1. Kapitel

Johanna

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Oli setzte seinen Namen so schwungvoll unter den Mietvertrag, dass ich ihn mir unwillkürlich bei einer Autogrammstunde vorstellte. Für jeden Graphologen wäre der Schriftzug ein Fest: Oliver Magnus Dornseifer. Klar, schnörkellos, kraftvoll, aus einem Guss – wenn man von den OMG-Versalien absah, die so riesig, so großartig waren, dass man sich fragte, ob Oli damit ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte einläutete.

Sprachlos saß ich da und schaute auf den Namen, der mir so vertraut war, als mir aufging, dass es nicht die Buchstaben waren, die mich irritierten, sondern das Gehabe, das damit einherging. Neuerdings liebte Oli große Gesten und wuchtige Auftritte und schwelgte ständig in Plänen für eine nicht mehr allzu ferne Zukunft, in der er groß herauskommen würde. Insofern passte die neue Wohnung besser zu ihm als zu mir. Ein schmuckloser Flachdachbau, der angeblich durch eine ›puristische Bauweise‹ bestach, auf mich mit all dem Sichtbeton und den wenigen Chromelementen jedoch erdrückend wirkte.

Ein teures Schreibgerät wurde in mein Sichtfeld geschoben, begleitet von einem ungeduldigen Räuspern. »Jo, du bist dran!«, sagte Oli in dem betont munteren Tonfall, mit dem er sonst seine Bank-Kunden beschwor, möglichst schnell zu investieren, bevor ein Fonds geschlossen wurde. Mich überkam eine Gänsehaut und das ungute Grummeln in meinem Magen, das ich mit mir herumtrug, seit unser neuer Vermieter uns die Wohnung gekündigt hatte, wurde wieder einmal stärker.

(K)Ein historischer Moment

»Ich ... ich kann das nicht«, sage ich so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob Oli und der Makler mich überhaupt verstanden hatten.

»Doch, klar kannst du!«, sagte Oli, der mich zwar gehört hatte, aber offensichtlich nicht begriff. »Das ist ein historischer Moment. Unsere erste gemeinsame Wohnung. Da mache ich eine Ausnahme.« Womit er auf den wahnwitzig teuren Füller anspielte, den seine Mutter ihm mit großen Gesten zum Uni-Abschluss überreicht hatte. Normalerweise war es mir unter Strafandrohung verboten, den ›Mont Blanc‹ auch nur anzuschauen.

»Ich meine, ich kann den Vertrag überhaupt nicht unterschreiben.« Ich brachte es nicht über mich, Oli anzusehen. Stattdessen schaute ich zu dem Makler, der nun peinlich betreten dreinblickte. Ich vermutete, dass ich nicht die erste Kundin war, die kalte Füße bekam. »Ich kann nicht mit dir zusammenziehen. Das ist ... wir sind ... nicht gleich.« Es war mir unangenehm, herumzustottern wie das chaotische Landei, das ich im Grunde genommen war. Lag es an der Übermacht der Schlipsträger? Gut, wenn Oli einen seiner gut geschnittenen Anzüge trug, fand ich ihn irre schick. Aber ein Makler, sein stummer Gehilfe im Konfirmanden-Anzug und Oli – das machte mir den Kontrast zu meinem 60er-Jahre Petticoat-Kleid nur allzu bewusst.

»Gleich?« Oli klang plötzlich wachsam, ja, fast argwöhnisch. »Aber was redest du denn da, Johanna?« Dass er mich mit vollem Namen ansprach, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mit Anlauf ins Fettnäpfchen gesprungen war. »Natürlich sind wir nicht gleich. Du bist eine Frau, ich bin ein ...« Er klappte den Mund wieder zu. Anscheinend war es ihm zu doof, das Offensichtliche vor Publikum herauszukehren. »Was ist los? Hast du plötzlich Angst? Ist dir die Wohnung doch zu teuer?«

Natürlich war sie zu teuer. Erheblich sogar. Sie kostete mehr als das doppelte von der hübschen Altbauwohnung in Kreuzberg, in der wir jetzt lebten – und die wir so schnell wie möglich räumen mussten. Dabei war die Wohnung so ein Glücksfall gewesen. Ich hatte sie während meiner Ausbildung zur Hutmacherin ganz unbürokratisch ergattert.

