2. Kapitel

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Justus

Beim Abbiegen vom Oranienplatz in die Dresdener Straße war sich so in die Anzeige des Navis vertieft, dass ich beinahe in eine rot-weiß-gestreifte Absperrung krachte. Vor mir parkte ein ganzer Konvoi aus Wohnmobilen und Trucks. Einige waren garniert mit ausladenden Satellitenschüsseln, um andere hatte man Paravents errichtet, so dass zufällig Vorbeilaufenden der Blick in die Wagen versperrt war.

»Was zur Hölle?«, fluchte ich, als auch schon ein langhaariger Typ mit Ohr-Tunneln, durch die man gut und gern Erdnüsse hätte werfen können, auf mich zu kam.

»Hier ist gesperrt, Meister«, kaute er zwischen zwei Kaugummi-Schmatzern Worte heraus.

»Aha, und wieso ist hier gesperrt?«, gab ich zurück. Immerhin war ich ein Anwohner, meinetwegen Neu-Anwohner, dieser heruntergekommenen Straße, an deren Ende sich tatsächlich die abgeschabten Hochhäuser vom Kottbusser Tor – kurz Kotti – zeigten.

»Dreharbeiten!«, ließ er mich wissen. Trotz riesigem Kaugummi-Batzen klang das Wort enorm gewichtig. Vermutlich zuckten sonst alle zusammen oder gerieten in Verzückung, wenn er sich als Mitglied einer Filmcrew outete. Pah, drei meiner Bücher waren verfilmt worden und immer, wenn ich mir ein Set angesehen hatte, war ich auf einen Sauhaufen gestoßen.

Entsprechend unbeeindruckt nahm ich ihn genauer in Augenschein. Abgesehen von den beiden riesigen Metall-Ösen, die seine Ohrläppchen auf mehr als doppelte Größe dehnten, fand ich ein Lippenpiercing und je eine Creole in der rechten Braue und der Nase. Dafür war der Rest des schlacksigen Jüngelchens in schmuckloses Schwarz gehüllt.

»Was für Dreharbeiten?«, wollte ich wissen, obwohl es mich nicht sonderlich interessierte. In Berlin wurde schließlich alle nasenlang irgendein Mist gedreht.

Anscheinend, um mich ebenfalls einer Musterung zu unterziehen, trat er einen Schritt zurück, sprang dann jedoch zur Seite, weil eine Fahrradklingel ertönte. Im nächsten Moment schepperte ein rotes Fahrrad mit einem schwer beladenen Anhänger an ihm vorbei und eine Frau in einem grotesken 60er-Jahre-Kleid, rief mit glockenheller Stimme: »Danke!«

»Was war das?«, fragte ich und wusste, dass dir Ratlosigkeit mir ins Gesicht geschrieben stand, während ich mich bemühte, das Bild dieser Frau zu verarbeiten – oder es zumindest in seine Einzelteile zu zerlegen, um das ... sie ... diese Person greifbarer zu machen.

Petticoats und Blumengirlanden

Wer bitte trug heute noch Petticoats? Und wer wand Plastik-Margeriten um seinen Fahrradlenker? Von den Springerstiefeln an ihren Füßen und dem chaotischen Wirrwarr aus Kisten und Tüten, die auf ihrem Anhänger festgezurrt waren, ganz zu schweigen.

»Das war Jo. Sie zieht heute auch hier ein. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Außerdem müssen Sie jetzt dringend hier weg. Gleich kommt der Catering-Truck, da muss die Zufahrt frei sein.«

»Moment mal!« Innerlich kochte ich mittlerweile. »Wieso darf sie einziehen und ich nicht? Gibt es jetzt selektive Absperrungen, die Autofahrer diskriminieren?« Diskriminierung war ein herrliches Wort. Niemand wollte in den Ruch kommen, sich dessen schuldig zu machen, weswegen die meisten Leute reflexhaft zusammenzuckten und nachgaben, wenn man ihnen damit kam.

