6. Kapitel

Johanna

Erzählst du mir, was mich erwartet. Oder soll ich mich überraschen lassen?« Justus ging gut gelaunt neben mir die Straße hinab.

»Ich gebe dir einen Tipp«, sagte ich und deutete auf meinen Fliegenpilz-Fascinator.

Der Blick, mit dem er den Wink quittierte, war sehenswert. Irgendwo zwischen Entsetzen und Belustigung.

»Ich mache Hüte!«, half ich ihm auf die Sprünge, bevor er noch etwas Dämliches über den Hut sagte, an dem ich sehr hing. Stunden hatte ich damit zugebracht, leuchtend rote und weiße Rohseide zu diesen filigranen Pilzen zu arbeiten und sie auf grünem und braunem Tüll so zu arrangieren, dass es aussah, als trüge ich tatsächlich den winzig kleinen Ausschnitt einer Waldlichtung auf dem Kopf.

»Und das läuft gut?« Er bemühte sich redlich, die Skepsis aus seiner Stimme zu verbannen, doch es misslang.

Daran war ich gewöhnt. »Hüte liegen voll im Trend. Seit Kate Middleton ständig in den Medien ist, trauen sich viel mehr junge Frauen, so etwas zu tragen«, leierte ich leidenschaftslos herunter. »Ich kann also nicht klagen, wenn man bedenkt, dass ich den Laden erst seit einigen Monaten habe.«

Justus schien nicht überzeugt. Ich sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. »Also meinen Bekanntenkreis hat dieser Trend noch nicht erreicht.«

»Dann gehst du zu selten auf Hochzeiten, zu Taufen oder anderen feierlichen Anlässen.« Diesmal klang ich heftiger und war mir vage bewusst, dass ich schon wieder unangemessen heftig auf ihn reagierte.

Justus hob die Hände wie die Leute in Filmen, wenn sie zeigen wollen, dass sie unbewaffnet sind. »Schon gut, ich glaube es ja.« Ein leichtes Lächeln legte sich um seine Lippen. Zum Glück kamen wir in diesem Moment vor dem Laden an, so dass ich keine Zeit mehr hatte, ihn albern anzuschmachten.

Das Glöckchen über der weiß lackierten Holztür bimmelte, als wir den Laden betraten. Damian, der in irgendetwas auf dem Tresen vertieft gewesen war, schreckte hoch. Ich sah wie sein Mund aufklappte und hörte das Klacken, als er die Kiefer wieder zuschnappen ließ. Beuteschema-Alarm, ganz eindeutig, denn mich nahm Damian überhaupt nicht zur Kenntnis.

Dafür kam er auf seinen kurzen Beinen um den Tresen herumgewieselt. »Guten Morgen!«, fistelte er und schoss mit ausgestreckter Hand auf Justus zu.

Falls der über all die Ringe an den pummeligen Fingern erstaunt war, zeigte er es nicht. Allerdings zeigte er jetzt nicht die »vollendeter Gentleman«-Masche, mit der er Frau Werntges um den Finger gewickelt hatte, sondern so maskulin wie gestern, als ich seinen Kaffee vergossen hatte. Damians Augen glänzten, es hätte mich nicht gewundert, wenn er sich darüber gerieben hätte. Nur, um sicherzugehen, dass er keiner Fatamorgana aufsaß.

»Freut mich ebenfalls«, gab Justus lässig zurück und ergriff seine Hand. Ich sah, wie kraftvoll er zudrückte und tippte darauf, dass er in Damian gerade jede Erinnerung an den appetitlichen Fahrradboten ausgelöscht hatte.

»Wen bringst du mir denn da mit? Und wieso hast du ihn nicht angekündigt«, fragte Damian, ohne mich anzuschauen. Von der Seite sah ich, wie sich ein Lächeln auf seinem freundlichen, runden Gesicht abzeichnete. Also wirklich, langsam wurde es lächerlich. Musste denn jeder Single Justus anstrahlen als wäre er ein Geschenk der Götter?

»Damian das hier ist ein Laden. Die Leute kommen und gehen ohne vorherige Terminabsprache.« Kaum war es aus mir herausgeplatzt, war ich peinlich berührt von meiner schnippischen Antwort. Darum beeilte ich mich, Damian weit freundlicher zu versichern, dass Justus sich nur kurz den Laden ansehen wolle.

Justus nickte und zog seine Hand zurück. Es schien mir, als gäbe Damian sie nicht gern her.

»Ach«, mein schwuler bester Freund wurde ganz eifrig, »vielleicht zeige ich ihm die Auslagen besser.« Klar, weil er sich sonst in meinem vierzig Quadratmeter kleinen Lädchen verlaufen würde!

