3. Kapitel

Johanna

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Das Bedürfnis, mein Handy gegen die Wand zu feuern war groß, als ich von einem schrillen Geräusch geweckt wurde. Wer in drei Gottes Namen rief um diese Uhrzeit an? Ich öffnete blinzelnd die Augen und fischte nach dem blöden Ding. Als mir klar wurde, dass mich niemand erreichen wollte, stöhnte ich. Es war lediglich mein Wecker, der klingelte.

»Nein«, brummte ich, schaltete das Bimmeln ab und drückte mein Gesicht wieder ins Kissen. »Ich will nicht aufstehen.«

Als ob das etwas nützen würde! Ich gönnte mir noch einen Augenblick, bis mir klar wurde, dass ich nicht alleine im Bett lag. »Hey«, murmelte ich etwas freundlicher und tastete nach Moppel. Gestern Abend hatte mich ein Notruf meines Freundes Umberto erreicht, das Tier sei ein absoluter Notfall, hatte er gejammert. Leider kannte er mich zu gut, er wusste, dass ich ein viel zu weiches Herz hatte. Tja, nun war ich stolze Katzenpflegerin – bis man ein neues Zuhause für den sensiblen, anhänglichen Kater gefunden hatte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Katze mit nur einem Auge haben wollte, war jedoch nicht sehr hoch. Außerdem, das meinte zumindest Umberto, grenzte es an ein Wunder, dass Moppel mir nicht gleich die Arme zerkratzt hatte. Er würde Fremde nicht mögen. Nun, das konnte ich nicht behaupten. Der Kater lag zusammengerollt auf meiner Bettdecke und hob den Kopf. Sein eines aber sehr wachsames Auge, starrte mich vorwurfsvoll an. Ich streckte meine Hand nach ihm aus und strich über sein dichtes, etwas stumpf wirkendes Fell. »Du hast einen ganz schön großen Kopf«, sagte ich zu ihm, er spitzte die runden Ohren und schnurrte zufrieden.

»Also gut, dann wollen wir mal sehen, ob ich etwas für dich habe.«

Ein haariger Untermieter

In meiner Not hatte ich letzte Nacht noch einen Wasser- und einen Futternapf von Umberto in die Hände gedrückt bekommen. Ein Katzenklo musste ich heute noch besorgen, wo ich das unterbringen sollte, wussten die Götter.

Diese winzig kleine Wohnung, die ihren Namen nicht mal wert war, war sowieso schon von oben bis unten mit meinen halb ausgepackten Tüten und Kisten vollgestopft. Aber für den Moment hatte ich keine andere Bleibe – und so wie es um meine Finanzen bestellt war, würde ich mir in naher Zukunft auch keine andere leisten können. Zum Glück hatte Olga mir für eins ihrer winzigen Feriengäste-Apartments einen Sonderpreis gemacht.

Müde schwang ich meine nackten Beine aus dem schmalen Bett und tapste zur Kochnische. Dort füllte ich einen Napf mit Katzenfutter und stellte ihn auf den Boden. Moppel stürzte sich darauf und machte seinem Namen alle Ehre. Noch ehe der Kaffee durchgelaufen war, hatte er das Futter vertilgt und guckte mich erwartungsvoll an.

»Ich fürchte, mehr gibt‘s erstmal nicht, Kleiner«, sagte ich entschuldigend. Dann öffnete ich eins der bodentiefen Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen. Ehe ich mich versah, kletterte mein neuer Freund auf das Geländer vor dem Fenster und sprang in den Hof.

»Moppel!«, rief ich. »Komm wieder rein!«

Natürlich dachte er nicht daran, sondern gab Gas und landete mit einem geschmeidigen Sprung hinter den Büschen.