Leider war mein »Black Beauty« weniger devot gepolt. Vermutlich hatten schon ganz andere versucht, ihn am Nasenring vorzuführen. »Ein Fahrrad passt hier durch. Ein Auto nicht. Außerdem können Sie nirgends parken, steht ja alles voller Trucks.«

Ha, jetzt hatte ich ihn. Das widersprach doch ganz klar dem, was er vorhin gesagt hatte. »Und wenn der Catering-Wagen kommt?«

Wieder machte er mir einen Strich durch die Rechnung und ging nicht näher auf meine Bemerkung ein. »Lassen Sie das Mal unsere Sorge sein. Hauptsache, Sie verschwinden jetzt.« Kaum hatte er ausgeredet, gab das Funkgerät an seinem Gürtel ein lautes Knacken von sich.

»Attila? Wo bleibst du? Wir müssen das Set umbauen.«

Der Kerl schaute in Richtung Funkgerät und dann wieder zu mir. »Sie haben es gehört. Keine Zeit. Also drehen Sie um, oder ich rufe den Typ vom Ordnungsamt, der hier rumrennt, dann können Sie mit ihm diskutieren. Wird dann allerdings teuer. Ist ja absolutes Halteverbot hier.« Attila nahm sich die Zeit, mich schadenfroh anzugrinsen, dann ging er und ich war froh, mich im Griff zu haben, obwohl mir ein paar Unflätigkeiten auf der Zunge lagen, die sich wahrscheinlich im Bußgeldkatalog des herumstreunenden Ordnungsdienstlers gefunden hätten.

Man trifft sich immer ... dreimal

Mit mahlenden Kiefern machte ich mich daran, den Block, in dem meine neue Wohnung lag, zu umkreisen, wobei die Frau mit dem roten Rad gleich zweimal meinen Weg kreuzte. Sie schien hier bekannt zu sein. Eine Blondine, die an den Außentischen eines Cafés bediente, winkte ihr zu, bevor die Frau vor einem Hutladen Halt machte. Das passte. Zu dem abgedrehten Outfit und dem roten Rad fehlte nur noch ein ausladender Sonnenhut mit Plastikgemüse.

Ich schüttelte noch den Kopf, als hinter mir lautes Hupen signalisierte, dass die Ampel auf Grün umgesprungen war, als ich sah, wie ein altersschwacher Benz aus einer Parklücke manövriert wurde. Prompt blieb ich wieder stehen und hob die Hände, um das Hupkonzert hinter mir zu dirigieren. Angesichts der Tatsache, dass ich in einem Cabrio saß, sehr effektvoll, denn nun wurde vielstimmig aus den offenen Wagenfenstern gebrüllt. Ich schmunzelte. Genau das, was ich brauchte. Ich war nicht hier, um mir Freunde zu machen, sondern um Lokalkolorit zu sammeln und mich inspirieren zu lassen.

Noch immer lächelnd manövrierte ich in die Lücke und lud den Wagen aus, so dass sich das Verdeck wieder schließen ließ. Nur hatte ich jetzt ein weiteres Problem, denn auf dem Bürgersteig türmten sich Kartons, Lampen und meine Koffer. Seufzend schob ich ein Stück vor dem anderen her, bis ich eine geschlagene halbe Stunde später wieder an der Absperrung stand.

»Sorry, aber jetzt drehen wir. Eine halbe Stunde geht hier gar nichts«, ließ Attila mich mit einem vergnügten Aufblitzen seiner grauen Pupillen wissen. Womit er fatal an den Archetypen eines Idioten erinnerte, dem zufällig ein wenig Macht gegeben war.

Ich ließ mich auf den großen Metall-Rollkoffer neben mir fallen und ballte die Fäuste. Das hier war ein Neuanfang. Ein Schritt nach vorn. Ein Befreiungsschlag. Was spielte da eine halbe Stunde mehr oder weniger für eine Rolle? Wie ein Mantra stellte ich die Frage wieder und wieder und versuchte mir vorzumachen, dass es mir egal war, wobei die Wut an meinen Nerven nagte. Bei meinen Signierstunden standen die Menschen Schlange. Sie jubelten mir zu. Ich hatte einen Fan-Club und eine Wikipedia-Seite. Herrgott, ich war nicht irgendwer, den man wie ein kleines Kind in die Ecke stellte und dabei zwang, auf eine rot-weiße Absperrung zu starren.

