11. Kapitel

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Johanna

 

»Vielen Dank, das Essen war wirklich super lecker«, sagte ich und legte mein Besteck beiseite.

»Besser als mit Maggi-Fix?«, konnte er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen, wobei sich ein spöttischer Zug um seinen Mund legte.

»Hm«, ich tippte mir mit einem Finger an die Lippen. »Ein bisschen.«

»Du!«, warnte er mich lachend und warf mir seine Serviette entgegen.

»Nur ein Scherz.« Ich kicherte.

»Dein Glück, Jo. Dein Glück.« Justus griff nach der Weinflasche und verteilte den Rest auf unsere Gläser. »Wie wäre es mit ein bisschen Käse zum Abschluss? Und jetzt sag nicht, dass du keinen Käse magst.«

»Okay, dann sag ich es nicht.«

»Wirklich?« Sein Gesichtsausdruck war zum Totlachen. Ich musste an mich halten, um nicht loszubrüllen.

»Nein, ist schon okay. Ich mag Käse sehr gerne. Aber ich bin wirklich satt.«

»Na schön.«

Für einen Augenblick schwiegen wir und genossen die laue Nacht. In der Ferne heulte eine Sirene, ein Auto hupte. Ansonsten war es herrlich ruhig und angenehm. Außer uns schien niemand das tolle Wetter zu genießen, jedenfalls nicht in unserem Hinterhof, denn wir waren alleine. Hinter einigen Fenstern brannten ein paar Lichter.

»So«, sagte ich irgendwann. »Ich sollte dann mal langsam.«

»Bleib doch noch ein bisschen. Ich könnte uns einen Kaffee machen?«

»Du bist schon ein komischer Vogel. Gestern war es super mich loszuwerden und jetzt habe ich so das Gefühl, dass das Gegenteil der Fall ist.«

Justus verzog seine vollen Lippen zu einem Lächeln. »Du inspirierst mich. Ich höre dir gerne zu, ich mag deine unbeschwerte Art, auch, wenn du heute ein bisschen gestresst bist.«

»Wow, das ist ja fast schon ein Liebesgeständnis.«

»Du Scherzkeks. Was ist sonst noch los? Du bist doch nicht nur wegen des Besuchs deines Exfreundes so angespannt?«

»Puh. Du hast ja wirklich feine Antennen, hm?«

Er zuckte mit den Schultern, aber erwiderte nichts.

»Es gibt einen Designwettbewerb an dem ich teilnehmen möchte.«

»Ja, und?«

»Ich habe den Termin fast verschwitzt.«

»Was? Wieso das denn?«

Ich atmete tief durch und knetete meine Hände im Schoß. »Na ja. Ich bin irgendwie nicht so das Organisationstalent. Leider.«

»Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Irgendwie ist der Brief mit der Einladung zum Wettbewerb untergegangen.«

»Wie untergegangen.«

»Stell doch nicht so blöde Fragen. Er lag unter einer Kiste.«

»Wie ist er denn da hingekommen?«

»Mein Gott, Justus. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du nerven kannst?« Ich klang vergrätzt, trotzdem konnte ich mir das Lächeln nur knapp verbeißen.

Zu meiner Überraschung grinste er, ich hätte eher damit gerechnet, dass er eingeschnappt sein würde, nachdem ich ihn beleidigt hatte.

»Sorry. Liegt in meiner Natur. Wie ist die Kiste auf deine Post gekommen?«, bohrte er weiter nach. Verdammt, der Mann wäre ein exzellenter Zahnarzt geworden und hätte garantiert jedes Karies-Loch aufgespürt.

»Ich weiß es nicht. Ich bin manchmal ein bisschen chaotisch«, gab ich schlicht zurück.

»Darauf wäre ich nie gekommen.«

»Blödmann. Wenn du mir jetzt wieder die Sache mit dem verschütteten Kaffee vorhalten willst ... nur zu!«

»Verrückte.«

Wir schauten uns an und lachten los.

»Irgendwie bist du witzig. Manchmal ...«, gab ich zu und nippte von meinem Wein.