»Scheiße.« Dabei hatte ich keine Ahnung, ob er eine Hauskatze oder ein Freigänger war. »Tja, scheint so, als hätte er das eben selbst entschieden«, murmelte ich vor mich hin und tapste zurück zur Kaffeemaschine. Erst mal aufwachen, dachte ich und gähnte herzhaft. Dann goss ich meinen geliebten Wachmacher in einen Pott mit der Aufschrift »Ohne Koffein. Ohne Mich.«

Einfacher konnte man mein allmorgendliches Motto nicht beschreiben. Ich pustete in die Tasse, nippte und wartete darauf, dass das Koffein seine Wirkung entfaltete. Dass ich das nun bei geöffneten Fenster und Sonne tun konnte, gab mir einen zusätzlichen Kick. Ich war gerade dabei, mich zu entspannen, als ein sehr lauter männlicher Schrei mich zusammenzucken ließ. Hastig wandte ich mich dem Fenster zu und sah gerade noch, wie ein gut gebauter Kerl in Boxershorts auf seinen Balkon rannte und wild gestikulierte.

Ich runzelte die Stirn und trat einen Schritt näher. War das nicht?

Besuch beim Feind

Jap. Das war er.

Auf dem Balkon gegenüber tänzelte Mister Ich-habe-schlechte-Laune, der, der gestern an der Absperrung mit dem hilfsbereiten Attilla diskutiert hatte. Heute trug er jedoch nur eine Briefs, die ziemlich sexy auf der Hüfte saß, und schimpfte lautstark »Verschwinde. Los, raus hier. Pfui.«

Ups. Da möchte man doch lieber nicht One-Night-Stand sein, dachte ich und musste Schmunzeln. So gebildet wie er tat, so unhöflich konnte dieser Miesepeter sein. »Nicht mein Problem«, sagte ich schulterzuckend und nippte noch einmal an meinem Kaffee.

Herrlich! So ein Tag ... Hoppla! Ich spuckte beinahe alles im hohen Bogen wieder aus, als ich sah, wie Moppel aus der Balkontür von Mister Wutgebrüll stolzierte. Mein Nachbar sprang zur Seite.

Meine Katze war der Grund für seinen Aufstand? Oh nein. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Der Kerl von gegenüber schien ein echter Choleriker zu sein, genau der Typ Mensch, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte. Und er mochte keine Katzen. Noch ein Grund, warum man sich von ihm fernhalten sollte. Ich hoffte nur, dass Moppel seinen Streifzug fortsetzte und nicht gleich wieder in mein Fenster sprang. Mich beschlich so eine dumpfe Ahnung, dass ich garantiert Ärger vom Miesepeter bekommen würde, wenn er mich als Katzenhalterin identifizierte. Unser Start war ohnehin schon etwas ruppig gewesen und ich hasste Streit unter Nachbarn. Leider, und das war schon immer irgendwie mein Schwachpunkt gewesen, war ich extrem harmoniebedürftig und nach der Trennung von Oli brauchte ich nicht noch einen Kerl, dem ich aus dem Weg gehen musste – auch, wenn man das nicht wirklich vergleichen konnte.

Ich atmete erleichtert auf, als ich sah, dass mein Pflege-Kater sich auf einen Baum schwang und über das Dach verschwand. Gott sei Dank. Im gleichen Augenblick spürte ich Blicke auf mir. Vorsichtig sah ich zum anderen Balkon und mir wurde heiß unter seinem durchdringenden Blick. Shit. Der ahnte doch was. Ich setzte ein Lächeln auf, trat einen Schritt nach draußen und winkte fröhlich. »Morgen«, flötete ich.

Mir entging sein entgeisterter Gesichtsausdruck nicht, dann realisierte auch ich die Absurdität dieser Szene. Er stand nur in Briefs draußen, ich hatte zwar ein ausgeleiertes T-Shirt an, aber meine Beine waren nackt. Ach, der sollte sich mal nicht so anstellen, oder war er etwa nicht nur grundsätzlich schlecht gelaunt, sondern auch noch prüde?

