12. Kapitel

Es-muss-wohl-Liebe-sein_ebook_2_web.jpg

Justus

Ich war gerade mit dem aktuellen Kapitel fertig geworden, als es an meiner Tür klingelte. Perfektes Timing, dachte ich schmunzelnd und stand auf.

»Hallo«, begrüßte ich Jo und umarmte sie kurz.

»Hey Justus. Bist du startklar?« Sie strahlte mich an. Erst jetzt sah ich, dass sie einen Jutebeutel neben ihren Füßen stehen hatte.

»Startklar?«

»Na, für unser Abendprogramm. Schon vergessen?«

»Wie könnte ich«, gab ich amüsiert zurück.

»Super, dann los. Äh. Eins noch.« Plötzlich wirkte Jo einen Hauch unsicher.

»Was?«

»Zieh dir vielleicht etwas weniger edles an.«

Ich blickte an mir herunter. Cremefarbene Leinenhose, dunkelblaues Hemd. »Was stimmt nicht mit meinem Outfit?«

»Äh ... nichts. Es ist perfekt wie immer. Aber wie wäre es mit der Jeans von gestern? «

»Was zur Hölle hast du vor?«

Sie grinste. »Überraschung.«

» Dann gehen wir wohl nicht in ein Restaurant.«

»Restaurant«, wiederholte sie und schüttelte amüsiert den Kopf. »Nicht ganz. Aber keine Sorge, du wirst nicht verhungern.«

»Hm«, machte ich. »Das werden wir ja sehen. Wenn Du Ravioli in deiner Tüte hast, passe ich.«

»Boah, Justus. Genau deswegen bin ich hier. Sorry, aber, du stehst da, als hättest du einen Stock im Arsch.«

Ich machte große Augen. »Unmöglich.« Damit ließ ich sie stehen und suchte nach einem robusteren Outfit. Kurze Zeit später stand ich in Turnschuhen und Jeans wieder vor ihr. »Besser?«

Sie ließ ihren Blick über mich hinweg gleiten. »Viel besser. Perfekt. Dann los.«

Ich schnappte mir Handy und Schlüssel und folgte ihr. »Wirst du mir nun verraten, wo es hingeht?«

»Sei doch nicht so ungeduldig, mein Lieber.«

»Okay«, erwiderte ich schulterzuckend. »Wie war dein Tag?«

»Irgendwie sehr geschäftig.«

»Ist das nicht gut?«

»Ja, das schon. Aber ich bin noch kein Stück mit meinen Entwürfen weiter.«

»Hast du eine kreative Blockade? Glaub mir, damit kenne ich mich aus.« Ich wollte lieber nicht ins Detail gehen, wie genau ich mich damit auskannte.

Johanna warf mir einen Seitenblick zu, der alles sagte. »Ich brauche nur mehr Zeit.«

»Sie werden den Termin nicht wegen Dir verlängern.«

»Das weiß ich selbst, Dankeschön«, erklärte Jo verbissen.

Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Hallo? Ist da jemand schlecht gelaunt?«

»Bis eben nicht.«

Nun wurde mein Schmunzeln breiter. »M-mh«, machte ich nur.

Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinander her. »Komm, lass mich die Tasche tragen.«

Ich griff danach, aber Jo zog sie weg. »Das kann ich selbst.«

»Ist mir klar, dass du das kannst.« Ich zwang sie, stehenzubleiben und umfasste ihre Handgelenke. Die Wärme ihrer Haut übertrug sich auf mich, während sie mich anfunkelte. »Aber ich möchte sie tragen.«

»Spar dir doch dein Macho-Gehabe.«

»Macho-Gehabe?«, wiederholte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. »Also bitte.«

»Na was soll es denn sonst sein?«

»Höflichkeit?«, warf ich ein.

»Pff. Wie gesagt, ich kann das selbst tragen.«

»Okay, Jo.« Dennoch ließ ich sie nicht los, schaute ihr tief in die Augen, weil ich wissen wollte, warum sie plötzlich so schlecht drauf war. Sie schluckte und öffnete ihre Lippen, sagte aber nichts.

Sanft fuhr ich fort. »Nun gib schon her, Sturkopf.«

Mit einem Seufzen ließ sie ihre Schultern sinken. »Wenn du dann glücklich bist«, brummte sie, aber ihre Mundwinkel zuckten verräterisch. Es lag nicht in ihrer Natur, lange schlecht gelaunt zu sein, deswegen mochte ich sie so gern.

