5. Kapitel

Johanna

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Justus‘ Blick war die perfekte Mischung aus einer Frage, Unglauben und mehr als höflichem Interesse. Innerlich seufzte ich. Ich wusste, wie er über mein Outfit dachte.  was jetzt anstand: Die unvermeidliche Diskussion über mein Outfit. Seit ich es – gelinde gesagt –  bunt trieb, sprachen mich all meine Bekannten darauf an und wer mich nicht kannte, schenkte mir eindeutige Blicke.  mich einfach jeder darauf an. Dabei war meine frisch erwachte Farbenfreude ursprünglich nichts als ein stummer Protest gegen Olis immer geschniegelteres Auftreten gewesen.

Als seine Karriere in Fahrt gekommen war, war ich in die Zwickmühle geraten. Oli hatte seinen Kleiderschrank methodisch aufgerüstet. Neben den tristen Jeans, die ich immer gerade in das Fach quetschte, in dem noch ein Eckchen frei war, entsprach seine Hälfte des Kleiderschranks seit der ersten Beförderung den Auslagen eines gut sortierten Herrenausstatters. Die Anzüge – eine Aneinanderreihung aller nur erdenklichen Schattierungen von blau über grau bis schwarz – waren farblich abgestuft sortiert, es gab eine Art Setzkasten für Einstecktücher und Krawatten und als er dann auch noch einen Einsatz bestellt hatte, der aus einer Schublade ein Lager für fein säuberlich aufgerollte Gürtel machte, war es wie ein Weckruf gewesen.

Wenn Oli seiner der Umwelt mit seinem neuen Look kundtat, wie erfolgreich er war, dass er ein erfolgreicher Banker war, wieso lief ich dann wie eine graue Maus nebenher wieso verpasste ich mir nicht das Outfit, das zu mir passte? Ich verdiente mein Geld mit Mode – gut, das klang hochtrabend, schließlich modellierte ich lediglichkreierte ich keinen komplette Garderobe, sondern einzig  Kopfbedeckungen. Aber: Ich war kreativ. Höchste Zeit, hatte ich befunden, das zu zeigen und meine eigenen Hutkreationen spazieren zu tragen, wozu ich natürlich stimmige Outfits brauchte. Wild entschlossen war ich in den nächstbesten Second-Hand-Laden gestürmt und mit gefühlt fünfzehn Kilo Klamotten wieder herausgekommen. Tolle Farben, edle Stoffe – alles zum Schnäppchenpreis. Was mir jedoch am besten gefiel war der Gedanke, dass es Menschen gab, die sich in diesen Kleidern wohlgefühlt hatten, lange bevor ich sie sie weitergekauft hatten, damit ich sie für mich entdecken konnte. 

Oli konnte dieser Idee nicht ganz so viel abgewinnen wie ich. Genauer gesagt hatte er immer wieder dezent anklingen lassen, ich sehe aus wie ein bunter Hund. Sobald ein Treffen mit seinen Kollegen angestanden hatte, hatte er panisch mein Outfit kontrolliert, bevor wir das Haus verlassen hatten. Und wo fand ich diesen skeptisch zweifelnden Blick wieder? Er stand Justus ins Gesicht geschrieben, während wir über einer geplatzten Tüte auf dem Trottoir herumkrabbelten.

Ich war tatsächlich versucht, Justus von meiner stummen aber farbgewaltigen Emanzipation von Oli zu erzählen, entschied mich aber dagegen. Wo kämen wir denn da hin? Das klänge doch, als müsse ich mich vor einem Wildfremden verteidigen. Außerdem war das eine Diskussion, die ich vor vielen Monaten hätte führen sollen – und zwar mit Oli! Dass ich es nicht getan hatte, lag einfach daran, dass ich es nie übers Herz gebracht hatte, ihm die Freude über seinen beruflichen Aufstieg und die zugehörigen, textilen Statussymbole zu vermiesen.

»Gibst du mir noch das Netz mit den Orangen?«, bat ich Justus, denn ich fand, dass ich ihn duzen konnte, wenn er sich mir schon nur mit dem Vornamen vorstellte.

Sein abschätziger Blick wich einem schwachen Lächeln, um seine Augen erschienen kleine Lachfältchen, die ihm sehr gut standen. »Und was hast du jetzt damit vor? Klingelst du einmal im ganzen Haus durch und rufst: ›Das Essen ist da‹?«

Ich zuckte die Achseln. »Schön wär’s. Aber nein, die meisten sind so alt, dass sie froh sind, wenn sie sich nicht mehr die Treppen hinabquälen müssen. Mir macht das nichts. Also bringe ich die Sachen nach oben.«

»Brauchst du HilfeKann ich dir helfen?« Justus sah mich abwartend  ab.

