7. Kapitel

Kapitel 7

 

Justus

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Ich wusste, dass ich mit meiner schlechten Laune raumfüllend sein konnte und meistens tat mir das auch nicht leid. Nur gerade jetzt ... Jo stand noch eine Menge Arbeit mit ihrem Selbstbewusstsein bevor. Sie steckte meine brummigen Kommentare nicht einfach so weg, sondern beeilte sich mit so hochrotem Kopf, meine frisch eingekauften Delikatessen einzusammeln, dass ich mich für meinen pampigen Spruch schämte. Was wahrlich nicht oft vorkam.

Aus meiner Sicht ließ sich die Welt in zwei Hälften teilen. Vollidioten und Idioten, die sich einigermaßen im Griff hatten, so dass man mit ihnen umgehen konnte. Nur war das hier eine völlig andere Welt. Die Leute in diesem Viertel sagten Dinge nicht nur – sie meinten sie auch. Das höflich gezierte Getue, mit dem in Potsdam jeder jeden auf Abstand hielt, war mir in Kreuzberg noch nicht begegnet. Im Gegenteil konnten die Leute sich gar nicht nahe genug kommen. Siebzigjährige Rentnerinnen und rundliche Schwule, die mich ungeniert anschmachteten. Jo, die in jedes einzelne Leben in dieser Straße verstrickt schien. Sei es, weil sie nach dem Einkaufen einen Plausch an der Wohnungstür hielt oder beim Kellnern im Café und der Kneipe, die ich von innen noch nicht gesehen hatte, mit den Leuten ins Gespräch kam.

»Hast du schon was zu Mittag gegessen?« Hoppla! Wo kam denn das her? Ich hatte mich gerade für das Aufsammeln der Einkäufe bedanken wollen, doch stattdessen ... Shit, es hatte geklungen, als wolle ich sie einladen. Tja, vielleicht wollte ich es sogar. 

Nur für die Recherche, sagte ich mir dann. Sie war ausgeflippt und redselig, genau das, was ich brauchte, um endlich ein paar Ideen für meinen Roman zu sammeln.

Jo drückte mir die Poulardenbrust in die Hand und trat dann hastig zurück. »Nein, ich ...«, sie deutete zum Eingang des Cafés, der keinen Steinwurf entfernt lag.

»Du?«, fragte ich und bemühte mich, sie freundlicher anzuschauen. Was auch umgehend half. Sie entspannte sich. Es gefiel mir, dass sie so stark auf meine Gesten reagierte. Das zeigte, wie empathisch sie war.

»Ich wollte mir einen Salat bei Lotti holen und mich dann in den Hof setzen.«

»Salat?«, ich lächelte sie an. »Da habe ich etwas Besseres. Wie wäre es mit einer schönen Poulardenbrust auf Kichererbsenschoten. Dazu gibt es Wildreis mit handverlesenen Sultaninen und Safran.«

Ihre Augen wurden groß. Sie sah hinab auf die Einkäufe, die sich in meinem Arm stapelten.

»Du kannst kochen!« Eine Feststellung. Dabei hätte sie nicht erstaunter sein können, hätte ich ihr soeben offenbart, dass ich die nächste Raummission leiten würde.

»Darf ich deiner grenzenlosen Verwunderung entnehmen, dass du es nicht kannst, oder dass du es mir lediglich nicht zutraust?«

Sie schüttelte den Kopf, wobei der Wust dunkler Locken um ihre Schultern flog. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie den lächerlichen kleinen Hut abgenommen hatte. Auch die Weste war weg. In dem Shirt und dem gepunkteten Mini-Rock sah sie einfach herrlich frisch und sommerlich aus. Sie mochte irre sein. Aber sie war eine verdammt appetitanregende Irre.

»Gut. Also lade ich dich auf meine Terrasse ein. Ich koche ohnehin nicht gern für mich allein.« Erstens, weil ich es in der Küche zu wahrer Meisterschaft gebracht hatte und es mochte, das Ergebnis mit jemandem zu teilen, der es zu würdigen wusste. Zweitens, weil ich viel zu viel eingekauft hatte. In diesem neuentdeckten Feinkostladen fühlte ich mich wie eine Frau im Schuhladen.