Irgendwie amüsierte mich der Gedanke. Und dann war da noch etwas anderes, das mich innehalten ließ. Obwohl ich den Typen reichlich seltsam fand, so hatte er doch etwas, das mich faszinierte. Er wandte den Blick als erster ab und stapfte wieder in seine Wohnung. Seine Kehrseite war dabei mindestens genauso ansehnlich, wie sein Oberkörper.

»Morgen«, begrüßte mich Damian, als ich etwas später in den Hutladen kam.

»Was ist denn mit dir los? Bist du aus dem Bett gefallen?«, fragte ich meinen einzigen Mitarbeiter, der gleichzeitig auch einer meiner besten Freunde war. Damian, der im wahren Leben Peter Poggel hieß, diesen Namen jedoch zu wenig treffend für sein dramatisches Temperament hielt, verdankte ich meine neue Ladeneinrichtung. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich im schwedischen Möbelhaus meines Vertrauens den Karren vollgeladen und das Geschäft mit hübschen, schlichten Regalen vollgestellt. Zu schlicht – für Damian!

»Wir brauchen Wald«, hatte er mir mit seiner hohen Fistelstimme erklärt und sich direkt darangemacht, ein paar Skizzen zu zeichnen, die wir eins zu eins umgesetzt hatten. Nun hingen dutzende Birkenstämme von der Decke, an die kurz-gesägten Verästelungen hängten wir meine Hutkreationen.

Damian war gerade dabei, sie neu zu arrangieren. »Und du? Mal wieder verschlafen?«, wollte er wissen, ohne mich anzusehen.

Ich grinste. »Nicht direkt. Es ist doch erst Viertel vor zehn. Warum bist du schon hier?«

Damian zuckte mit einer Schulter. »Weil ich ein fleißiger Angestellter bin?«

Ein Gackern schlich sich über meine Lippen. »Ja, das weiß ich. Und ich weiß es umso mehr zu schätzen, als du mir deine wertvolle Zeit ganz umsonst widmest.« Hätte ich genug verdient, ich würde Damian nur zu gern bezahlen, doch leider reichten meine Einnahmen ohne den Kellnerjob im ›Dicken Engel‹ noch nicht einmal für mich. Da kam es mir sehr zugute, dass Damian es nicht nötig hatte zu arbeiten. Dank einer Erbschaft war sein Engagement im Laden eher eine Beschäftigungstherapie, denn ein ernsthafter Broterwerb.

Jetzt trat er einen Schritt auf mich zu. »Und ...«, er strahlte, »... weil ich auf den sexy Fahrradkurier warte. Der kommt fast jeden Tag kurz vor zehn hier vorbei. Er hat öfter Post für die Kanzlei von nebenan und dann holt er sich meistens noch einen Kaffee aus Lottis Café.«

Ich staunte nicht schlecht. »Wow, das nenne ich mal, äh, Ermittlerqualitäten.«

Damian lächelte breit. »Er ist eine echte Sahneschnitte, und diese Beine. Mon Dieu.«

»Du bist einzigartig.«

»Das weiß ich«, stimmte er zu. »Doch leider, leider sehen das meine Traummänner ein wenig anders.« Er legte sich mit einem theatralischen Seufzer eine Hand an die Stirn und schloss die Augen. »Ich werde für immer einsam und allein sein.«

»Sei nicht albern.«

»Doch, Herzchen. Mein letztes Date ist Eeee-wigkeiten her.«

»Eine Woche ist doch noch keine Ewigkeit.«

»Pf. Da haben du und ich«, er wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht, »wohl andere Vorstellungen.«

»Das kann man wohl sagen.« Ich lachte kopfschüttelnd.

Damian griff nach meinem Rock und zog daran. »Da, da. Da vorne kommt er.« Er drückte sich die Nase förmlich an der Ladenscheibe platt.

»Pass auf, dass du nicht sabberst, sonst wischst du hinterher die Scheibe trocken«, neckte ich ihn, musste aber zugeben, dass der Kurier wirklich knackige Waden hatte.

»Lieber Gott, lass ihn schwul sein. Nein, so ein Kerl ist bestimmt hetero.« Damian seufzte lautstark.