Es wäre in der Tat nett, jemanden zu haben, der die schweren Wasserflaschen übernahm. Trotzdem tat ich mich nicht leicht damit, ihn um etwas zu bitten. Der Mann sah nicht aus wie ein Handlanger. Und erst recht nicht wie jemand, der der netten Omi von nebenan half. Er wirkte ... befehlsgewohnt. Diese ganz besondere Aura, die dem Erfolg anhaftete. Der unbekümmerte Habitus, den nur Menschen mitbrachten, in deren Leben sich unweigerlich alles zum Besten fügte. Außerdem sah er unverschämt gut aus und ich wollte nicht, dass er auf die Idee kam, ich würde mich auf so billige Art an ihn heranmachen.

»NeinNicht nötig«, log ich also tapfer, denn ich hatte keine Ahnung, wo ich die ganzen Sachen, die aus der Tüte gepurzelt waren, verstauen sollte. Trotzdem würde ich es irgendwie schaffen. Auf meinen Ruf als Meisterin der Improvisation hielt ich mir einiges zugute. »Ich komm schon klar!« Ähm, das hatte wenig überzeugend geklungen. Ich spürte, wie Wärme über meinen Hals nach oben kroch. Ich war noch nie eine gute Lügnerin gewesen.

Und das war Justus nicht entgangen. »Also gut«, bevor du dir die Zunge verrenkst, weil du jemanden um Hilfe bitten musst ...« Er sprach nicht aus, was er dachte, und griff beherzt zu. Meine Knie wurden weich, als ich sah, wie er sich die beiden Wasserflaschen aus der geplatzten Tüte auf die Arme lud, das Orangennetz stapelte er obenauf, bevor er sich den Karton mit den Milch-Packungen unter den anderen Arm lud, als wäre er ein Fliegengewicht. Es war ein sehniger, trainierter Arm, das entging mir nicht. Ich ertappte mich bei der Frage, womit er sich wohl so gut in Form hielt. »Na komm schon, wohin müssen wir, bevor meine Arme lang werden?«, sagte er mit einem entwaffnenden Grinsen im Gesicht. Vielleicht war der Kerl ja doch nicht so langweilig, wie ich bisher angenommen hatte.

»Ähm ... ins Hinterhaus«, antwortete ich und wurde rot bei der Vorstellung, dass er meine Gedanken las. Das ist eine lächerliche Vorstellung, Jo. Seit wann sind durchtrainierte ManagerSpießer -Typen Empathen? Und wo du schon dabei bist, überlegst du vielleicht mal, wieso du diesen Typen Kerl anschmachtest, wenn du Oli für seine Anzüge und dieses ganze Manager-Gewese verachtet hast. Die Standpauke meiner Kopfstimme half – zumindest hatte ich meine Gedanken wieder im Griff. Trotzdem klopfte mein Herz auf eine Weise, die ich lange vermisst hatte.

Da ich jetzt nur noch eine Tüte und ein paar lose Dinge zu tragen hatte, sprang ich auf und hechtete zur Tür, gab den PIN-Code ein und öffnete den Bogengang, durch den man in den Innenhof gelangte. »Hier wohne ich übrigens«, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen.

»Na, da haben wir etwas gemeinsam«, erklärte Justus mir. Hm, sollte ich ihm sagen, dass mir das nicht entgangen war? Ich entschied mich dagegen. Denn ich traute mir zu, dass ich damit herausplatzen würde, dass ich beobachtet hatte, wie er in seinen ansprechend engsitzenden Unterhosen meinen zeitweisen Untermieter Moppel verjagt hatte. Grundgütiger, ich war eine Spannerin! Wieso wurde mir das erst jetzt klar?

Kopfschüttelnd lief ich über den Hof und stieß die Tür zum Hinterhaus auf, eine massive, wunderschön geschnitzte Holztür, die immer nur angelehnt war. Wie Olga es so hinbekommen hatte, dass die alten Mieter trotz der groß angelegten Sanierung in ihren Wohnungen hatten bleiben können, war mir ein Rätsel. Den meisten Immobilienbesitzern im Viertel konnte es gar nicht schnell genug gehen. Sie luxussanierten die Wohnungen, wozu sie die alten Leutchen auf die Straße setzten und dann nach neuen Mietern suchten, die bereit waren, Monat für Monat horrende Summen für ein winziges Altbau-Apartment hinzublättern.

»Also gut. Die Milch werden wir schon in der ersten Etage bei Herrn Brinkmann los. Das Wasser geht an die Frau, die daneben wohnt und den Rest kann ich auch allein verteilen«, erklärte ich Justus und lief die Treppen hinauf, wobei der gepunktete Rock um meine nackten Beine wippte.