›Klingeling‹. Ich wusste, wer hinter mir war. Das glockenhelle Bimmeln gehörte zu dem Fahrrad der leicht verrückt anmutenden Frau. Augenblicklich überzog ein Strahlen Attilas pockennarbiges Gesicht. Anscheinend mochte er die Kleine, die ich bisher nur von hinten oder im Halbprofil gesehen hatte. Ich versuchte mir auszumalen, wie eine Frau, die Attila gefallen konnte, aussah. Drei Piercings. Mindestens. Dazu angeklebte Wimpern und ein Gesicht wie für den Fasching angemalt. Auf das Schlimmste gefasst drehte ich mich um und war auf Augenhöhe mit einem paar so sinnlich schöner rehbrauner Augen, dass ich scharf die Luft einsog.

Diskussionen

»Kann ich kurz durch?« Ihre Stimme war angenehm. Hell aber nicht schrill. Die Worte klar und doch nicht überakzentuiert. Hätte ich sie im Radio gehört und mir die Sprecherin ausgemalt, sie hätte genau die herzförmigen, rosigen Lippen gehabt wie dieses Mädchen.

»Sorry, im Moment drehen wir. Aber wenn du magst, park dein Rad hinter dem Catering-Truck, dann spendier ich dir einen Kaffee für die Unannehmlichkeiten.« Das süffisante Grinsen war von den Lippen des Kerls, der jeden Metalldetektor zum Glühen bringen musste, verschwunden. Stattdessen wirkte er aufrichtig bedauernd.

Die feinen Züge ihres schmalen, ebenmäßigen Gesichts verzogen sich fast unmerklich. »Geht auch Tee? Ich habe heute schon so viel Kaffee intus, dass es ein Wunder ist, dass ich den Lenker ohne zu zittern halten kann.«

»Sogar Wein und Sekt hat das Ding geladen«, gab Attila eifrig zurück und dabei war ihm deutlich anzusehen, dass er die Kleine zu gern abgefüllt hätte, wenn sie ihn dafür ranließ. Nun war es an mir, die Lippen zu einem süffisanten Lächeln zu verziehen.

Erwartungsgemäß winkte das Mädchen ab. »Tee reicht völlig. Hauptsache ich kann das Rad bei euch parken, damit nichts wegkommt. Ich muss nämlich gleich wieder rüber in den Laden.«

Attila nickte und rückte die Absperrungen, die jetzt dichter beieinander standen, für die Kleine aus dem Weg. Sie schlüpfte – ihr Fahrrad schiebend – hindurch, woraufhin Attila die Straße wieder dichtmachte.

»Moment mal«, ich beeilte mich aufzuspringen. »Wieso darf sie ihr Zeug unterstellen und ich nicht?« Meine Schultern strafften sich. Es war erbärmlich, wie ein kleines Mädchen zu quengeln, aber ich dachte nicht daran, mich von diesem Mädel abhängen zu lassen.

Leider schien es Attila völlig gleichgültig zu sein, was ich wollte. »Dauert nicht mehr lange, Mann. Und danach ist eine Stunde Mittagspause, da können Sie ihren Kram zur Haustür schleppen.« Er wandte sich ab, griff jovial an den mit Blumen verzierten Lenker und schob das Rad auf einen Wagen zu, der jetzt quer zwischen den anderen Trucks parkte.

Wollte ich es darauf ankommen lassen, hier eine Szene zu machen und erkannt zu werden? Definitiv nicht! Immerhin hatte sich ein Haufen Schaulustiger angesammelt, um einen Blick auf die Filmcrew und besser noch die Schauspieler zu erhaschen. Seufzend ließ ich mich wieder auf den Koffer sinken. Das war ein Tiefpunkt. Selbst als endlich ein anderer Knabe mit Walkie-Talkie am Hosenbund und langem, fettigem Haar auf mich zu kam, um mir zu bedeuten, dass ich jetzt zum Haus gehen durfte, hob sich meine Stimmung nicht. Schließlich musste ich den Berg aus Koffern, Kisten und Möbelstücken noch fünfzig weitere Meter vor mir her schieben.