»Ich weiß nicht, warte mal.« Ich runzelte die Stirn und beugte mich etwas nach vorne. »Hat er rasierte Beine? Ja, doch. Die sind glatt wie ein Babypopo. Welcher Hetero macht denn sowas?«

Damian hüpfte, was bei seinem kleinen, fülligen Körper irgendwie lustig aussah. »Meinst du?«

In diesem Augenblick sah der Kurier uns, kniff die Augen zusammen und verschwand dann im Haus der Anwaltskanzlei.

Mein kleiner Freund hyperventilierte neben mir. »O mein Gott, o mein Gott. Er hat uns beim Glotzen erwischt.«

»Damian«, ich rüttelte an seinem Oberarm. »Beruhige dich doch mal. Ist doch halb so schlimm.«

»Wenn du wüsstest ... seit Wochen. Seit Wochen klebe ich hier jeden Tag am Fenster und er hat mich noch kein einziges Mal wahrgenommen.«

»Warum sprichst du ihn nicht an?«

»Ansprechen?« Damian schaute mich an, als ob ich ihm vorgeschlagen hätte, den Reichstag in die Luft zu sprengen.

»Ja, du könntest einfach hingehen und hallo sagen?«

Ein Quietschen durchschnitt die Luft. Mir war nicht klar, dass Damian so hohe Töne von sich geben konnte. »Du bist verrückt geworden.«

Ich nagte an meiner Unterlippe und stemmte meine Hände in die Hüften. »Hm, okay. Dann erklär du mir mal, wie man in deiner Welt jemanden kennenlernt.«

»Na, jedenfalls nicht so, dass man Leute stalkt und dann anlabert.«

»Ähm. Okay«, gab ich perplex zurück. Ich war so lange nicht auf dem Markt gewesen, dass mir überhaupt nicht klar war, so das Stalking anfing und dass man sich dessen schuldig machte, wenn man begehrlich aus dem Fenster schaute. Ich würde es mir merken. »Soll ich ihn für dich ansprechen?«, bot ich an.

»Waaas?«, kreischte er und könnte nicht entsetzter aussehen, hätte ich ihn soeben mit einem Raumschiff gerammt.

»Mir würde es nichts ausmachen. Ehrlich.«

Damian ging im Kreis, was in unserem kleinen Laden gar nicht so einfach war, zumal die Birkenstämme im Weg hingen. »Und was willst du zu ihm sagen?« Vor lauter Misstrauen verengten sich Damians Augen.

»Na, ich könnte ihn nach seinem Namen fragen.«

»Name. Ja, Name. Gut, gut. Dann könnte ich mal auf Facebook nach ihm Ausschau halten. So jemand wie er hat bestimmt auch einen Insta-Account mit einer Horde Followern.«

Nicht meine Welt, ich selbst hatte gerade mal eine Website mit einem kleinen Shop für den Hutladen, allerdings sah ich keinen Bedarf, mich selbst wie einen Ladenhüter anzupreisen.

»Ahhhh«, stieß er hervor. »Da kommt er wieder. Da kommt er.«

»Also, soll ich?«

Damian quiekte noch einmal, er überlegte angestrengt. Dann war es auch schon zu spät. Der Kurier hatte sich wieder auf sein Rad geschwungen und war schon an der Ecke, als mein Freund die Sprache wieder fand.

»Mist«, stieß er hervor.

Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, was gar nicht so leicht war. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

Er sank auf einen Stuhl und ließ die Arme nach unten baumeln. »Meine Nerven machen das nicht mit. Ist schon Zeit für einen Prosecco?«

»Ähm. Nee, ich glaube nicht.« Mal ehrlich, ich hatte mich daran gewöhnt, dass Damian den ›Nachmittag‹ um zwölf Uhr mittags mit einem aufgeregten ›Stößchen‹ einläutete, aber zehn Uhr ... da wäre er in zwei Stunden völlig hinüber.

