so begeistert bin.«

»Einfach so?«

»Wie bitte?« Jos Blick drückte Ratlosigkeit aus.

»Na, heute Morgen hast du dich ewig geziert, bis du zugelassen hast, dass ich dir helfe, die Einkäufe zu verteilen, und jetzt bietest du mir einfach deine Hilfe an.«

Ein leicht verlegenes Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit. »Mein altes Problem. Ich helfe gern, aber wenn andere mir helfen wollen, habe ich immer ein schlechtes Gewissen. Außerdem warst du gestern so grantig ... ich konnte das nicht so recht einordnen.« Sie zuckte mit den Schultern.

»Das ist verrückt!«, rief ich entsetzt aus, als mir klar wurde, dass sie das wirklich ernst meinte. Sie wollte Sofie einen Besuch abstatten. Ich sah bildlich vor mir, wie Sofie gucken würde, wenn Jo ihr rotes Rad mit den Plastikblumen vor dem Laden abstellte und womöglich mit einem Pilzgebilde auf dem Kopf dort hineinmarschierte.

»Die verrücktesten Ideen sind die besten. Es sind die Ideen, die Geschichte schreiben. Komm schon, such die Einladung und gib mir die Adresse.« Sie war stehengeblieben, nun stützte sie die Hände auf die Tischplatte und beugte sich zu mir herüber. Ihr Selbstbewusstseins-Problem war definitiv weg. Eigentlich schade, fand ich, denn vorher hatte ich mir einbilden können, dass ihr schüchterne Art und ihr Erröten etwas mit mir zu tun gehabt hatten.

»Du kannst nicht einfach dort hereinspazieren«, beharrte ich.

»Irrtum! Das ist ein Laden. Seltsam wird es nur, wenn keiner reinspaziert. Also: Was ist?«

»Es ...«, ich wollte ihr sagen, dass wir das auf keinen Fall so machen würden. Dass Sofie sie sofort durchschauen würde, wenn sie einmal durch die Stadt radelte und meiner Ex-Frau rein zufällig unterzujubeln versuchte, dass ich ihr neuer Nachbar war. Dann fiel mir Susanne wieder ein. Susanne, die auf die ersten Kapitel wartete. Der dicke Vorschuss, den ich kassiert hatte. »Gut, fahr hin und schau, ob du mit ihr ins Gespräch kommst. Aber du darfst auf keinen Fall mit der Tür ins Haus fallen. Und ich brauche dich hier. Als Muse, sozusagen.« Ich stand auf, um auf dem improvisierten Schreibtisch nach Sofies Einladung zu suchen.

»Zu Befehl!«, Jo tat, als würde sie salutieren, wobei ein spitzbübisches Grinsen um ihre Mundwinkel zuckte.

»Du kommst also zum Abendessen wieder?«

»Wollen wir nicht erst mal die Teller vom Mittagessen abräumen?«

Ich nickte und griff nach den Tellern, so dass sie nur noch die Gläser mitbringen musste. »Mach bitte die Terrassentür zu, wen du reinkommst, hier streunt so ein widerlich hässlicher, fetter Kater herum. Das Vieh ist neulich einfach reingekommen.«

Jo nickte. Irgendwie wirkte sie plötzlich leicht verstimmt. Doch so schnell, wie die Gewitterfront sich über ihr zartes Gesicht gelegt hatte, zog sie vorüber und Jo lächelte wieder. »Wann bekomme ich denn wieder mal so etwas Fabelhaftes zu essen?«

Ich grinste. »Wie wäre es um acht Uhr?«, fragte ich und erntete zustimmendes Nicken.

Plötzlich konnte ich Jo gar nicht schnell genug aus der Wohnung komplimentieren. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, hetzte ich zum Schreibtisch und fuhr mein Laptop hoch. Eine halbe Stunde später stand der Prolog. Diesmal mit einer entzückend tollpatschigen Heldin, die der Braut mit ihrem Fliegenpilz-Hut die Show stahl.

Der nächste Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 6. Mai, um 18 Uhr.