Als es endlich vollbracht war zog ich den Zettel mit dem PIN-Code für das vordere Tor aus der Hosentasche. ›4711‹ – wie sinnig. Ich hämmerte die Zahlen ein und der rechte Flügel der hölzernen Doppeltür sprang auf. Dahinter tat sich ein Gang auf, von dem rechts der Eingang ins Vorderhaus abzweigte. Lief man weiter, landete man im Innenhof, in dem unzählige Fahrräder unter einem Carport standen – darunter das rote Rad der Verrückten. Ich fluchte innerlich. Wahrscheinlich hatte die Kleine längst all ihre Kisten ausgepackt und sich häuslich eingerichtet, während ich noch auf gepackten Koffern gesessen hatte.

Grimmig schob ich meine Sachen in den Gang, öffnete die Haustür und trug das Zeug ins Innere der Erdgeschosswohnung, in der die Luft abgestanden roch. Dann warf ich die Tür ins Schloss und ging durch die hohen, lichtdurchfluteten Räume. Robert und Susanne hatten nicht zu viel versprochen. Die Wohnung war top saniert. Die Bäder neu. Die Küche stammte von einem edlen Hersteller und war so minimalistisch und stylisch, wie ich es mochte.

Aufatmend ging ich ins Wohnzimmer, das mit zwei breiten, kunstvoll geschnitzten Schiebetüren von der Wohnküche abgetrennt war. Im üppig begrünten Innenhof war es erfreulich still. Ich riss die Flügeltüren zu dem nachträglich angebauten Balkon auf, holte die Kiste mit meinem Laptop und die Stehlampe und stellte beides neben den Esstisch, nachdem ich ihn nahe an die Terrassentür gezogen hatte.

So viele Handlungsorte

Wenn die lästigen Umwege dieses Vormittages einen Vorteil hatten, dann, dass mir tausend und eine Idee für die romantische Komödie gekommen waren. Das Café war nett und könnte ein Handlungsort werden. Sofie würde sich darin wohlfühlen. Dann der kleine Schmuckladen, der direkt neben der Absperrung lag. Meine Frau, wie ich Sofie in Gedanken noch immer nannte, wäre begeistert von den unkonventionellen Designer-Stücken. Kühl, sachlich. So etwas liebte sie – und damit kam auch der Schmuckladen für eine Szene in Betracht.

Ich sah förmlich vor mir, wie ihre Augen leuchteten, wenn Sofie das Buch las, klappte meinen Laptop auf ... und zuckte zusammen. »Was zum Teufel?« Ich sprintete raus auf die Terrasse. Gegenüber, in einem Anbau, der bis in die Mitte des Hofes ragte, tobte ein frenetischer Krach. War das Metal? Oder Hard Rock? Jedenfalls standen in der Wohnung, aus der der Hof beschallt wurde, die Fenster sperrangelweit auf.

Eine typische Studentenbude. Die Küche bestand aus einem schmalen Kühlschrank, zwei Kochplatten und einer Spüle. Direkt davor stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Auf der anderen Seite des breiten, bodentiefen Fensters, das in die Mitte der langen Wand eingelassen war, gab es ein schmales Bett, ein Sofa und einen Couchtisch. Beides war mit Kartons, einer Unmenge Tüten und Hutschachteln zugestellt. Wer auch immer diese Wohnung bewohnte, war nicht zu sehen. Klar, bei dem Krach verzog man sich besser. Da drin musste eine Lautstärke herrschen, als würde jemand Düsentriebwerke auf höchster Stufe laufen lassen.

Ich hatte schon den Mund aufgeklappt, um meinem Ärger Luft zu machen, als genau gegenüber des mittigen Fensters eine Tür aufgestoßen wurde. Die Irre! Nur trug sie diesmal nicht ihr weitschwingendes Petticoat-Kleid, sondern hauchzarte Panties aus Spitze und einen BH, der ihre überaus ansehnliche Oberweite in Form hielt.