»Quatsch, ich habe gesagt, dass ich helfe. Darum ziehen wir das jetzt auch gemeinsam durch.« Das war kein Angebot, das ich ausschlagen konnte, sondern die Feststellung eines Menschen, der es gewohnt war, dass man ihm nichts abschlug. Trotz des bestimmenden Tons schaffte Justus es, seine Stimme warm und freundlich klingen zu lassen.

Er würde seine Meinung schon noch ändern. »Das ganze Obst und die Kartoffeln müssen rauf in den vierten Stock. Wollen Sie sich das wirklich antun?«

»Will ich!«, sagte er in dem Moment, in dem ich auf die Klingel vom alten Brinkmann drückte. Es dauerte ein Weilchen, bis er sich zur Tür geschleppt hatte. Er trug das gleiche wie immer. Ein Feinripp-Unterhemd mit einem deutlichen Grauschleier und eine Jogging-Hose, deren Schritt bis in die Kniekehlen hing. Der Mann war entsetzlich mager und müffelte, als würde er sich Wasser und Seife nur sonntags zumuten. Umso höher rechnete ich es Justus an, dass er ohne mit der Wimper zu zucken anbot, die Milch bis in die Küche zu tragen. Ich hingegen konnte mich nie überwinden, einen Schritt in die stinkende Wohnung zu tun. 

»Worauf warten wir?«, wollte Justus wissen, nachdem wir wieder im Treppenhaus standen.

»Darauf, dass die Tür zufällt«, flüsterte ich und musste nicht lange auf den satten Rums warten.

Justus runzelte die Stirn. »Wieso das? Dürfen die Leute nicht wissen, dass Sie auch für andere einkaufen?«

Ich lachte kurz auf. »Natürlich wissen sie das. Aber Herr Brinkmann und seine Nachbarin können sich nicht ausstehen. Sie nennt ihn ›den alten Stinker‹ und er schimpft sie ›ein in die Jahre gekommenes Flittchen‹. Wenn Frau Werntges die Tür öffnet, bevor Brinkmann von der Bildfläche verschwunden ist, gibt es hier im Flur einen Krach, den man bis raus ins Vorderhaus hört. Glaub mir, das willst du nicht erleben.« Ich schellte. Im gleichen Augenblick sprang die Tür auf. Justus schenkte mir einen fragenden Blick, den ich mit einer wegwerfenden ›frag nicht‹-Geste beantwortete, denn natürlich hatte die leicht zänkische Frau Werntges hinter der Tür gelauert, um vielleicht doch mal wieder Gelegenheit zu einer ihrer Schimpf-Tiraden zu bekommen. Sie liebte es, wenn die Fetzen flogen!

»Hallo Johanna!«, begrüßte Frau Werntges mich. Wie üblich sah sie aus wie eine gealterte Puppe. Jedes Löckchen ihrer Perücke war sorgfältig onduliert, die Nägel glänzten wie ein frisch vom Band gelaufener Ferrari und das Kleid mit dem feinen Plisseerock sah aus, als wäre sie auf dem Weg zu einem Tanztee im Ballhaus März. Zugegeben, es wirkte ein wenig seltsam, wenn sich eine gestandene Frau mit über siebzig noch solche Mengen Rouge ins Gesicht klatschte, dass sie aussah, wie ein errötender Teenager, trotzdem hatte ich Frau Werntges mit ihrer koketten Art und der tiefen Raucherstimme ins Herz geschlossen. 

»Na, wen hast du mir denn da mitgebracht, Kindchen?«

»Das ist Justus. Er ist neu hier im Viertel und hat mir geholfen ...« Ach, was redete ich überhaupt? Wahrscheinlich sagte ich gleich noch: Er hat eine Wassermelone getragen. Allerdings tippte ich, dass sie das gar nicht mitkriegen würde. Frau Werntges schien mich komplett ausgeblendet zu haben, denn Justus ging voll auf ihre Flirt-Offensive ein.

»Sehr angenehm!« Frau Werntges zog die Worte künstlich in die Länge, damit Justus auch ja nicht im Unklaren blieb, wie angenehm ihr seine Bekanntschaft war. Innerlich wappnete ich mich für Justus’ Reaktion. Was, wenn er sie abkanzelte oder lustig über sie machte? Die Frau lebte hier oben so mutterseelenallein, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie sich überhaupt noch schick machte und am Morgen anzog. Aber er verblüffte mich schon wieder.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau«, sagte er und deutete eine leichte Verbeugung an. Vermutlich, weil Frau Werntges so deutlich zeigte, dass sie nach ein wenig Schmeichelei und Ehrerbietigkeit lechzte.