»Und es macht dir wirklich nichts aus. Ich meine, du musst dich nicht verpflichtet fühlen. Bei Lotti schmeckt es sehr gut.«

»Fühle ich nicht.« Um genau zu sein hatte ich es vor Jahren aufgegeben, mich anderen Menschen verpflichtet zu fühlen. Eine Erkenntnis, zu der mich mein Vater getrieben hatte. Nach dem Tod meiner Mutter hatte er sich am liebsten in sein Bildhauer-Atelier verkrochen und mich wie eine Pflicht behandelt. Eine lästige Pflicht, der er mit der Stechuhr nachgekommen war. Morgens, mittags und abends hatte der Wecker gerappelt und ihn daran erinnert, dass er irgendetwas Nahrhaftes auf den Tisch bringen musste. Mindestens einmal in der Woche hatte es Dosen-Ravioli gegeben und am Wochenende einen großen Schwung frisch gewaschener Wäsche und die obligatorische Schultaschen-Kontrolle. Ich schätzte, hätte er sich mir weniger verpflichtet gefühlt und mich mir mehr selbst überlassen, wären wir glücklicher gewesen. Insofern: Nein, ich fühlte mich Jo gegenüber frei, Nein zu sagen, wann immer mir danach war.

»Also gut. Ich habe das zwar noch nie gegessen, aber ich bin da auch nicht sonderlich heikel.« Ein Lächeln, diesmal schüchtern, umspielte ihre Mundwinkel.

Ich nickte bloß, denn das eben war nicht gerade ein Kompliment gewesen. »Dann wäre es nett, du würdest die Tür ...« Ich nickte mit dem Kinn in Richtung des Ziffernblocks, in den man den Tür-Code eingeben musste.

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Jo beeilte sich, mit leicht federndem Gang voranzuschreiten. Ich kam nicht umhin ihre perfekt gerundeten Hüften zu registrieren, die mit jedem Schritt sanft hin und her wogten. Vor der nächsten Tür, die in den Flur des Vorderhauses führte, blieb sie stehen. »Den Schlüssel findest du in meiner rechten Hosentasche«, sagte ich, denn ich wollte nicht riskieren, einen meiner verschränkten Arme zu lösen. Der Lebensmittelstapel wankte auch so schon gehörig.

»Wie jetzt?« Sie schaute mich ungläubig an.

Ich atmete ungeduldig aus. »In meiner rechten Hosentasche, würdest du bitte …?«

»Ich soll in deiner Hose rumfummeln?«

Ich spürte, wie meine Mundwinkel zuckten. »Ähm, ja, wenn du es so nennen willst? Nur bitte, mach, sonst verteile ich das ganze Zeug hier auf dem Boden.«

Jo verdrehte die Augen und trat ein bisschen ungelenk auf mich zu. »Rechte, hast du gesagt?«

»So ist es.«

Okay, ein bisschen genoss ich es, sie so verlegen zu erleben. Gleichzeitig wurde ich mir ihrer Nähe sehr bewusst, als sie ihre schlanken Finger in meiner Hosentasche schob. Mein Herz schlug schneller und obwohl ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, musste ich doch zugeben, dass mich ihre Nähe nicht kalt ließ.

»Tadaaa«, rief Jo und hielt die Schlüssel triumphierend vor meine Nase.

»Schön, würdest du auch aufschließen?« Das Blatt hatte sich gewendet, wo es ihr eben noch unangenehm gewesen war, so schien sie es nun zu genießen, mich vollbepackt vor meiner Wohnung stehen zu lassen, während sie ihren Kopf neigte und mich mit blitzenden Augen anschaute.

»Machen deine so hübsch trainierten Muskeln schon schlapp?«, neckte sie mich, machte sich dann aber doch daran, mich zu erlösen.

Ich sparte mir einen Kommentar, hatte ich doch noch zu gut in Erinnerung, wie bedröppelt sie mich vorhin angesehen hatte, nachdem sie mich umgerempelt hatte.

Ich folgte ihr in meine Wohnung und versuchte, die Räume, für die ich mich bisher nicht sonderlich interessiert hatte – schließlich sollten sie eine reine Arbeitsumgebung sein – mit den Augen einer Fremden zu sehen. Es war schlicht und sachlich, aber geschmackvoll. Ohne Umschweife hielt ich auf die hochglänzende, weiße Kücheninsel zu und ließ die Päckchen aus dem Delikatessen-Laden darauf fallen.