»Ich habe es befürchtet«, grummelte er trübsinnig. »Verdammt!«

 

Justus

Das monotone Geräusch der Rudermaschine beruhigte meine Nerven sonst immer. Nur heute tat es das nicht. Den ganzen verdammten Tag lang hatte ich versucht, etwas zu Papier zu bringen, aber jedes Mal, wenn ich vor dem blinkenden Cursor saß, war mein Kopf wie leergefegt. Es war schrecklich. Die Schreibblockade begleitete mich nun schon Ewigkeiten – um genau zu sein, seit mich Sofie verlassen hatte – oder sollte ich sagen: meine Muse?

Nein, ermahnte ich mich immer wieder und zog noch kräftiger, obwohl mir der Schweiß schon in Strömen über die Stirn rann. Ich brauchte nur eine neue Inspirationsquelle, deswegen war ich hier. Ich konnte nicht schon am zweiten Tag die Flinte ins Korn werfen. Und das würde ich auch nicht. Ich war eine Kämpfernatur und das Wort Aufgeben gab es nicht in meinem Sprachgebrauch und ich würde jetzt auch nicht damit anfangen, es zu benutzen. Meine Aufmerksamkeit wurde auf die Wohnung gegenüber gelenkt. Was hatte die Verrückte jetzt schon wieder vor?

Ich runzelte die Stirn und verfolgte, wie sie eine blaue Ikea-Tüte und eine Hutschachtel nach der anderen in ihre Bude schleppte. Meine Güte, ich sah selbst von hier aus, dass in der kleinen Wohnung überhaupt kein Platz für noch mehr Tand war. Vermutlich musste sie längst über alles drüber steigen, was sich mit den neuen ›Requisiten‹ noch verschlimmern würde. Messi, schoss es mir durch den Kopf. Vielleicht hatte sie ihre alte Bleibe deshalb verloren – und jetzt schleppte sie nach und nach an jedem Tag etwas mehr von ihrem Kram in die neue Wohnung.

Gespannt sah ich zu, wie sie sich zu einem der bodentiefen Fenster vorkämpfte und es öffnete. Dabei schimpfte sie wie eine ein Rohrspatz. Sie trug eine hochgekrempelte, gelbe Stoffhose, dazu ein weißes T-Shirt und eine schwarze Weste. Was mich jedoch wirklich irritierte war das Gebilde auf ihrem Kopf. Ein paar Blumen, um die Schmetterlinge kreisten. Gott, wie hatte sie das nur befestigt?

Ich schüttelte den Kopf, die Frau war entweder farbenblind oder einfach komplett aus der Art geschlagen. Geschmack hatte sie jedenfalls nicht. Gut, das war mir auch schon gestern aufgefallen. Aus irgendeinem Grund verfolgte ich das Spektakel dennoch mit Interesse. Dabei redete ich mir ein, dass ich sie nur beobachtete, weil ich auf meinem Rudergerät gerade ohnehin nichts Besseres zu tun hatte - aber insgeheim interessierte es mich, wie ein Mensch wie sie lebte.

Während sie einige der Hutschachteln auf der Fensterbank zwischenstapelte – ich hoffte jedenfalls, dass sie ihr Messitum nicht bis in den Hof ausweitete, redete sie immer noch mit sich selbst in einem nicht gerade freundlichen Tonfall. In diesem Chaos würde ich es keinen Tag lang überleben, dachte ich und stieg vom Rudergerät. Das konnte ich mir nun wirklich nicht mehr länger ansehen. Ehe ich unter die Dusche ging, machte ich noch hundert Liegestütze, hundert Situps und ebenfalls hundert Mountain-Climber. Meine verschwitzten Sachen steckte ich direkt in die Waschmaschine im Badezimmer, bevor ich mich unter den wohlig warmen Strahl stellte. Ich ließ das Wasser über meine Muskeln laufen, seifte mich ein und überlegte, was ich noch tun konnte, um endlich wieder die Lust aufs Schreiben zu wecken.