Unser Vermieter Herr Appelrath war Kunde bei meinem Ausbildungsbetrieb »Gut behütet« gewesen und hatte sich bei einem seiner Besucher mit meinem damaligen Chef verquatscht. Ein endloses Klagelied darüber, wie schwierig es doch heutzutage sei, zuverlässige Mieter zu finden. Abgesehen davon, dass ich dieses Verklären der ›guten alten Zeiten‹ hasste, war ich dem Gespräch sehr aufmerksam gefolgt, um für mich selbst als Musterbeispiel an Zuverlässigkeit und Tugend zu werben. Zwei Lügen, denn ich war chaotisch und nicht gerade gut organisiert, die mir flüssig über die Lippen gekommen waren. Vermutlich, weil ich auf dem Zahnfleisch ging, nachdem ich ein volles Lehrjahr lang täglich eineinhalb Stunden Pendelei pro Strecke in Kauf genommen hatte.

»Die Wohnung ist aber in keinem guten Zustand. Die alten Mieter haben gehaust wie die Schweine. Da müssten die Dielen abgeschliffen werden, sie brauchen frische Tapeten und von den Türen und den Decken, die nikotingelb sind, will ich gar nicht erst reden.«

Ich hatte mich beeilt, ihm zu versichern, dass mir das nichts mache. Dass ich es im Gegenteil schön fände, mein Heim selbst zu gestalten. Für den letzten Schubs hatte dann mein Chef gesorgt, indem er Appelrath erklärt hatte, dass er mich nach der Ausbildung in einen festen Job übernehmen würde.

Tja, das war jetzt sieben Jahre her und die Wohnung strahlte wie ein Schmuckkästchen, wenn man den Deckel hob. Der Stuck schimmerte in elfenbeinweiß auf einer ansonsten steinweiß gestrichenen Decke. Die Dielen hatte ich in einem hellen, pudrigen Türkiston lasiert. Passend dazu waren die frisch verspachtelten Wände mit einer Mischung aus Wasser, Farbpigmenten und Harz zart akzentuiert.

»Sie sind raus!«

Gott, ich liebte meine Wohnung, in der lauter liebevoll lackierte Antiquitäten herumstanden, in der dutzende eigene Hutkreationen in den Regalwänden lagen und wo alles seinen natürlich gewachsenen Platz gehabt hatte – bis Oli mit der Uni fertiggewesen war und eine Bleibe gebraucht hatte. Ich hatte nicht eine Sekunde gezögert, ihm anzubieten, er könne zu mir ziehen, als seine Zeit im Studentenwohnheim zu Ende gegangen war. Vermutlich hätte ich noch ewig glücklich mit ihm in dieser Wohnung, keine drei Gehminuten von meinem frisch eröffneten Hutladen entfernt gewohnt, wäre Herr Appelrath nicht gestorben. Die erste Amtshandlung seines Sohnes und einzigen Erben war es gewesen, uns die Bleibe zu kündigen. Wie die anderen Mieter hatten wir nicht ausziehen wollen – bis der Reigen der Unerklärlichkeiten begonnen hatte. Geplatzte Wasserrohre, ein abgefackelter Hauptstromkasten im Keller, aufwändige Sanierungsarbeiten im Treppenhaus, die es fast unmöglich machten, sich in die zweite Etage zu kämpfen. Bis Oli der Kragen geplatzt war.

»Jo?«, rief Oli sich wieder ins Gedächtnis. »Ist dir nicht gut? Du bist ganz blass. Brauchst du ein Glas Wasser? Willst du kurz vor die Tür gehen?«

Bitter dachte ich, dass das nicht helfen konnte. Selbst wenn ich diesen Vertrag unterschrieb, wären wir als Paar zum Scheitern verurteilt, denn Oli überrannte mich mit seinem überbordenden Selbstbewusstsein zunehmend. Seit er in der Bank im Halbjahrestakt befördert wurde, steuerten wir unaufhaltsam auf eine Weggabelung zu. Nahm ich den rechten Weg, lief es darauf hinaus, dass ich mich anpasste, meine von Oli so gern belächelten modischen Experimente aufgab, Hüte für die Hautevolee designte und ihm den Haushalt schmiss. Ging ich aber links und blieb mir treu, lief alles auf eine Trennung hinaus. Und genau diese Frage machte mein Magengrummeln aus.

Wieso jetzt eine heillos überteuerte Wohnung nehmen, wenn sich das nicht richtig anfühlte? Wenn ich schon jetzt wusste, dass ich dort nicht glücklich werden würde, weil wir uns nun einmal in zwei völlig verschiedene Richtungen entwickelten?