»Bin ich. Dann fühle ich mich nicht so nutzlos. Weißt du, es ist nicht schön, wenn man gesagt bekommt, dass man langweilig, verbohrt und nicht locker genug ist. Den Stock im Arsch möchte ich am liebsten gar nicht erwähnen.«

Wir schauten uns immer noch an. »Ich habe das nicht böse gemeint.«

»Das weiß ich, Jo. Aber, trotzdem. Ich will ja lässig sein, aber so einfach geht das irgendwie nicht. Und du bist auch ständig genervt von mir, ich weiß nicht, ob ich was Falsches gesagt oder getan habe? Eben warst du noch so fröhlich.«

Sie atmete hörbar aus. »Tut mir aufrichtig leid«, sie klang ehrlich zerknirscht. »Es liegt wirklich nicht an dir. Weißt du ... der Hutladen könnte schon mehr abwerfen. Ich meine, ich will mich nicht beklagen. Ich komme zurecht. Aber ich würde gern haben, dass ich nicht vor jeder Materialbestellung auf den Zentimeter genau rechnen muss, wie viel Stoff ich mir leisten kann. So ein kleines Polster wäre ... es würde mich beruhigen. Und dazu ist der Wettbewerb Gold wert. Meine Hutkreationen kämen in die Zeitung und die Leute würden auf den Laden aufmerksam. Deshalb ist es so schlimm, dass mir nichts einfallen will.«

Tja, so sehr hatte ich noch nie rechnen müssen. Ich war gar nicht darauf gekommen, dass sie zu kämpfen haben könnte. »Verstehe«, sagte ich knapp und strich kurz über Jos Schulter.

Der Zwiespalt, in dem sie sich offenbar befand, stand in ihr hübsches Gesicht geschrieben. Letztlich siegte das Harmoniebedürfnis. Jo legte den Kopf schief und sagte provokant. »Jetzt hör schon auf, mich zu löchern. Sonst kannst du allein picknicken.«

»Huh«, witzelte ich. »Das klingt, als würdest du mit mir Schluss machen.«

Jo guckte verdutzt, dann fing sie an zu lachen. »Manchmal kannst du echt witzig sein.«

»Ich fasse das jetzt mal als Kompliment auf.«

»Unbedingt. Komm, lass uns weitergehen, ehe wir hier Wurzeln schlagen. Ich fühle praktisch, wie ich auf diesem Flecken Asphalt altere.«

Zu meiner Überraschung drückte sie mir den Jutebeutel in die Hand. »Damit du endlich Ruhe gibst.«

»Siehst du, es geht doch.«

»Übertreib es nicht, Justus.«

Ich grinste und wir schlenderten weiter. Nach ein paar Minuten kamen wir an einen Bauzaun. Jo blieb stehen. »So, dann wollen wir mal sehen.«

»Was wollen wir sehen?«, fragte ich und mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich bemerkte, dass sie zielstrebig auf ein Loch im Zaun zuging.

»Von dort oben«, sie zeigte auf das Dach des zum Abriss bestimmten Hauses, »haben wir einen super Blick über Berlin.«

»Nicht dein ernst.«

Johannas Lächeln wurde breiter. »Oh doch. Das ist Punkt eins auf meiner Liste. Du musst diesen Ausblick erlebt haben.«

»Dann kann ich doch auf den Fernsehturm gehen.«

»Der Alex?«, sie rümpfte die Nase. »Das ist eine Touristenfalle. Kein Vergleich zu meinem Gemein-Tipp. Vertrau mir, mein Lieber.«

»Das hier ist doch nicht legal. Das ist Einbruch.«

Sie lachte. »Wo kein Kläger, da kein Richter.«

»Schön, Plattitüden kannst du also auch von dir geben.« Ich verschränkte meine Arme vor der Brust.

Jo zog den Zaun noch ein Stück auseinander, schnappte sich die Tasche und machte sich daran, einzusteigen.

»Hey«, rief ich. »Das kannst du doch nicht wirklich tun!«

»Und ob ich kann. Los, komm endlich.«

»Was ist, wenn das Haus einstürzt, es sieht jedenfalls nicht gerade vertrauenserweckend aus!«

»Das steht hier seit mehr als hundert Jahren und es bleibt sicher auch noch für zwei Stunden an Ort und Stelle.«

Ich knirschte mit den Zähnen. »Oder auch nicht.«

»No Risk no Fun. Und sieh es mal so: Wenn es einkracht, sparst du dir den Abstieg.«

»Noch so ein Spruch und ich besorge mir Klebeband für deinen hübschen Mund.«

»Justus!«, forderte sie mich nun noch einmal eindringlich auf. »Komm endlich, ehe uns jemand sieht.«

Ich rieb mir die Schläfen. »Scheiße, wir enden garantiert auf der Wache.«

»Bist du echt so ein Angsthase? Nimm es als Szene für deinen Roman, wie abgesprochen.«

»Du machst mich fertig.« Kopfschüttelnd folgte ich ihr.