Essen fiel mir als einzig logische Erklärung ein. Natürlich, mit einem leeren Bauch konnte man ja nichts Vernünftiges zustande bringen. Ich drehte das Wasser ab und fischte nach einem Handtuch, das ich nach dem Abtrocknen zusammenfaltete und über die Trockenstange hängte. Dann erinnerte ich mich, dass Sofie mich gern als Ordnungs-Fanatiker beschimpft hatte. Nein, ich war überhaupt nicht fanatisch, schon gar nicht bei Handtüchern. Deshalb zerrte ich das nasse Frotteetuch wieder herunter und warf es über die Badewanne. So!

Fünf Minuten später streifte ich, mit meinem Notizbuch bewaffnet, durch Kreuzberg und erkundete meine Umgebung. Es war ein warmer Tag, obwohl die Sonne von einer dichten Wolkendecke verhüllt war. Ich fürchtete mich ein wenig vor der kommenden stickigen Hitze der Sommermonate, wusste ich doch, dass sich die Wärme in der Stadt sehr schnell stauen konnte. Sicherlich würde ich das Haus am See vermissen, aber es musste sein. Schließlich hatte ich einen Plan. Und der war: meine Exfrau wieder für mich zu begeistern. Dazu brauchte ich eine Geschichte, deswegen war ich hier.

Mein erster Stopp brachte mich zu einem kleinen Feinkostgeschäft, über dem das Schild »Jörgs Kulinarium« prangte. Ich warf einen Blick durch das Fenster, ja, das sah vernünftig aus. Der Fußboden bestand aus hellen und dunklen Fliesen im Rautenmuster, an der linken Wand standen hohe Regale mit Konserven, Gläser, Tüten und andere verpackten Waren. Rechter Hand reihte sich eine Frischetheke an die nächste, Brot, Käse, Wurstwaren, zuletzt Obst und Gemüse. Alles handverlesen. Sehr schön, das war doch genau das, wonach ich gesucht hatte.

»Guten Tag«, sagte ich beim Eintreten. Ich war der einzige Kunde, was vermutlich daran lag, dass die Damen hinter den Tresen gerade im Begriff waren zu schließen.

»Tagchen«, erwiderte eine rundliche Frau mit rot gefärbtem, kurzen Haar. »Was darf‘s denn sein?«

Ich spürte, wie ich mich endlich entspannte, als ich meinen Blick über die teuren Schinkensorten gleiten ließ. Das hier war meine Welt. Ich liebte gutes Essen und guten Wein. »Iberico-Schinken. Welchen haben Sie?«

Die Dame zeigte auf die Auslage. »Pata Negra Bellota zum Beispiel. Ein ganz feiner ist das.«

»Wie lange ist der gereift?«

»Mindestens achtundvierzig Monate.«

Mir lief alleine schon bei der Beschreibung das Wasser im Mund zusammen. »Klingt gut.«

»Möchten Sie probieren?«

»Da sage ich nicht Nein.«

Die Verkäuferin nickte, legte den Schinken auf ihr Brett und schnitt mir ein winzig kleines Stückchen ab. Sie reichte es über die Theke, ich nahm es ihr ab und roch zunächst daran.

Oh. Mein. Gott. Ich schloss die Augen und ließ den verführerischen Duft auf mich wirken, ehe ich ihn mir auf die Zunge legte. »Mhhhh«, stöhnte ich und kaute ganz langsam und genüsslich.

»Na, habe ich zu viel versprochen?«, ertönte ihre freundliche Stimme, so dass ich die Lider wieder öffnete und sie direkt ansah.

»Keineswegs. Ich nehme einhundert Gramm, schön dünn geschnitten, ja?«

»Das versteht sich von selbst. Aber der ist teuer.«

Ich presste meine Lippen aufeinander. »Das ist mir klar.« Sah ich etwa so aus, als ob ich mir keinen vernünftigen Schinken leisten konnte? Ich blickte an mir herunter, ich trug Bootschuhe, eine weiße Leinenhose und ein hellblaues Hemd. Meiner Meinung nach, war daran nichts auszusetzen.