»Das werte ich mal als Kompliment. Erzähl mir von dem Wettbewerb.«

»Es gibt drei Themen, zu denen ich je einen Hut einreichen werde.«

»Schon Ideen? Und was ist das Motto?«

»Ein Hut ist für einen Mann, ein Teil, das man jeden Tag tragen kann.«

»Soll ich dein Model sein?«

Ich guckte ihn mit gerunzelter Stirn an. »Du möchtest, dass ich einen Hut auf dich zuschneide, etwas, das zu dir passt?«

Er zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, war nur so eine Idee? Was sind die anderen beiden Vorgaben?«

Während ich noch über seinen Vorschlag nachdachte, erzählte ich ihm von den Themen Rennbahn und Hochzeit. »Also gut, Justus. Dann mache ich also einen Hut für dich.«

»Warum habe ich das Gefühl, dass ich mich darauf emotional vorbereiten muss?«, neckte er mich.

»Du hast kein Vertrauen in mich.«

»So war es nicht gemeint, aber wenn ich daran denke, dass du sonst ständig mit komischen Sachen auf dem Kopf rumrennst ...«

»Zum Beispiel?«, unterbrach ich ihn.

»Ähm, lass mich überlegen. Fliegenpilz-Arrangements? Blumen, die von Schmetterlingen umschwirrt werden?«

»Ach die. Ich hatte eine verrückte Woche, das drückt sich dann auch immer in meinen Outfits aus. Außerdem – nach der Trennung von Oli und der Zeit in Grau und anderen gedeckten Farben – ich brauchte einfach mal wieder etwas Farbe. Langsam hatte ich echt den Eindruck, mein Leben verkümmert zu einem Schwarz-Weiß-Film.«

»Bunt getrieben hast du es definitiv.«

»Dass es dir nicht gefallen würde, war klar. Dir würde etwas mehr Farbe aber auch nicht schaden.«

»Oh Gott. Willst du mir jetzt grüne und rote Hosen andrehen?«

»Nee, ehrlich gesagt, ich will dir gar nichts andrehen.«

»Was ist dann dein Plan. Du meintest doch, dass du mir helfen willst. Lockerer zu werden, meine ich.«

»Ich überlege mir etwas für morgen. Da habe ich sogar schon eine Idee ...« Ich grinste, weil ich wusste, dass das seine Neugier noch weiter anfachen würde. »Nimm dir also mal nichts vor«, erklärte ich und gab mir Mühe, besonders rätselhaft zu wirken. Eigentlich wusste ich schon genau, was ich mit ihm anstellen würde, aber wenn ich es ihm verriet, würde er sich garantiert dagegen sträuben und dann wäre die Überraschung keine mehr. Ich würde eine Menge darauf verwetten, dass Justus noch nie etwas Verbotenes getan hatte. Tja, das würde sich morgen ändern.

»Shit. Warum grinst du so teuflisch?«

»Justus. Vertrau mir«, sagte ich mit einem süßlichen Lächeln auf den Lippen.

Er rieb sich die Schläfen. »Ich mache mit, egal was es ist, wenn ich die Erlebnisse dann in meinem Roman verarbeiten darf.«

Ich verzog keine Miene. »Klar, ich hatte doch schon zugestimmt, dass ich nichts dagegen habe, die Vorlage für deine Protagonistin zu sein. Aber hör auf, mir nachzuspionieren.«

»Jesus, ich dachte wir hätten geklärt, dass ich nur zufällig rübergeschaut hatte. Als ob es mich interessieren würde, mit wem du dich triffst.«

»Nur ein Witz, Justus. Ist schon gut. So«, sagte ich und stand auf. »Ich muss jetzt echt schlafen. Eigentlich hätte ich heute Abend an meinen Entwürfen sitzen sollen.«

»Hey, ich bin dein Model. Schau mich an und überleg dir, was dir an mir gefallen würde.«

»Stimmt.« Ich zückte mein Smartphone. »Ich mach mal ein Foto. Ach, Mist. Zu dunkel hier draußen. Kannst du kurz mit reinkommen?«

Justus folgte mir ins Wohnzimmer. Ich knipste das Licht an und machte eine Aufnahme seines Gesichts. »Perfekt«, sagte ich und starrte auf den Bildschirm, wobei mir heiß und kalt wurde. Er mochte kein Katalog-Model sein, aber dieses Foto rührte mich so sehr an, dass ich hastig den Knopf für den Bildschirmschoner drückte und das Telefon in die Tasche steckte.

»So ein schönes Kompliment habe ich noch nie bekommen«, gab er amüsiert zurück.