»Kann ich irgendetwas helfen? Sachen kleinschneiden zum Beispiel?«

Jo sah mit großen Augen zu, wie ich den Kopf schüttelte und die Schublade mit den Töpfen aufzog. »Kleinzuschneiden gibt es nichts und der Rest ...«, mit ausladender Handbewegung wies ich auf die Geräte hinter mir. »Es ist alles so gut strukturiert, dass wir uns vermutlich nur auf die Füße treten würden, während wir arbeiten. Also setz dich doch einfach auf die Terrasse und genieß das schöne Wetter. Falls es dir nicht zu früh ist, bringe ich dir ein Glas Wein. Sonst ... ich hätte Wasser und Kaffee da.« Jo würde mir vermutlich nur im Weg stehen, ich ging stark davon aus, dass sie sich in der Küche ähnlich ungeschickt anstellte, wie beim kellnern. Aber das hatte ich nicht sagen wollen, um nicht unhöflich zu wirken.

»Hm«; machte sie und runzelte ihre hübsche Stirn. »Klingt irgendwie so, als ob du mich loswerden wolltest. Aber ich nehme gerne Wein«, gab sie sehr schnell zurück, so schnell, dass ich mich fragte, ob sie sich Mut antrinken wollte. Was natürlich Quatsch war. Schließlich war ich kein Axtmörder und die Terrasse lag so, dass man sie von einigen Wohnungen aus einsehen konnte. Zudem war sie äußerst scharfsinnig, ihr war klar, dass ich sie nicht in der Küche haben wollte. Mir gefiel, wie offen sie einfach aussprach, was in ihr vorging. Sie trug ihr Herz auf der Zunge, das machte sie wahnsinnig sympathisch, auch wenn ihr Unterton ein wenig … brummig klang.

Ich überging es, schließlich hatte ich sie eingeladen und wollte sie nicht vergraulen, außerdem wollte ich mehr von ihr über die Gegend und die Leute hier erfahren. »Hast du besondere Vorlieben?«, fragte ich daher gut gelaunt, während ich ein Weinglas aus dem Schrank nahm. Die Wohnung mochte ziemlich leer sein, aber das Weinregal und der Kühlschrank waren bestens gefüllt.

»Ich kenne mich mit Wein nicht aus. Ich mag es nicht allzu trocken ... eher süß.«

»Süß?« All meine Verachtung schwang in diesem Wort mit, während ich meine Augen zusammenkniff und überlegte, was sie unter einem guten Wein verstand, wenn süß, das Prädikat war, nach dem sie einkaufte.

»Wenn du nichts dagegen hast. Ansonsten nehme ich doch ein Wasser.«

Zähneknirschend griff ich zu einem halbtrockenen Chablis und gab einen Schluck in das Weinglas. Johanna probierte es und verzog das Gesicht. »Okay ... ich hätte dann doch lieber das Wasser.«

»Vielleicht habe ich ja noch Fanta, damit könntest du dir eine Schorle machen«, scherzte ich, um mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen.

»Nee, lass mal. «

Die Frau hatte nicht nur einen scheußlichen Klamottengeschmack, sie war auch noch … egal. Mir schwante Arges, trotzdem lief ich zurück in die Küche und begann, das Mittagessen vorzubereiten. Nach der ebenso kurzen wie ernüchternden Weinprobe hätte ich ihr am liebsten ein paar Fastfood-Burger auf den Teller geworfen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ich brachte ihr ein Wasser und fing dann an zu kochen. Dabei entspannte ich mich sofort. Methodisch und präzise arbeitete ich leise summend vor mich hin und sah immer wieder zur Terrasse, wo Johanna die Schuhe abgestreift und die Füße mit den rot lackierten Nägeln auf einen freien Stuhl gelegt hatte. Mir graute. Ich hasste es, wenn jemand seine Füße in der Öffentlichkeit präsentierte. Ebenso gut konnte man sich mit nacktem Hintern auf einen Restaurant-Stuhl setzen. Tatsächlich musste ich mir dreimal in Erinnerung rufen, dass ich sie ja eingeladen hatte, bevor ich mich wieder beruhigte.

Der nächste Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 2. Mai, um 18 Uhr.