Sie schaltete die Schneidemaschine an, legte den Iberico ab und fing an, hauchzarte Scheiben auf ein Papier zu legen. »Hundert Gramm kommen dann auf neunzehn neunzig«, fuhr sie fort. Für einen Moment war ich überlegt ›Dann machen Sie zweihundert‹, zu sagen, ließ es aber bleiben.

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Danach ließ ich mir noch ein Stück Almblütenkäse und Heumilch-Bärlauchbrie einpacken, ehe ich zu den Backwaren weiterging. »Haben Sie weizenfreies Brot?«

»Selbstverständlich. Roggen-Sauerteig oder Dinkel-Möhre wird gerne genommen.«

»Dinkel-Möhre würde ich gerne mal testen.«

»Sehr gern. Einen Augenblick bitte.«

»Ach, ich brauche noch Butter.«

»Die haben wir da hinten.«

Sie zeigte auf ein kleines Kühlregal. Ich schnappte mir einen roten Einkaufskorb und lud gleich noch Freilandeier, griechischen Joghurt und Sahne mit ein, ehe ich auf dem Weg zur Kasse noch italienische Kaffeebohnen, handverlesene Konfitüre, Pasta und Trüffel-Pesto in mein Körbchen gleiten ließ. Herrlich. Der Laden war einfach nur ein Traum.

»Das war es dann, oder soll es noch was sein?«, empfing mich die Rothaarige an der Kasse.

»Danke, jetzt bin ich glücklich.«

»Sehnse, so schnell geht das bei uns.«

Ich zückte meine Kreditkarte, nachdem sie mir die Summe präsentiert hatte. »Geht leider nur noch in bar, heute stimmt was nicht mit unserem Gerät.«

»Puh, da haben Sie Glück, sonst habe ich wenig Bargeld bei mir.«

»Tüte?«

»Ja, unbedingt.«

Sie zückte eine Papiertüte und half mir beim Einräumen meiner Waren. »Auf Wiedersehen«, rief sie mir hinterher.

»Bestimmt«, gab ich zurück und setzte meine Tour fort. Mein Magen knurrte lautstark. Ich hatte wirklich Hunger. Jetzt gab es zwei Möglichkeiten: nach Hause hechten, Nudeln ins Wasser werfen und Trüffel-Pesto darüberkippen, oder irgendwo etwas in Ruhe zu bestellen und direkt vor Ort zu essen. Ich entschied mich für Letzteres, dabei konnte ich gleichzeitig ein paar Ideen notieren, während ich Menschen um mich herum beobachtete.

Zufrieden bog ich um die Ecke und entdeckte ein einladendes Straßencafé. Vor den tiefen Fenstern standen Klappstühle und Holztische, drei davon waren nicht besetzt. Ich ging einen Schritt schneller und nahm Platz. Kurz überflog ich das Menü, entschied mich für einen Wildkräutersalat mit Ziegenkäse, Walnüssen und Pastrami, ehe ich mein Notizbuch zückte und eine neue Seite aufschlug.

Ich griff nach meinem Kugelschreiber und wollte gerade loslegen, als ich ein weibliches, unterdrücktes Fluchen hörte und spürte, wie sich etwas Heißes über meine Finger ergoss. Blitzschnell zog ich meine Hand inklusive Notizbuch zur Seite.

»Oh nein! Entschuldigen Sie bitte vielmals.«

Verdammt, dachte ich. Die Stimme kam mir bekannt vor. Gleichzeitig sah ich, wie eine Kaffeetasse vor mir herumkullerte, während der Inhalt durch die Ritzen des Tisches auf den Boden tropfte und mir die weiße Hose versaute. Ich atmete tief ein und verdrehte die Augen, ehe ich aufsah. »Sie schon wieder!«, stieß ich hervor.