Johanna war fast durch das Loch durch, als sie spitz aufschrie. »Autsch.«

»Was ist?« Da sah ich das Dilemma schon. Ihre Haare hatten sich im Zaun verfangen.

»Warte, ich helfe dir.« Mit einem Schritt war ich bei ihr und versuchte die verhedderten Strähnen zu befreien. Johannas blumiger Duft stieg in meine Nase, ihre Wärme übertrug sich auf mich, obwohl ich sie nicht wirklich berührte.

»Au«, rief sie noch einmal. »Ist dir klar, dass am Ende dieser Haare ein Kopf hängt?«

»Halt doch still.«

Johanna hielt sich an mir fest, ihre Position war nicht besonders komfortabel. Langgliedrige Finger drückten sich durch den Stoff meines Hemdes und stellten meine Konzentration auf die Probe. Endlich löste sich die letzte Strähne.

Johanna sah zu mir auf, uns trennten nur wenige Zentimeter voneinander. »Danke«, hauchte sie und mein Magen zog sich nervös zusammen. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass sie mich küssen wollte, dann wandte sie sich ab und schlüpfte gänzlich, diesmal vorsichtiger, durch das Loch im Zaun. Ich atmete tief durch und folgte ihr. Wahrscheinlich hatte ich mir das eben nur eingebildet. Ich war auch nur ein Mann und es war lange her, dass ich einer Frau so nahe gekommen war, wie Jo in den letzten Tagen.

»Wie kommen wir rauf? Du sagst mir jetzt nicht, dass wir da an der Fassade hochklettern müssen, oder?«, fragte ich, während ich hinter ihr her lief.

Johannas glockenhelles Lachen erfüllte die Abendluft. »Nein, die Tür ist nicht verschlossen. Normalerweise jedenfalls nicht.«

Und so war es auch jetzt. Johanna leuchtete mit der Taschenlampenfunktion ihres Handys den Weg über das Treppenhaus nach oben aus. Es roch muffig und nach Schimmel, zudem war es erstaunlich kühl im Haus. Die alten Holzstufen knarrten unter unserem Gewicht. Ich atmete erleichtert aus, als wir kurz darauf das Dach des Hauses betraten.

»Liegestühle?« Ich schaute sie überrascht an.

»Gut, oder?«

»Du bist also öfter hier?«

Sie nickte. »Ich sagte doch, der schönste Blick über die Stadt. Bitte, mach es dir gemütlich.«

Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen, und setzte mich immer noch erstaunt in einen der Liegestühle. Gespannt beobachtete ich, was sie nun wohl aus ihrem Beutelchen hervorzaubern würde.

»So, dann wollen wir mal.« Mit einem Ächzen ließ sie sich in den Stuhl neben mir fallen. Sie förderte eine Flasche Rotwein mit Schraubverschluss aus der Tasche. Ich wusste, ohne das Etikett zu sehen, dass ich davon Kopfschmerzen bekommen würde. Dennoch verbiss ich mir einen Kommentar, ich war mir sicher, sie wartete nur darauf. Aber ich hatte ihr schon oft genug gesagt, was ich von ihrem Weingeschmack hielt. Das musste ich demnach nicht noch einmal wiederholen, als hätte die Platte einen Sprung.

»Tadaa«, sagte sie und förderte eine Dose Erdnüsse, Cracker, Datteln, Salami-Sticks und Mini-Babybel-Käse in einem roten Netz zutage.

Was für eine Kombination!

»Mahlzeit«, gab ich wenig begeistert von mir und erntete dafür ein Kichern.

Ich griff nach der Flasche und schraubte den Verschluss ab.

»Möchtest du nicht dran riechen?«, neckte sie mich.

Ich wackelte mit den Augenbrauen und trank einen Schluck, ohne meine Miene zu verziehen. »Nicht nötig«, meinte ich und reichte sie ihr. »Gläser werden ohnehin überbewertet.«

Johanna lachte. »Nicht schlecht, Justus. Nicht schlecht. Du lernst schnell.«

»Das werte ich jetzt mal als ein Kompliment.«

Ich beobachtete wie sie die Flasche ansetzte, kostete und sich danach die Lippen ableckte, als wäre der Wein süßer Nektar – was er im Grunde ja auch war. Sie hatte für den Fusel wahrscheinlich keine drei Euro gezahlt. Schlimm.