Ich musterte Justus aus leicht zusammengekniffenen Augen. Die Geste hätte lächerlich oder affektiert wirken können, doch weder in seinem Tonfall, noch an seiner Haltung zeigten sich Herablassung oder Ironie. Ich nickte zufrieden. Damit hatte er gerade ein paar Bonuspunkte bei mir gesammelt. Die alte Dame würde monatelang davon zehren und mich vielleicht im Stillen verfluchen, weil ich Justus nicht über ihre Schwelle geschubst und anschließend die Tür hinter ihm zugezogen hatte. Der Gedanke ließ mich Schmunzeln.

»Wie wäre es ...?« Frau Werntges hob eine Hand an den Türrahmen, so dass sie keine fünf Zentimeter von Justus Schulter entfernt war. Dazu lächelte sie keck, ehe sie fortfuhr. »Ich weiß ja, dass es noch recht früh ist, aber Sie können gern auf ein Schlückchen Sherry hereinkommen. Nur, um mich für die schwere Schlepperei erkenntlich zu zeigen.« Das war in der Tat interessant. Ich kaufte alle paar Tage für sie ein und hatte noch nie etwas angeboten bekommen, nicht, dass ich es erwartete, aber jetzt danebenzustehen, während sie den durchtrainierten Justus lobte, ließ mich ziemlich deppert erscheinen. Ich sah zu ihm herüber. Eine Augenbraue hatte er angehoben, um die Mundwinkel zuckte es, sodass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass er das ziemlich ähnlich sah.

Ich räusperte mich. »Frau Werntges, wir müssen noch eine Menge Lebensmittel abliefern und dazu muss ich Ihnen Justus leider entführen ...« Ich setzte meinen bedauerndsten Blick auf und trat einen Schritt zurück.

»Na, dann eben nächste Woche«, entgegnete sie hastig und wandte sich wieder an meinen Begleiter. »Sie werden Johanna doch weiter unterstützten? Die Ärmste hat immer viel zu schwer zu schcleppen.«

So ein Quatsch. Früher hatte sie das doch auch nicht gekümmert. Außerdem brauchte ich bestimmt keine Hilfe, um ein paar Tüten, Milch und Wasser zu schleppentragen. »Ich schätze, das kriege ich auch sehr gut all...«

»Natürlich helfe ich ihr«, sagte Justus, ganz der Charmeur, und würgte meinen Einwand damit gnadenlos ab. Die Röte kehrte auf Frau Werntges Gesicht zurück. Ich gönnte ihr diesen kleinen Anflug von zweitem Frühling. Trotzdem wurde ich langsam ungeduldig. Damian war allein im Laden und das schätzte er gar nicht. Schließlich arbeitete er für einen symbolischen Euro bei mir – solange ich ihn dafür unterhielt und ausführlich mit ihm das Für und Wider der Waden des Fahrradkuriers diskutierte.

Zum Glück waren die Kleinigkeiten, die noch in den Tüten steckten, rasch verteilt. Justus hielt Wort und trottete hinter mir her. »Also dann ...«, ich trat von einem Bein aufs andere, weil ich mich ebenso ungern von ihm trennen wollte wie Frau Werntges.

»Wie geht dein Tag jetzt weiter?«, wollte er wissen und klang nicht mal ansatzweise, als wolle er nur höfliche Konversation machen. Es schien ihn tatsächlich zu interessieren.

Ich hob den Blick und sah ihn forschend an. »Ich gehe in den Laden. Da wartet mein ...«, irgendwie schien es mir unpassend, Damian zum Mitarbeiter zu degradieren. Er war ein Freund, mein Vertrauter, mein Seelentröster. »Ein Freund hält die Stellungpasst auf, solange ich nicht da bin. Allerdings übernimmt er die Schichten nicht gern allein.«

»Hm ...«, Justus rieb sich übers Kinn und entlockte seinem Dreitagebart damit ein kratziges Geräusch. »Ich bin schon neugierig, wie du deine Tage verbringst. Zeigst du mir den LadenWas für eine Art Laden  hast du?«

Ein leichtes Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit. Justus mit einem Hut? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht  vorstellenIch überlegte, ob ich ihm einen Panama-Hut oder eine Schlägermütze verpassen würde und kam zu keinem Schluss, was ihm besser stehen würde. Dafür wusste ich schon jetzt, dass Damian hingerissen wäre. Mehr noch, er würde flirten, dass sich die Balken bogen und damit auf Granit beißen. Wenn Justus eins garantiert nicht war, dann schwul. Es lag mir schon auf der Zunge, abzulehnen. Andererseits war es ein LadenGeschäft. Jeder konnte hereinkommen und stöbern. Es wäre kleinlich, ihm das zu verbieten. Außerdem hatte er mir gerade so nett geholfen. Zudem war ich stolz auf das, was ich mir geschaffen hatte.