Fast schien es, dass sie meinen Blick spürte, denn sie hob den Kopf. Blitzschnell sprang ich zurück ins Wohnzimmer und presste mich mit dem Rücken gegen die Wand, hinter der die Terrasse lag. Mein Herz klopfte wie wild, ohne dass ich hätte sagen können, warum. Sie war garantiert nicht das erste Mädchen, dass ich in Unterwäsche sah. Abgesehen davon, dass sie nicht annähernd mein Typ war. Ich mochte Frauen, die mondän waren – wie Sofie. Und die hätte sich lieber einen Kopfschuss verpasst, als mit Springerstiefeln, einem Petticoat und Plastikblumen durch Kreuzberg zu radeln.

Die Musik wurde abgestellt. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Nun stand sie mit dem Rücken zu mir. Ich sog scharf die Luft ein. Sie war beileibe kein Laufstegmodell, aber die üppigen Kurven verpackt in Spitzendessous und die langen dunklen Locken, die über ihren Rücken wogten, waren sehenswert. Sie mochte verrückt sein, aber ihre Proportionen stimmten. Außerdem erinnerte sie mich verdammt an eine Werbung für Körperlotion, bei der lauter mollige Models sich in Unterwäsche amüsiert hatten.

Langsam begann die Sache, mich zu interessieren. Offensichtlich war sie hier im Viertel bekannt, ja, sogar beliebt, also musste sie schon länger hier leben. Was bewog sie, in dieses winzige Einraum-Apartment zu ziehen? Zumal es andere Möglichkeiten gab. Robert hatte mir erklärt, das komplette Vorderhaus sei saniert, es stünden weitere Wohnungen leer. Hm ... Trennung? Scheidung? Oder war sie weggewesen und kehrte gerade erst zurück? Diese Variante schloss ich allerdings aus. Nein, die Bude, aus der sie all die Kisten und Tüten geholt hatte, konnte nicht weit entfernt liegen. Schließlich war sie mit dem Rad mindestens dreimal hin und her gependelt, während ich mit Attila diskutiert und einen Parkplatz gesucht hatte.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich wie ein vierzehnjähriger Spanner, der soeben seinem feuchten Traum begegnet war, um die Ecke glotzte. Ich wollte mich abwenden, doch da beugte sie sich vor und präsentierte mir ihr pralles Hinterteil auf dem Präsentierteller. Ich schluckte, weil sie keine Anstalten machte, sich wieder aufzurichten, sondern ungeniert begann, Klamotten aus einem der Kartons vor dem Bett zu rupfen. Röcke, Kleider, Blusen - alle ähnlich farbenfroh wie das fragwürdige Petticoat-Modell, flogen wild durch den Raum, bis sie das gesuchte fand. Einen Jeans-Rock, in den sie hastig überstreifte, bevor sie ein blau-weiß geringeltes Shirt überzog und in ein paar Ballerinas schlüpfte. Mit ein paar schnellen Handgriffen nahm sie die wallende Mähne zusammen und band sie zu einem unordentlichen Knoten.

Die Show ist vorbei, du solltest dich verpissen, bevor sie dich entdeckt, mahnte die Stimme in meinem Hinterkopf. Doch die Sorge, die könne mich entdecken, war so überflüssig wie ein Kropf. Ohne hinzusehen, kickte sie die beiden Fensterflügel zu, griff etwas aus dem Chaos und rannte zur Tür heraus. Weder hatte sie die Fenster verriegelt, noch das Licht gelöscht. Mit gerunzelter Stirn trat ich hinaus auf den Balkon und sah, wie sie über den Hof in Richtung Fahrradständer rannte.

In dem Moment fiel es mir wieder ein. Jo! Dieser Kretin aus der Filmcrew hatte sie Jo genannt. Wofür stand die Abkürzung? Josefine? Johanna? Es bereitete mir tatsächlich Kopfzerbrechen. Dabei war die Frau indiskutabel. An ihr klebte das Chaos. Sie war zu rund, zu sehr Kumpeltyp und ihr Musikgeschmack gelinde gesagt eine Katastrophe. Sie ...