Mir wurde das Herz schwer, ja, fast hatte ich den Eindruck, es würde ein paar Takte aussetzen, bevor es stolpernd weiter schlug. »Frische Luft«, sagte ich und hörte selbst, wie erbärmlich kleinlaut ich klang. »Lass und kurz vor die Tür gehen, dann wird es bestimmt wieder.«

Ich sprang auf, als hätte jemand die Schleudersitzfunktion meines Stuhls betätigt. Der Makler runzelte die Stirn, während sein Helfer Oli einen mitfühlenden Blick schickte, der klar besagte, dass er eine schrille Tussi wie mich besser heute als morgen in die Wüste schicken sollte. Wenn er das machen würde, müsste ich es nicht tun. Das Unvermeidliche, das mir so schwerfiel. Ich war einfach nicht der Typ, der jemandem schlechte Nachrichten überbrachte. Ein Dilemma, außerdem ... ich hatte ihn mal geliebt. Ehrlich und aufrichtig, aber unsere Liebe war abgekühlt, sie köchelte nicht mal mehr auf Sparflamme.

Trotz des milden Juni-Tags fühlten meine Glieder sich eisig an. Ich stürmte ungelenk und ohne ein weiteres Wort aus dem Makler-Büro.

Zeit für die Wahrheit

»Johanna Mehnert, würdest du bitte warten?«, zischte Oli, als er mich fast eingeholt hatte und erinnerte mich an meine Mutter, die sich auch stets auf meinen Vor- und Nachnamen besann, wenn sie wütend auf mich war.

Ich bewegte mich im Laufschritt auf die nahe Straßenkreuzung zu, wo ich unter einem Baum Halt machte. Oli ragte ebenso gewaltig und massiv wie der Stamm vor mir auf. Langsam schien ihm zu dämmern, wie ernst es mir war. Seine Lippen waren zu einem engen Strich aufeinandergepresst und die Augen derart verengt, dass ich mich fragte, ob er den Fokus einer optischen Linse auf mich richtete.

»Ich kann nicht mit dir zusammenziehen. Du ... du überrennst mich!«, stieß ich hastig hervor. Es war ein seltsamer Moment. So befreiend es sich anfühlte, all das, was ich seit Wochen in meinem Kopf hin und her wälzte, endlich auszusprechen. So schmerzlich traf mich auf der anderen Seite der Stich ins Herz, weil ich ihm wehtun musste. Es war heraus. Es gab kein Zurück mehr. Hier und jetzt, unter einer frisch erblühten Gelb-Birke, entschied sich mein Schicksal. Tränen brannten in meinen Augen, was mich schon wieder ins Wanken brachte. Wir hatten doch so viele gute Jahre gehabt. Waren uns so vertraut, so nahe, so ... als ich versuchte, das Wort innig in diesen Satz hineinzudenken, geriet ich ins Stolpern. Innig miteinander, das lag weit hinter uns.

»Ich überrenne dich? Du warst doch mit bei der Besichtigung. Wir haben das Thema mit der Miete abgehakt. Du zahlst ein Drittel, ich den Rest. Wo ist dein Problem, Jo?« Oli trat noch näher an mich heran und stemmte eine Hand gegen den Baum. Ich wollte zurückweichen, denn für das, was ich ihm jetzt sagen musste, brauchte ich Abstand, doch die raue Rinde des Baums pikste in meinen Rücken.

»Es geht nicht um die Miete. Nicht nur! Oder doch ... sie ist symbolisch für die Art, wie wir in letzter Zeit miteinander umgehen. Zwei Drittel unseres Lebens dreht sich um dich. Dein Job, deine Klienten, deine Anzüge, dein Auto, dein After Shave, deine Sekretärin. Wann haben wir das letzte Mal über mich gesprochen? Darüber, wie es mit dem Laden anläuft, wie es mir geht? Von uns ganz zu schweigen: Uns gibt es nicht mehr. Du brauchst eine repräsentative Wohnung, also gehst du davon aus, dass ich wie das fünfte Rad am Wagen mit dir dorthin ziehe. Weg von meinen Freunden, weg vom Laden und weg vom ›dicken Engel‹.« All das, was sich seit Wochen in mir aufgestaut hatte, sprudelte nun aus mir hervor. Ich hatte mich bereits so in Rage geredet, dass ich nach Luft schnappen musste. Ein Arzt, der in diesem Moment auf meine Vitalwerte schaute, würde mir sportliche Höchstleistungen attestieren, denn abgesehen von der Atemlosigkeit raste mein wundes Herz. Ich ließ ihn tatsächlich gehen. Mehr noch, ich schob ihn von mir weg! Obwohl es sich einerseits so anfühlte, als wäre eine Last von meinen Schultern genommen worden, war da auch noch ein anderes Gefühl. Ich spürte im gleichen Moment, dass ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen hatte, von dem ich nicht wusste, wohin es mich führen würde. Wir waren so lange ein Paar gewesen, dass ich mir kaum vorstellen konnte, ohne Oli zu leben. Freunde, schoss es mir durch den Kopf. Konnte man mit jemandem befreundet sein, mit dem man so lange Zeit das Bett geteilt hatte? Ich blickte vorsichtig zu ihm auf, er wirkte ganz und gar nicht so, als ob er mich überhaupt noch leiden mochte.