Meine Nachbarin stand neben mir, vielmehr, sie kniete neben mir und tupfte meine Füße mit einer Serviette ab. Neben ihr lag ein Tablett. Sie trug das gleiche lächerliche Outfit wie vorhin. Aber nun, aus der Nähe, löste sich zumindest das Rätsel auf, wie sie dieses verdammte Gebilde auf ihrem Kopf befestigt hatte – es war auf einen Haarreif montiert. Aus der Nähe, das gestand ich mir eher widerwillig ein, war es nur halb so lächerlich. Die Blumen waren aus einem feinen Tüllstoff und Chiffon gedreht, die Schmetterlinge waren wunderbar filigran gearbeitet.

Ich kam wieder zu mir und damit zu der Frage: Mein Gott, was machte sie da eigentlich?

»Hören Sie auf«, zischte ich und zog meine Füße zurück. »Das ist ja ekelhaft.«

Sie hob ihren Blick und für eine Sekunde blieb die Welt um uns herum stehen. Ihre rehbraunen Augen schauten mich reumütig an, ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell. Durch ihre beinahe gehockte Position hatte ich zudem noch einen eins Ausblick auf ihr üppiges Dekolleté. Scheiße, und was für ein Dekolleté sie hatte. Ich räusperte mich und schaute schnell wieder auf das Notizbuch in meiner Hand. »Verdammt, nun stehen Sie schon auf«, brummte ich schroff.

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Sie schob sich ihre seltsame Schmetterlingskombination auf dem Kopf herum, hob das Tablett auf und trat dann von einem Fuß auf den anderen, als ob sie etwas sagen wollte, sich aber nicht traute. Sie trollte sich zum Nebentisch und verkündete von dort mir ihrer glockenhellen Stimme: »Ich bringe Ihnen gleich einen neuen, entschuldigen Sie bitte nochmals.«

Ich presste meine Lippen aufeinander und überlegte, ob ich das Lokal wechseln sollte, ehe sie mich mit einer Portion Spaghetti taufen würde. Mein Magen knurrte erneut, außerdem hatte ich mich wirklich auf diesen Wildkräutersalat gefreut und bis ich etwas Neues gefunden hatte, würde weitere Zeit vergehen, die ich nicht verschwenden wollte. Ich entschied mich daher, dass das Risiko ein zweites Mal mit irgendwas besudelt zu werden, gering sein musste – wobei, bei der Frau würde mich fast nichts mehr wundern. Egal, ich blieb sitzen.

»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie mich jetzt und ich merkte, dass sie mich die ganze Zeit beobachtet haben musste.

»Rotwein«, sagte ich und rieb mir über die Nasenwurzel. »Wissen Sie denn, welcher hier empfehlenswert ist?«

»Hm, Lotti hat Merlot aus Australien, einen Syrah aus Argentinien und einen sehr guten Pinot Noir aus dem Burgund.«

»Letzteren bitte.«

»Möchten Sie auch etwas essen?«

»Sagen Sie mal, arbeiten Sie hier?«, ich sah sie ungläubig an. Niemand würde doch wohl einen solchen Tollpatsch an einem Ort beschäftigen, an dem er ständig mit Porzellan und Glas in Berührung kam.

»Nun ja, eigentlich kellnere ich gelegentlich nebenan im ›Dicken Engel‹. Aber das Café gehört meiner Freundin Lotti, darum gehe ich ihr manchmal auch zur Hand.«

Ich seufzte. Also gut, in drei Teufels Namen, es wäre ja lächerlich, wenn ich eine andere – geschicktere – Bedienung verlangte. »Ja, den Wildkräutersalat«, brummte ich darum knapp.

»Sehr gern.« Sie rang sich ein nervöses Lächeln ab und rannte förmlich weg von mir.

Wow, welche Überraschungen würden mich wohl noch erwarten? Vermutlich einige, denn diese Frau war unberechenbar und dabei doch irgendwie ... attraktiv. Ich verwarf den Gedanken, so schnell er gekommen war. Nein, sie war absolut nicht mein Typ.

Kapitel 4 des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 15. April, um 18 Uhr!