Schreibblockade?

In der Hosentasche vibrierte mein Handy. Ich fischte es heraus und nahm das Gespräch gedankenverloren an, wobei ich das Fenster nicht aus den Augen ließ. Sie musste doch zurückkommen.

»Hi, Robert hier. Wieso meldest du dich nicht?«

»Weil ich ...«, ich sah auf das Display, denn ich war sicher, dass sein Foto beim Klingeln nicht aufgeblinkt hatte. »Was ist das für eine Nummer?«

»Ach«, erwiderte er gelangweilt und ich sah förmlich vor mir, wie er ungeduldig die Hand durch die Luft fahren ließ, »ich hatte da ein paar Probleme?«

»Probleme mit deiner Nummer?«, gab ich geistesabwesend zurück, denn ich starrte noch immer auf das Fenster, das jetzt wieder aufgesprungen war.

»Nein, Probleme mit einer Frau, die meine Nummer ein wenig überstrapaziert hat. Egal. Jetzt geht es um dich. Sag schon: Bist du gut angekommen? Sitzt du schon am Schreibtisch? Bringt der Umzug etwas?« Er machte keinen Hehl aus seiner Ungeduld.

»Dir ist schon klar, dass ich den Schlüssel erst seit heute habe? Ich bin gerade erst angekommen.« Dass ich mir eine Auszeit als Voyeur gegönnt hatte, ging Robert nun wirklich nichts an.

»Oh ... okay.« Seine Enttäuschung war förmlich zu greifen. »Und wann legst du endlich los?«

»Sobald du nicht mehr nervst!« Erwiderte ich mit Nachdruck.

»Soll das heißen, wenn ich morgen vorbeischaue, hast du schon etwas zu lesen?«

Ich rang mir ein müdes Lachen ab. »Wann hätte ich dir jemals ein unfertiges Manuskript gezeigt?« Kaum hatte ich es ausgesprochen, beschlich mich die Angst, meine Schreibblockade könne mich klammheimlich bis hierher verfolgt haben. Was, wenn ich noch nicht mal einen seichten Frauenroman zustande brachte? Nervös starrte ich auf mein Laptop. »Wenn du willst, dass ich schreibe, dann gönn mir Ruhe vor dir. Susanne und ich haben den Plot soweit fertig.« In der Tat hatte ich sie in den Tagen vor dem Umzug fast rund um die Uhr mit Beschlag belegt. Im Grunde war es leicht. Ich musste mich nur hinsetzen und die Liebesgeschichte, die wir um mich und Sofie gesponnen hatten, zu Papier bringen. »Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt. Bis dahin bin ich im Arbeitsmodus.« Robert wusste, dass das ein Synonym dafür war, dass ich ab jetzt auch nicht mehr ans Telefon gehen würde.

»Gut ...«, er klang verunsichert. »Dann lasse ich dich also jetzt?« Er tat doch wirklich, als müsse er mich beim Arbeiten betüddeln.

Seufzend überlegte ich, ob wir im letzten Jahr vielleicht zu viel Zeit miteinander verbracht hatten. »Ja, lass mich. Ich habe die Deadline im Kopf.« Ich verabschiedete mich und schaltete das Handy auf stumm. Doch statt mich an den Schreibtisch zu setzen, kramte ich Sportzeug aus meinem Koffer und wappnete mich innerlich dafür, Attila niederzuschlagen, falls ich das Haus nicht verlassen oder die Straße entlangjoggen durfte.

Auf alles gefasst trat ich aus dem Haus und starrte fassungslos auf ein Dutzend freier Parkplätze. Der Spuk war vorbei, die Karawane weitergezogen. Trotzdem schaute ich mich nach der Irren um. Vergeblich.

Der nächste Teil des Blogromans von Karin Lindberg und Anne/AnnD. Stevens erscheint am Mittwoch, 11. April, um 18 Uhr.