»Klar, wieso nicht?«, sagte ich und merkte selber, wie wenig begeistert ich klang, darum schickte ich ein freundliches Lächeln hinterher.

Justus erwiderte es, was die Flöhe in meinem Bauch erneut hüpfen ließ. Wieso reagierte ich so stark auf ihn? War ich jetzt aus lauter Einsamkeit so weit, dass mich jedes bisschen männliche Aufmerksamkeit aus dem Gleichgewicht brachte? Ich meine, er sah toll aus, er war nett, wenn er nicht gerade den arroganten Spießer zum Besten gab wie gestern bei meinem Patzer mit dem Kaffee. Trotzdem war er überhaupt nicht mein Typ. Schließlich hatte ich mich von Oli getrennt, weil er sich in genau die Richtung entwickelt hatte, in der Justus es vermutlich bereits zu einem Meistertitel gebracht hatte. Außerdem spielte er in einer Liga weit über meiner . Tz, ich kam einfach nicht von diesen Gedanken los. Warum nur? Das war ein Rätsel, über das ich mir in einer stillen Stunde den Kopf zerbrechen würde.

Der nächste Teil unseres Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 22. April, um 18 Uhr.

4. Kapitel

Justus

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Am nächsten Morgen ertappte ich mich dabei, wie ich nach meiner Nachbarin Ausschau hielt, während ich die erste Tasse Kaffee des Tages auf meiner Terrasse genoss. Vorsichtshalber blickte ich mich auch nach dieser gruseligen Katze um. Nicht, dass sie mich noch einmal zu Tode erschreckte.

In der Wohnung gegenüber war es derweil verdächtig ruhig, die Vorhänge waren geschlossen. Entweder war Jo nicht da, oder sie schlief noch. Okay, wie sie ihr Geld verdiente, wusste ich ja nun. Ich wünschte ihr, dass sie nicht alles auf die Kellner-Karte setzte, denn ich fand, sie war nicht besonders gut darin, Dinge zu balancieren. Zwar war nur eine Tasse Kaffee beinahe auf mir gelandet, aber den Salat hatte sie mir danach fast auf die Hose gekippt, wäre ich nicht so umsichtig gewesen, ihr den Teller direkt abzunehmen.

Nach einem gesunden Frühstück setzte ich mich an den Schreibtisch und fuhr mein Notebook hoch. Ich hatte super geschlafen und war guter Dinge. Nachdem ich meine Mails gecheckt hatte – in letzter Zeit war verdammt wenig Fanpost dabei, was wohl daran lag, dass ich schon seit Ewigkeiten nichts mehr veröffentlicht hatte – öffnete ich mein Schreibprogramm.

»Prolog«, tippte ich, dann zwei Leerzeilen.

Kaffee. Ich brauchte noch einen Kaffee. Mit einer hastigen Bewegung stand ich auf und besorgte mir Nachschub.

Gut, ich war soweit. Ich legte meine Finger auf die Tastatur, schaute noch einmal in mein Notizbuch, warf einen Blick auf den Plot, den ich mit Susanne erarbeitet hatte, und fing an.

Beziehungsweise, ich wollte anfangen. Aber wie zum Teufel fand man den Einstieg in eine verdammte romantische Komödie? Ich hatte nicht den Hauch Ahnung. Dabei fand ich, dass ich komisch sein konnte. Sehr sogar. Auf Partys waren meine Anekdoten immer der Renner, nur das hier war eine ganz andere Nummer.

Aller Anfang ist ... aussichtslos

Ganz langsam atmete ich ein und dann wieder aus. »Um sich auf einer Hochzeit alleine zu amüsieren, brauchte man nichts, als ein paar Drinks«, tippte ich.

Das war doch mal ein guter Anfang. Noch einmal las ich mir alles durch.

Das war doch der totale Mist. Diese Protagonistin klang wie eine Schnapsdrossel ohne Freunde. Ich löschte die Zeile.

»Also noch mal neu«, murmelte ich und nippte an meinem Kaffee.

»Hochzeiten hatten alle eins gemeinsam: Man verlor seine Freiheit.«

Scheiße. Auch nicht gut, denn mir kam eine Textzeile von Janis Joplin in den Sinn, in der es hieß, dass Freiheit nur ein anderes Wort dafür war, dass man nichts mehr zu verlieren hatte. Das wiedersprach sich – also weg damit!

»Der schönste Tag deines Lebens, sagten alle. Was am Ende blieb, war eine dicke Anwaltsrechnung und graue Haare.«

Nein, so auch nicht. Jeder Blödmann musste da heraushören, dass ich aus dem Nähkästchen plauderte und nicht die Gedanken meiner Protagonistin wiedergab.