Oli sah mich an, die Augen verengter, die Lippen einen Hauch verkniffener, auch wenn ich eben noch geschworen hätte, dass er nicht wütender werden konnte. Als er endlich sprach, klang er resigniert, was mich traf, denn es hatte den Anschein, als müsse er ein trotziges Kind zurück in die Spur bringen. »Ist das dein Ernst, Jo? Ich habe die perfekte Wohnung gefunden und jetzt machst du mir das kaputt?«

Er – nicht wir! Hatte ich mich nur deshalb so eifrig an der Wohnungssuche beteiligt, weil sie – Ironie des Schicksals – eine willkommene Gelegenheit war, mich vom Unausweichlichen abzulenken? Mich beschlich die leise Ahnung, dass es so gewesen sein musste. Zeit schinden, mich in hektischer Betriebsamkeit ergehen. Das war meine Art. Ich war nicht gemacht für große Wahrheiten oder dafür, anderen Menschen weh zu tun. Dazu brauchte ich immer erst einen Schubs. Nun, hier war er. »Seien wir ehrlich, du brauchst mich nicht. All die Dinge, die du im vergangenen halben Jahr angefangen hast, machst du ohne mich.« Oli spielte Tennis und neuerdings auch Golf – ich war damit zufrieden, mit meinem roten Hollandrad zum Einkaufen und in den Hutladen zu fahren. Oli konnte sich stundenlang beim Herrenausstatter aufhalten und schnappte nicht einmal angesichts vierstelliger Preise nach Luft. Ich hingegen konnte mich Ewigkeiten in Vintage-Läden durch die übervollen Regale wühlen, bis ich ein Second-Hand-Stück fand, das sich schon in meinen Händen so richtig anfühlte, dass ich wusste, ich würde trauern, wenn es mir nicht passte. Alt gegen neu. Aufbruchstimmung gegen Nestbautrieb. Kühle Sachlichkeit gegen überbordenden Schmalz. Gott, ich wusste, irgendwo unter diesem makellosen Anzug steckte der Oli, in den ich mich verliebt hatte, den ich in dem Moment, in dem ich ihm versehentlich beim Kellnern im ›Dicken Engel‹ einen Whisky Sour über den Kopf gegossen hatte, in mein Herz geschlossen hatte.

»Es funktioniert nicht!«

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»Natürlich brauche ich dich! Sei nicht albern, Johanna. Du kannst das doch jetzt nicht an einer dummen Wohnung festmachen. Aber gut, wenn sie dir so widerstrebt, dann finden wir eine andere. Oder wir nehmen sie, ziehen erst mal dort ein und suchen in aller Ruhe weiter.  Hauptsache wir kommen erst mal aus diesem Sanierungsfall heraus. Der ist uns doch sowieso viel zu klein geworden.«

»Dir ist er zu klein geworden«, sagte ich leise und fühlte, wie mir schwindelig wurde. Ich musste es ihm sagen. Jetzt. »Es geht mir nicht um die Wohnung. Nicht nur. Es ist ...« Ich hatte auf den Arm gestarrt, der noch immer neben meiner Schulter an den Baum gepinnt war. Als ich erneut aufsah, wusste ich, dass es ihm dämmerte. Die wunderschönen grünen Augen, die mich so amüsiert angeblitzt hatten, als mir damals das Tablett aus der Hand gerutscht war, glitzerten verdächtig feucht.