»Lektion eins ist also bei dir angekommen«, stellte sie zufrieden fest.

»Sieht so aus.«

»Wunderbar. Dann schau dich mal um. Habe ich dir zu viel versprochen?«

Ich ließ meinen Blick über die Umgebung gleiten und nein, das hatte sie wirklich nicht. Hier oben wehte ein laues Lüftchen, gedämpfter Straßenlärm drang an unsere Ohren. Es war wundervoll, die Lichter der Stadt von hier oben aus betrachten zu können, gleichzeitig aber auch die freie Aussicht auf den Himmel über uns zu haben. Neben mir öffnete Johanna eine Packung nach der anderen und baute sie vor uns auf.

»Es ist wirklich schön hier.«

»Na siehst du. Bitte, greif zu.«

Während wir von den Snacks naschten und billigen Fusel tranken, redeten wir über das Leben in ihrem Viertel. Irgendwann fragte sie mich: »Und, was machen deine Protagonisten dann hier auf dem Dach?«

»Gute Frage«, gab ich zurück. »Hast du einen Vorschlag?«

»Ich weiß ja gar nicht, an welcher Stelle du im Manuskript bist.«

»Ich bin bei Kapitel sieben. Die beiden haben sich kennengelernt, aber keiner von ihnen möchte zugeben, dass er sich zu dem anderen hingezogen fühlt.«

»Haben sich deine Hauptfiguren schon geküsst?«

Ihre Augen ruhten aufmerksam auf mir. In der Dunkelheit wirkten sie beinahe schwarz. »Noch nicht.«

Seltsamerweise schlug mein Herz auf einmal höher. Sehr viel höher.

»Und, wie würdest du das beschreiben?«

Kam es mir nur so vor, oder atmete auch sie schneller?

Ich griff nach der Weinflasche, es war nicht mehr viel drin. Vielleicht kam der leichte Schwindel ja daher. »Wenn ich die Szene so darstelle, wie hier bei uns – wobei ich die beiden eher Lachshäppchen, Petit-Fours und Serrano-Schinken naschen lassen würde – dann, hm. Lass mich mal überlegen.« Ich lehnte mich etwas nach vorne, stellte die Flasche ab und drehte mich dann zu ihr.

Ich griff nach Johannas Hand, ließ sie dabei nicht aus den Augen. Mein Daumen strich über die zarte Haut ihres Handrückens. Sie schluckte hart.

»Mein Protagonist würde ihre Hand nehmen, ihr sagen, was für ein wundervoller Moment es ist.«

»Sprich nicht im Konjunktiv. Sag es so, wie es im Buch stehen wird«, bat sie mich leise.

»Es ist wundervoll, danke, dass du mich hergebracht hast. Ich habe mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt, wie mit dir.«

»Hast du keine Angst, dass man uns entdeckt?«

»Es ist mir egal.«

Sie neigte ihren Kopf ein wenig. »Warum ist es dir auf einmal egal?«

»Weil du jedes Risiko wert bist.«

Johanna schnappte kaum merklich nach Luft. In meinem Bauch kribbelte es.

»Und was passiert dann?«, hauchte sie.

»Dann«, flüsterte ich, meine Stimme klang belegt. Ich beugte mich ein Stück zu ihr, bis ich so nah war, dass sich unsere Lippen beinahe berührten. Ich konnte ihren heißen Atem auf meinem Mund spüren. »Dann kostet er von ihrem sinnlichen Mund.«

Ich küsste sie zart und vorsichtig. Meine Welt hörte für einen Augenblick auf, sich zu drehen. Johannas Lippen schmeckten genauso köstlich, wie sie aussahen. Ich wollte mehr, wollte sie mit Haut und Haar. Und dann begriff ich, was ich hier tat. Das war nicht richtig.

Erschrocken riss ich meinen Kopf zurück. Ich atmete hörbar aus und unterdrückte einen Fluch. »Tut mir leid«, murmelte ich und strich mir durch die Haare.

Johanna räusperte sich. »Schon okay«, erwiderte sie mit bebender Stimme. Sie klang genau so erschüttert, wie ich mich fühlte. »Ich weiß, das war nur wegen der Szene. Ist ja nichts passiert.«

Nein, natürlich nicht!

Der nächste Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 20. Mai, um 18 Uhr.

Frau.jpg