So sehr ich mich auch bemühte, Damians Flirt ging mir gewaltig gegen den Strich. »Dann gehe ich mal nach hinten in die Werkstatt und kümmere mich ...« Ich stoppte, denn es schien die beiden sowieso nicht zu interessieren, ob ich dort einen ambitionierten Lapdance an der Kleiderstange hinlegen oder mir auf dem Sofa ein Nickerchen gönnen wollten. Sie verschwanden angeregt plaudernd zwischen den Birkenstämmen, auf denen die Hüte drapiert waren.

Dummerweise wollte es mir heute nicht gelingen, mich mit Arbeit abzulenken. Ich hatte ein todschickes neues Herbsthütchen aus weinrotem Wollfilz vor mir auf dem Tisch, dazu ein halbes Dutzend Seidenblumen, Zierbänder und Knöpfe in korrespondierenden Farben, doch die Eingebung, wie ich die schlichte Form dekorieren sollte, wollte einfach nicht kommen. Ich hockte auf meinem Stuhl. Genauer gesagt kippte ich beim Versuch, das Ohr möglichst nah an den Vorhang zu halten, der Werkstatt und Laden voneinander trennte, beinahe auf die Erde.

Irgendwann fasste ich mir ein Herz, stand auf und bot Justus einen Kaffee an. »Ich habe eine ganz neue Maschine, die richtig feine Crema macht«, erklärte ich begeistert.

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Justus quittierte es mit erhobenen Brauen. »Besser nicht«, sagte er, »ich brauche die Hose noch.« Dann zwinkerte er so einnehmend, dass ich wusste, dass er es nicht böse meinte. Doch bevor ich noch etwas sagen konnte, plapperte Damian schon wieder los und belegte meinen Gast mit Beschlag. Seufzend ging ich wieder nach hinten und lauschte, ohne ein Wort zu verstehen. Worüber unterhielten die beiden sich so angeregt? Und was gab es da zu lachen? Und die Frage der Fragen: Warum war Damian von dieser starken, männlichen Aura nicht halb so eingeschüchtert wie ich? Grimmig heftete ich probehalber ein Arrangement aus Glitzer-Steinchen und Knöpfen an den Hut. Es sah grauenhaft aus. Tatsächlich dekorierte ich den Hut noch dreimal neu, bevor Justus an den Vorhang trat, sich räusperte und auf mein »Herein!« den Stoff beiseite schob.

»Ich muss dann jetzt wieder ... Ciao, Johanna, wir sehen uns!« Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Eindruck, dass er es bedauerte, los zu müssen. Doch dann lächelte er, ließ den Stoff wieder vor die Öffnung fallen und ich hörte seine Schritte sich entfernen.

Noch während das Glöckchen an der Vordertür bimmelte, flog der Vorhang beiseite und Damian schoss herein. Verbissen starrte ich auf den Hut, doch es half nicht. Mein Freund fiel gnadenlos über mich her.

»Da lässt du mich meine Aufmerksamkeit an einen Fahrradkurier verplempern, während du dieses ... diesen Gott hereinbekommen hast?«, fiel er gleich mit der Tür ins Haus.

Ich wandte mich zu ihm um. Er stand da mit grimmiger Miene, die Hände in etwa dort aufgestützt, wo bei anderen Menschen die Taille zu finden war. »›Hereinbekommen?‹ Du meinst, wie einen Ballen Stoff oder eine Knopf-Lieferung.«

»Nein! Im Sinne von: Er wohnt in deinem Haus und du hast mich nicht umgehend eingeladen?«

Ich seufzte. »Wenn du mich fragst, ist er nicht schwul!«

»Natürlich nicht! Oder sagen wir: Er könnte es schon werden, hat aber noch nie in die Richtung gedacht. Vertrau mir, ich kenne diese Typen. Leben jahrzehntelang vor sich hin, ohne zu wissen, was ihnen wirklich fehlt.«

»Ah ...« Ich brachte es ebenso gedehnt wie lahm heraus. »Und du meinst, jetzt, wo er dich kennt ...?«

Damians Gesichtszüge glätteten sich. Das Lächeln wich einem unbestimmten Leuchten, das ich nicht deuten konnte. »So weit sind wir noch nicht. Lass mich dir sagen, was hier haben, Engelchen: Ich bin Single! Du bist Single! Er ist Single! Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich da nicht irgendeine Schnittmenge auftäte.«

Vermutlich glotzte ich ziemlich begriffsstutzig, denn es war genau das, was ich fühlte: absolute Ahnungslosigkeit. »Willst du damit sagen, wir sollten eine Ménage à trois ...«