Ich verdrehte die Augen, wie ich nicht sicher war, ob ich sie seinetwegen oder meinetwegen kreisen ließ. »Na, an mangelndem Selbstvertrauen leidest du ja nicht gerade.«

»Habe ich auch nie behauptet.«

Ich kicherte und ließ ihn stehen, um wieder hinauszugehen. Auf der Terrasse schob ich die Teller zusammen und fing an abzuräumen.

»Lass nur, ich mach das schon«, ertönte seine dunkle Stimme sehr nah hinter mir. So nah, dass sich die feinen Härchen auf meinen Unterarmen aufstellten.

Ich drehte mich zu ihm um und schob ihn beiseite. »Schon gut, ich werde nicht deinen Dielenboden schrubben, Meisterkoch. Aber ein wenig helfen kann ich schon, ohne mir gleich einen Zacken aus der Krone zu brechen.«

»Wie du magst.« Er schnappte sich das, was ich nicht hatte mitnehmen können, und folgte mir in die Küche.

Gemeinsam räumten wir die Spülmaschine ein, er füllte die Reste des Essens in eine Tupperdose. Ich verkniff mir einen Kommentar dazu. Als ich sah, wie er den Inhalt seines Kühlschranks organisiert hatte, blieb mir der Mund offen stehen. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Tupperdosen über Tupperdosen, Flaschen unten, Gemüse und Obst getrennt.

»Ach du Schande«, murmelte ich, klappte die Tür der Spülmaschine zu und machte meinen Mund wieder zu.

»Was ist jetzt schon wieder?«

»Äh. Nichts. Also, ich geh dann. Morgen Abend gegen acht?«

Ich blickte zu ihm auf und sah ihm in die Augen. »Wie muss ich mich vorbereiten? Brauche ich einen Fallschirm?« Seine Augen funkelten.

»Nein. Gar nicht. Okay, zieh vielleicht nicht die besten Klamotten an.«

»Sonst noch was?«

»Für das Essen sorge ich.«

»Aber bitte keine Dosenravioli.«

Ich hob eine Augenbraue. »Wieso nicht?«

»Weil es ekelhaftes Zeug ist.«

»Lass dich überraschen, du Snob. Gute Nacht.« Ich umarmte ihn kurz, Justus strich mir über die Schulter. Als hätte ich mich verbrannt, trat ich hastig zurück. Sein frischer Duft hing noch in meiner Nase.

»Gute Nacht, Jo. Schlaf schön.«

Ich stolperte beinahe aus seiner Wohnung. Mein Gott, was war mit mir los? So viel getrunken hatte ich nun auch wieder nicht.

 

In dieser Nacht schlief ich unruhig, träumte unzusammenhängendes Zeug und wachte schweißgebadet auf. Es war bereits hell draußen, stellte ich entnervt fest. Ich fühlte mich wie gerädert, als ich nach meinem Handy tastete, um nach der Uhrzeit zu schauen. Kurz nach sieben las ich. »Ich will nicht«, stöhnte ich, stand aber dennoch auf. Moppel hatte noch keine Lust mein warmes Bett zu verlassen. »Katze müsste man sein«, brummte ich und tapste ins Bad.

Nach einer heißen, sehr langen Dusche, machte ich mir einen Kaffee und setzte mich an die Entwürfe. So recht mochte mir auch heute Morgen nichts gelingen, also zückte ich mein Handy und schaute mir sehr lange Justus’ Bild an. Er hatte ein markantes Gesicht. Seine Nase war etwas zu lang, um perfekt zu sein. Gerade das machte seine Züge zu etwas Besonderem. Sein Kinn war scharfkantig, man hätte es nicht besser zeichnen können. Und seine Augen leuchteten so seelenvoll, dass ich förmlich vor mir sah, wie sie aufblitzten, wenn er amüsiert war. Obwohl es nur ein Foto war, sah ich, was er in dem Moment gedacht hatte. Justus war gar nicht so ein verkappter Spießer, wie er seiner Umwelt weißmachen wollte. Man musste die Lebensfreude nur aus ihm herauskitzeln. So langsam machte mir mein kleines Nebenprojekt wirklich Spaß, nicht nur, weil ich sein Essen mochte.