»Es funktioniert nicht, Oli. Wir haben uns auseinander entwickelt. Du hast ein Tempo ... und eine Richtung ... das ist nicht meine. Ich mag mein Leben. Ich will es nicht runderneuern, um den Vorstellungen deiner Chefs gerecht zu werden. Ich passe da nicht rein.« Und du passt nicht mehr in meine Welt, sie ist viel zu langsam für dich geworden, doch das sprach ich nicht aus. »Zieh in die Wohnung. Wenn ich es richtig sehe, kannst du sie dir doch auch allein leisten.«

Seine Pupillen waren beinahe schwarz. Er hob den zweiten Arm, damit ich ihm nicht ausweichen konnte, und ich stand da wie ein Tier in der Falle. »Gibt es einen anderen? Wen? Doch nicht etwa Thomas?« Ich schluckte, denn ich war viel zu perplex, um darauf zu antworten. Oli wertete es als Zustimmung. »Ich fasse es nicht. Ich suche eine Wohnung für uns und du lässt dich mit diesem Schwein ein? Du hast doch selber erzählt, dass er alle naselang andere Tussis abschleppt. Du kennst ihn! Wie lange kellnerst du schon in seiner Kneipe? Sechs Jahre? Sieben? Wieso ausgerechnet jetzt?«

»Es gibt keinen anderen«, presste ich heraus und spürte, wie langsam der Widerspruchsgeist erwachte, der früher in mir getobt hatte. Es kam mir vor, als hätte ich ihn seit Jahren nicht gespürt, dabei war er erst in den letzten Monaten verkümmert. Seit das Gefühl in mir tobte, nicht gut genug zu sein für meinen karrieregeilen Super-Freund. Was maßte er sich an, Thomas in diesen Schlamassel reinzuziehen? Er hatte nichts, aber auch nicht das winzigste Bissschen von dem, was ich gesagt hatte, ernst genommen. »Du und ich – wir sind das Problem. Wir brauchen keinen anderen, um zu scheitern.« Es war typisch für den neuen, strahlenden Oli, dass er die Schuld nicht bei sich oder zumindest uns suchte. Nichts konnte den unerschütterlichen Glauben an seine goldglänzende Fassade trüben. Plötzlich überkam mich heftige Trauer. Ich wollte ihm diese Unerschütterlichkeit nicht nehmen. »Es tut mir leid«, brachte ich erstickt hervor.

Zur Antwort schlug er mit der flachen Hand so fest gegen die Rinde des Baums, dass ich zusammenzuckte. Zwei ältere Frauen blieben stehen und sahen sich hilfesuchend um. »Es ist alles in Ordnung«, rief ich und war mir der Ironie der Worte sehr wohl bewusst. Tatsächlich war nichts richtig, hier draußen zu stehen, an einer belebten Kreuzung, und mal eben die letzten vier Jahre meines Lebens aufzukündigen, fühlte sich sogar hundsmiserabel an. Wieder stiegen die Tränen in mir auf. Ich wusste, dass ich sie nicht mehr lange würde zurückhalten können und ich wollte es auch gar nicht. Meine Schultern sackten nach vorne und ich schluckte schwer.

Die beiden Frauen warfen mir noch einen skeptischen Blick zu, dann gingen sie weiter. Ich schaute zu Oli auf, dessen Kiefer unter der gebräunten Gesichtshaut mahlten.

»Wo willst du hin, wenn du nicht mit in die neue Wohnung ziehst?«

Ich weitete verblüfft die Augen und wischte mir eine Träne aus dem Gesicht. So weit hatte ich gar nicht gedacht. Dabei saß ich auf gepackten Kisten und praktisch schon in den Startlöchern für den Umzug, der nicht stattfinden würde, jedenfalls nicht mehr gemeinsam. »Ich weiß es nicht«, erklärte ich wahrheitsgemäß. Für einige Minuten herrschte Stille zwischen uns. Niemand schien zu wissen, was noch zu sagen war.

Eine Trennung tat immer weh, mir fehlten die passenden Worte. Ihm auch. Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Einen Rückzieher schloss ich kategorisch aus, das Ende unserer Beziehung war lange überfällig und ich fühlte mich sogar ein wenig erleichtert, wenngleich hundeelend. Aber wo sollte ich nun hin? Ich würde nicht mit ihm zur Überbrückung in die neue, schicke Wohnung einziehen. Das kam nicht infrage. In der nächsten Sekunde hatte ich eine Idee. »Zunächst könnte ich bei Olga unterschlüpfen. Das Büro im Hinterhaus steht leer. Das ist zwar nur ein Raum mit Bad, aber er ist nicht klein und ... für den Übergang.« Ich biss mir auf die Lippe. Es war lächerlich, dass ich mich jetzt über Wohnungsgrößen ausließ, wo es doch um alles ging. Ich wollte meinen Optimismus zurück, meine Lebensfreude, das Gefühl, dass ich gut und richtig war, ohne mich ständig an meinem Überflieger-Freund messen zu müssen.