»Igitt, nein!«, rief Damian dazwischen. »Nimm’s mir nicht übel, aber du und ich ... da tut sich nichts. Doch einer von uns beiden wird sich in Kürze über den Jackpot freuen dürfen. Hast du diesen Rücken gesehen? Und die Arme! Stark und mächtig«, er machte eine Pause, in der er ausgiebig und vielsagend mit den Brauen wackelte. »Ich habe die Beine noch nicht gesehen, aber ich wette, der kleine Kurier muss sich warm anziehen, um da mitzuhalten. Der Hintern ist auf jeden Fall spitzenklasse. In diesen Chinos sieht man das wenigstens.«

Diesmal waren es keine Flöhe, die durch meinen Bauch hüpften. Vielmehr grummelte und grollte es, als würde eine Lawine sich für den Abgang bereitmachen. »Es ist wirklich lieb, dass du dabei auch an mich denkst, aber ich bin noch nicht so weit. Ich habe Oli versprochen, dass ich noch mal über alles nachdenke.« Auch wenn der sich seit unserem verheerenden Makler-Termin vor einer Woche nur mit ein paar nichtssagenden Kurzmitteilungen gemeldet hatte. Doch wenn ich Damian das auf die Nase band, würde er jede einzelne Silbe analysieren wollen, weswegen ich ihm noch nichts davon gesagt hatte.

»Oli ist Geschichte! Wenn du noch eine Chance sehen würdest, wärst du mit ihm umgezogen. So bist du! Du hast einen langen Atem und hoffst immer, dass am Ende doch noch alles gut wird. Wenn du aufgibst, ist es aus!« Ich fragte mich woher er diese Gewissheit nahm, ging jedoch nicht weiter darauf ein.

»Lass das mal meine Sorge sein. Ich bin jedenfalls nicht interessiert. Justus ist absolut nicht mein Typ.« Kaum war es heraus, verengten sich Damians Augen leicht, so, als würde er mich ins Visier nehmen. Ein Stich durchfuhr mich. Ich kam mir vor wie bei einer Lüge ertappt.

»Das kannst du deiner Großmutter weismachen. Ich«, er breitete die Arme aus wie der Papst zur Segenssprechung, »kenne dich! Du bist interessiert. Und du willst um jeden Preis verhindern, dass er das merkt.«

Zu meiner grenzenlosen Erleichterung bimmelte vorn das Glöckchen. Ich sah Damian an, wie gern er weiter auf mich eingeredet hatte. Trotzdem machte er kehrt und ging nach vorn. Erleichtert ließ ich mich gegen die Rückenlehne des Stuhls plumpsen. Das war alles zu viel. Ich war frisch getrennt, hatte den moppeligen, einäugigen Kater noch nicht wieder eingefangen und jetzt auch noch einen Kerl am Hals, über den ich mir viel zu oft das Hirn zermarterte.

Zum Glück hielt Damian sich bis zur Pause mit weiteren Bemerkungen zurück. Na ja, genaugenommen verdankte ich seine Zurückhaltung der Kundschaft, die uns heute die Tür einrannte. Als es endlich Zeit war, Mittag zu machen, schloss ich den Laden ab und beeilte mich, Damian zu verabschieden. Dann lief ich hektisch los. Ich würde mir bei Lotti einen Salat gönnen und danach vielleicht ein Nickerchen machen, bevor ich um drei Uhr wieder aufsperren müsste.

Die Aussicht auf Ruhe und etwas zu Essen beflügelte mich so, dass ich die Straße herunterstürmte, als wäre ein Schwarm Wespen hinter mir her. Ich war schon fast bei Lotti, da hupte es. Ohne zu stoppen sah ich zur Seite und prallte im nächsten Moment gegen etwas Hartes und zugleich Nachgiebiges. Ich riss den Kopf herum und taumelte zurück. Justus Hände packten mich. Klar, seine Einkäufe waren eben auf die Straße gepurzelt, da konnte er ebenso gut mich festhalten.

»Verflixt, Jo«, er funkelte mich böse an. »Kannst du denn nicht aufpassen?«

»Ich ... ich ...« Ich hätte diesen Satz selbst stotternd gern zu Ende gebracht. Doch ich schämte mich so sehr für das Blut, das mir in die Wangen sprudelte und mich noch röter leuchten ließ als Frau Werntges, dass ich einfach nur dastand und Justus anstarrte. Mein Brustkorb hob und senkte sich schnell und das nicht nur, weil ich mich erschreckt hatte. Er war mir nah, sehr nah. Und er roch so gut, dass ich am liebsten meine Nase in sein Hemd gedrückt und tief eingeatmet hätte. Stattdessen trat ich stammelnd einen Schritt zurück und riss die Augen auf.

Der nächste Teil unseres Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 25. April, um 18 Uhr.