Kurz vor zehn radelte ich zum Laden, der Rest des Tages flog nur so an mir vorbei. Ich hatte nicht mal Zeit auf Damians Sprüche einzugehen, denn wir hatten viel zu tun. Seltsam, dass an manchen Tagen kaum jemand vorbeikam und dann gab sich ein Kunde nach dem anderen die Klinke in die Hand. Zum Glück. Nicht jeder hatte meinem Projekt Hutladen so optimistisch entgegengesehen, wie ich. Ich war froh, dass ich davon leben konnte. Zwar nicht gut, aber zusammen mit dem Kellnerjob im ›Dicken Engel‹ blieb manchmal am Ende des Monats sogar etwas übrig. Das reichte für mich. Mehrmals schaute ich auf mein Handy, aber Justus blieb stumm. Ja, was sollte er auch von mir wollen. Wir waren ja für heute Abend verabredet.

»Was hast du heute eigentlich dauernd mit deinem Telefon, Herzchen?«, sagte Damian mit einem Unterton, der klarmachte, dass er sehr wohl eine Idee hatte, auf wessen Lebenszeichen ich lauerte.

Ich spürte, wie ich rot wurde. »Ich? Gar nichts.«

Damians Gesichtsausdruck sprach Bände. »So so. Ich verstehe schon.«

»Du verstehst gar nichts, Pummel.«

»Sei nicht immer so fies zu mir. Also, spuck es aus. Was geht bei dir ab?«

»Bei mir geht gar nichts ab. Du weißt doch, dass ich nur an die Hüte denke.«

»Hast du deiner neuesten Kreation den Namen Justus gegeben?«

Ich schnappte nach Luft. »Jetzt spinnst du dir aber etwas zurecht!«

»Komm, irgendetwas ist mit dir los. Eine neue Liebe?«

»Damian, du hast sie nicht mehr alle. Ich komme gerade frisch aus einer Beziehung. Und Justus ist alles andere als mein Typ. Außerdem ist er an jemand anderem interessiert.«

»M-mh«, presste Damian hervor und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Es war offensichtlich, dass er nicht klein beigeben würde. »Und mein Name ist Hase.«

»Du bist verrückt. Total verrückt.« Ich schüttelte den Kopf und fing an Hüte, hin und her zu räumen.

»Du kannst mich nicht anlügen.«

»Ich lüge nicht. Willst du mir jetzt etwas andichten?«

»Na schön. Du bist vielleicht noch nicht so weit. Wollen wir gleich was trinken gehen?«

Shit. Aus der zarten Röte auf meinem Gesicht wurde unter Garantie die Farbe einer überreifen Tomate. »Nee, ich kann nicht.«

»Ach. Sag bloß. Wieso nicht?«

»Ich arbeite an meinen Entwürfen.« Im Grunde war das nur halb gelogen, weil Justus ja tatsächlich mein Model war.

»Also, wenn ich zufällig gegen neun nachher noch bei dir vorbei komme, dann würde ich dich mit Skizzenblock und Bleistift Zuhause finden?«

Ich schloss die Augen und öffnete sie ganz langsam wieder. »Du bist so eine Nervensäge!«

Er wedelte mit seinen Händen vor meinem Gesicht. »Na gut. Heute lass ich dich in Ruhe. Aber am Freitag ist diese Salsaparty. Ich erwarte, dass du mitkommst.«

Die Anspannung fiel etwas von mir ab. »Salsaparty?«

Damian tanzte ein paar Schritte, was bei seiner Statur ein bisschen lustig aussah. Ich verkniff mir einen Kommentar.

»Ja, Salsa. Da gibt es immer heiße Typen.«

»Verstehe.«

»Und, bist du dabei?«

»Klar! Ich liebe es zu tanzen.« Gleichzeitig war ich froh über einen neuen Punkt auf meiner Liste für Justus. Ich war gespannt, wie er sich auf dem Parkett anstellen würde. Aber heute Abend hatten wir etwas anderes vor. »So, und jetzt mach die Fliege, mein Lieber. Ich muss los.«

Damian umarmte mich und verschwand. Ich packte meinen Kram zusammen und radelte zum Supermarkt um die Ecke, kaufte ein paar Snacks und eine Flasche Valpolicella. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie Justus sein Gesicht angewidert verziehen würde. Hach, ich konnte es kaum erwarten. Das würde ein super Abend werden!

Der zwölfte Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 16. Mai, um 18 Uhr.

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