Stöhnend rieb ich mir die Stirn. Wie zur Hölle sollte ich anfangen? Vielleicht doch nicht den Auftritt auf der Hochzeit, wo sie sich total danebenbenahm und mit dem Trauzeugen knutschte. Aber Sanne war so hingerissen gewesen, den Roman mit einer Szene zu beginnen, die gleich etwas Positives, Romantisch-rebellisches in sich trug. Ich hatte ihr zugestimmt, jetzt war ich mir da nicht mehr so sicher. Nein, im Gegenteil. Ich war mir sehr sicher, dass die Idee Mist war. Ich musste den kompletten Plot noch einmal umkrempeln.

Doch was sollte das bringen? Es ging nicht. Es ging einfach nicht. Nicht mal der Ortswechsel schien meine Schreibblockade auch nur ansatzweise auflösen zu können. Panik überfiel mich. Was, wenn ich nie mehr etwas schreiben konnte? Und warum zur Hölle hatte ich diesen scheiß Vertrag unterzeichnet?

Ja richtig, ich war total weggetreten gewesen, und nun saß ich in der Zwickmühle. Der Vorschuss war für Sofies großzügige Abfindung draufgegangen und vormachen musste ich mir auch nichts. Ich brauche einen neuen Bestseller, sonst war es Essig mit meinem Lebensstil. Dann konnte ich den einsneunundzwanzig Hinterschinken beim Discounter kaufen und nicht den guten Iberico aus dem Feinkostladen.

Die Vorstellung in naher Zukunft von Toast Hawaii, anstatt Pastrami-Panini leben zu müssen, ließ mich schaudern. Ich bekam kaum noch Luft, nicht nur, weil ich an mir selbst zweifelte. Ich musste raus aus diesen vier Wänden, ich brauchte Sauerstoff und Bewegung. Ich musste unter Menschen.

Genau, das würde ich tun. Ein Geistesblitz überkam mich. Ich schnappte mir mein kaffeebespritztes Notizbuch, meinen Füllfederhalter und meinen Rucksack, in dem ich meinen PC verschwinden ließ. Dann machte ich mich auf den Weg zum Café um die Ecke. Von dort aus hatte ich einen super Blick auf die Straße, ich würde meine erste Szene einfach dort spielen lassen. Das erstbeste, witzige, was ich beobachtete, würde ich aufschreiben und auf meine Protagonistin zuschneiden. Ich trank den letzten Schluck aus der Tasse und verzog das Gesicht. Igitt, kalter Kaffee war einfach widerlich.

Kurz darauf saß ich am gleichen Tisch wie am Vorabend, vor mir standen ein Stück Kirschkuchen mit Streuseln und ein Milchkaffee. Während ich langsam aß, schaute ich mich um. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, eine Mutter schob einen Kinderwagen oder ein Grüppchen junger Leute zog vorüber und unterhielt sich lachend. Nichts Besonderes also.

Stinklangweilig.

So würde das nie etwas werden.

Ich musste zugeben, dass ich insgeheim gehofft hatte, dass Jo von gegenüber heute wieder arbeitete, bei ihr war ich mir sicher, dass sie sich garantiert wieder irgendwas geleistet hätte, etwas man nur als saukomisch hätte bezeichnen können.

Hätte, hätte ... den Spruch kannten wir alle. Sie war aber nicht da. Stattdessen war ich von einem jungen Mann, den ich auf Mitte zwanzig schätzte, bedient worden. Er hatte alles richtig gemacht und war dann wieder im Café verschwunden. So viel dazu.

(Un)Willkommene Ablenkung

Das Bimmeln meines Telefons ließ mich aufschrecken. »Hallo?«, beantwortete ich.

»Ah, Justus-Schätzchen«, hörte ich meine Lektorin Sanne am anderen Ende. Ich presste meine Lippen zusammen. Sie wollte garantiert fragen, wie es lief.

»Wie läuft es denn so?«

So vorhersehbar ... Ich atmete hörbar aus. »Na ja«, fing ich an. »Ich war ja noch dabei, mich hier einzurichten ...«

»Du bist doch schon seit ein paar Tagen dort? War die Wohnung nicht möbliert?«

»Ja, das schon. Aber man braucht halt ein bisschen, bis man sich auch in der Umgebung zurechtfindet, alles an seinem Platz ist, wie man es haben will.«

»Justus«, unterbrach sie mich. »Erzähl keinen Unsinn. Du hast die Wohnung für drei Monate gemietet. Da musst du keine Dübel in die Wand schlagen und dich mit den Nachbarn über die Kehrwoche austauschen.«

Ich machte große Augen. »Wie bitte?«

»Glaubst du ich weiß nicht, dass dir das Thema Schwierigkeiten bereitet?«

»Tja, warum lasst ihr es mich dann schreiben?«

»Weil du es kannst. Es ist an der Zeit für dich, mal etwas Neues zu probieren. Deine Leser wünschen es sich von dir.«

Mein Gott, jetzt fing sie wieder mit der Leier an. Mein kreatives Werk war doch kein Wunschkonzert. Man sagte einem Maler von Neo Rauchs Kaliber doch auch nicht, dass er sich mal an Kaligraphie für Hochzeitskarten probieren sollte.