»Es gibt also wirklich keinen anderen?«, wollte Oli nach einer Pause, die mir endlos lang erschien, wissen.

»Nein!«, sagte ich fest und hoffte, dass er mir glaubte. Gleichzeitig musste ich ein Augenrollen unterdrücken, denn nichts lag mir ferner, als Oli zu betrügen. Mit wem auch. Ich war immer glücklich mit ihm gewesen, auch wenn wir uns in den letzten Monaten in andere Richtungen entwickelt hatten. Aber ich verstand, dass er nach einem Grund suchte, einem großen Knall, der alles vielleicht einfacher nachvollziehbar machen würde.

Verwundet - aber frei

»Dann ist es also noch nicht vorbei. Wir können es noch immer hinkriegen.« Jemand mit einem geringeren Selbstbewusstsein hätte das wie eine Frage formuliert. Doch aus Olis Mund klang es nach einer Feststellung.

»Ich werde nicht in die neue Wohnung ziehen, wenn du darauf hinaus willst.«

»Ich habe dich verstanden«, brummte er. Dann wurde sein Gesicht weicher. So hatte er mich seit Monaten nicht angesehen. »Weißt du ... es ist nicht so, dass ich nicht gemerkt hätte, dass du etwas hast. Ich dachte, es geht vorbei.« Wieder wirkte hilflos und zuckte die Achseln. Ein Moment der Schwäche nur, dann legte er hastig nach. »Sag mir, dass du nichts mehr für mich fühlst. Dass ich dir egal bin.«

»Das kann ich nicht. Alles, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass es nicht reicht, um mit dir in eine Wohnung zu ziehen, die ich im Grunde nicht mag. Und, dass ich so nicht weitermachen kann.«

Oli nickte. Ich hätte gern gewusst, was in seinem Kopf vorging, hätte ihn gern berührt, um den Schmerz, der sich langsam auf diesem schönen, markanten Gesicht abzeichnete, beiseite zu wischen. Doch das konnte ich nicht, es wäre nicht fair gewesen, ihm Hoffnungen zu machen.

Eine Weile sagte keiner etwas. Oli ließ die Arme sinken und vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Hose, aber er trat nicht zurück, »Gut«, hob er nach einem Moment der Stille an, »rede mit Olga. Ich helfe dir, deine Sachen rüber zu bringen. Was nicht in die Wohnung passt, lagern wir in meinem Keller ein.«

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Ich wollte nichts bei ihm einlagern. Trotzdem nickte ich und war froh, als er einen Schritt zurücktrat. »Ich gehe noch mal da rein und rede mit dem Makler«, sagte Oli endlich und klag dabei schrecklich verloren. Monatelang hatte er an der Attitüde vom erfolgreichen Geschäftsmann gearbeitet und dennoch hatte es nur weniger Worte bedurft, um seine Fassade bröckeln zu lassen.

Er klappte den Mund auf, wollte etwas sagen, tat es aber nicht, sondern schloss ihn wieder, bevor er sich umdrehte und auf das Büro zu ging. Ich sah ihm nach. Mein Herz war schwer und trotzdem fühlte ich mich erstaunlicherweise leichter. Während ich zu meinem roten Hollandrad lief, das in der Nähe des Maklerbüros angekettet war, sagte ich mir, dass dieses beklommene Gefühl vergehen würde. Oli würde merken, um wie viel besser er ohne mich vorankam. Ich rückte meinen Rock zurecht, schob die Blumengirlande, die um den Lenker gewickelt war, beiseite, so dass die poppige Fliegen-Pilz-Klingel frei lag, und trat in die Pedale. Je weiter ich mich entfernte, umso freier fühlte ich mich.

Das war der Frühling. Meine liebste Jahreszeit. Überall zwitscherten Vögel, die Bäume waren grün, die Menschen reckten ihre wachsbleichen Glieder der Sonne entgegen und ich war mittendrin, mit ein paar schmerzhaften Dornen im Herzen – aber frei!

Der nächste Teil des Blogromans erscheint am Sonntag, 8. April, um 18 Uhr. Über Feedback freuen wir uns auch vorher schon ;-)

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