»Und«, fuhr sie fort, »seien wir doch mal ehrlich. Dein Ermittlerduo ist ein bisschen in die Jahre gekommen, im Grunde will sowas doch niemand mehr lesen. Immer das Gleiche. Insel-Thriller kann doch jeder. Eine gute romantische Komödie aber nicht.«

Ich schloss die Augen und legte mir eine Hand an die Stirn. »Schön«, sagte ich.

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»Also, wo drückt der Schuh?«

»Ich hatte den Prolog schon fast fertig«, log ich, »Als ich gemerkt habe, dass das mit der Hochzeit sich falsch angefühlt hat.«

»Es hat sich falsch angefühlt?«, wiederholte sie in einem Tonfall, der mir klarmachte, dass sie mir kein Wort davon abnahm. Schlimmer noch, es klang durch, dass sie mich für verzogen und launisch hielt.

»So ist es. Ich muss den ganzen Plot noch mal überdenken.«

»Justus!«, schnappte sie. »Du hast eine Deadline und die ist in zweieinhalb Monaten. Muss ich dich daran erinnern, dass wir normalerweise mit einem Jahr Vorlauf zur Veröffentlichung arbeiten? Das ist ein absolutes Entgegenkommen, weil du einen großen Namen hast. Und selbst da – damit verrate ich dir bestimmt kein Geheimnis – haben ein paar Leute aus der Verlagsleitung erhebliche Bauchschmerzen. Himmel, wir kündigen das Buch an, die Werbemaschinerie läuft auf Hochtouren. Es kann vorbestellt werden. Und du willst den Plot umwerfen?« Eine Standpauke wie maßgeschneidert für einen Grundschüler.

»Glaub mir, das habe ich nicht vergessen«, presste ich mühsam beherrscht hervor.

Zurück auf Anfang?

»Und wie stellst du dir das vor? Wenn du jetzt den Plot noch einmal umwirfst, passt der Klappentext, den wir nach dem Plot geschrieben haben, nicht mehr. Damit werben wir doch schon. Cover, Titel, alles steht. Es fehlt nur noch der Text. Dein Text!« Ihre Stimme klang unnatürlich hoch. Ich konnte mir nahezu vorstellen, wie die kleine, füllige Frau an ihrem Schreibtisch saß und sich die Haare raufte. Ich mochte Sanne, sehr gerne sogar, aber gerade jetzt ging sie mir mit ihrer Drängelei gehörig auf die Nerven.

»Ich bin schon fast fertig mit dem neuen Plot«, setzte ich meinem Lügengerüst noch die Krone auf. »Das passt auch zum bestehenden Klappentext.«

»Ach«, war das Einzige, was sie von sich gab. Vermutlich fächelte sie sich gerade mit einem anderen Manuskript – von einem Autor, der nicht so viel Betreuung brauchte wie ich – Luft zu und war einem Herzinfarkt nahe. »Dann lass mal hören.«

Tja, ich sah die Kugel auf mich zufliegen und konnte den Treffer förmlich spüren. Ich war selbst schuld. In dem Moment entdeckte ich meine verrückte Nachbarin auf der anderen Straßenseite. Sie trug einen Rock mit einem Petticoat, darüber ein rotes Shirt und eine weiße Weste. Auf dem Kopf – was mich nicht weiter überraschte – prangte heute ein Fascinator mit Fliegenpilzen.

»Meine Protagonistin muss viel flippiger sein, sie hat einen Faible für seltsamen Kopfschmuck und lebt im Chaos.«

»M-mh«, machte Sanne.

Ich fing an zu schwitzen. »Äh, ja. Und sie hat eine Katze. Eine richtig hässliche Katze mit nur einem Auge.«

»Schön, und weiter?«

»Sie hat kein Auto, erledigt alles mit einem Fahrrad und rempelt damit ihren Traummann um.«

»Sehr originell«, meinte Sanne wenig begeistert.

Ich sah, wie der Henkel von einer von Jos Tüten riss. Der gesamte Inhalt ergoss sich über den Gehweg, Äpfel, Orangen, Tomaten – sie hatte anscheinend den halben Obst- und Gemüsehändler leergekauft. Wer zur Hölle aß so viel Grünzeug?

»Pass auf, ich muss Schluss machen. Ich schicke dir bald die ersten Kapitel.«

Dann legte ich ohne ein weiteres Wort auf und lief über die Straße, um Jo zu helfen.

»Oh, hallo. Sie sind‘s«, sagte sie fröhlich. Alleine dafür hatte sie einen Orden verdient. Wären mir meine gesamten Einkäufe über das dreckige Trottoir gekullert, wäre ich nicht so gut gelaunt.

»Wie mir scheint, hatten Sie Pech mit der Tüte.«

Jo blickte zu mir auf, ihre rehbraunen Augen funkelten gar nicht mehr so vergnügt. »Sie sind ja ein grandioser Beobachter.«

»Wo wollen Sie mit so viel Gemüse und Obst hin? Machen Sie eine Saftkur?« Ich konnte mir die unverschämte Frage einfach nicht verkneifen. Die Frau hatte etwas an sich, das meine schlimmsten Seiten hervorkehrte.

Jo verdrehte die Augen. »Sicher nicht. Hier wohnen ein paar ältere Leute, für die gehe ich manchmal einkaufen.«

»Machen Sie das nebenberuflich?«

Jo guckte mich an, als ob sie mich am liebsten in eine Zwangsjacke stecken wollte. »Wow«, war alles, was sie sagte. Dann sammelte sie weiter das verlorene Obst und Gemüse ein.

»Kommen Sie, verraten Sie es mir.« Ich las zwei Äpfel auf und legte sie neben die noch intakten Tüten.

Smalltalk

»In Ihrer Welt macht man wahrscheinlich nichts ohne Gegenleistung, hm?« Die Missbilligung in ihrer melodischen Stimme war nicht zu überhören.

»Wie, dann gehen Sie für mehrere Leute einkaufen. Einfach so?«

Sie lachte humorlos. »Ja, einfach so. Kaum zu glauben, oder? Das sind nette Leute, die können teilweise nicht mehr so gut laufen. Ich breche mir doch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich ein- oder zweimal in der Woche etwas für sie mitbringe.«

Ich runzelte die Stirn. »Das ist sehr, äh, nett von Ihnen.«

»Meine Güte, wollen Sie mich jetzt hier weiter volllabern, oder helfen Sie mir.«

Helfen. Ja, tatsächlich. Das wäre eine Möglichkeit. »Augenblick, ich hole eben meine Sachen. Dann gehe ich ihnen zur Hand.«

Sie neigte ihren Kopf und warf mir einen zweifelnden Blick zu. »Ehrlich?«

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»Ja, habe ich doch gesagt. Laufen Sie nicht weg.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf und machte weiter. Ich lief zurück zum Café, legte einen Zehner auf den Tisch und raffte meine Sachen zusammen, ehe ich zu ihr zurückkehrte. Aus meinem Rucksack zog ich eine faltbare Einkaufstasche und fing an das Obst und Gemüse einzuräumen.

»Nee, oder?« Jo lachte und entblößte eine Reihe, gerader weißer Zähne.

»Was meinen Sie?«, gab ich ein wenig irritiert zurück.

»Sie haben eine Tragetasche in ihrem Laptop-Rucksack?«

Ich zuckte die Schultern. »Ja, was ist denn so seltsam daran? Besser als jedes Mal eine Tüte vom Supermarkt zu kaufen, die dann reißt.«

Jo richtete ihren Fligenpilz-Fascinator, der vielleicht geschmacklos, aber ebenso kunstvoll und filigran gearbeitet war die das Blumen-Schmetterlingsgebilde vom Vortag. »Tja, wo Sie recht haben. Sie sind sicher auch so ein Typ, der seine Handtücher nach dem Benutzen faltet.«

Ich fühlte mich ertappt. »Garantiert nicht.« Im Grunde war das von mir nicht mal eine Lüge, denn ich hatte es ja gestern wieder von der Stange genommen und nach dem Duschen heute Morgen, gar nicht erst aufgehängt, sondern direkt in die Waschmaschine gesteckt. Ich nutze Handtücher grundsätzlich nicht öfter als zwei Mal. Irgendwie hatte ich aber den Eindruck, dass ich ihr das besser nicht erzählte. Hohn und Spott von dieser Frau zu ernten, war das Letzte, was ich brauchte. Ich hatte keinen Bedarf, dass sie mich noch weiter so belustigt musterte wie jetzt.

»Na schön. Kommen Sie mit, dann lernen Sie auch gleich ein paar der Nachbarn kennen. Sie sind neu hier, oder?«

»Und Ihnen entgeht wohl gar nichts«, gab ich ruppig zurück. Dann hielt ich inne und sah sie an. »Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie doch am gleichen Tag eingezogen wie ich. Woher kennen Sie dann schon all die Nachbarn?«

»Ich habe vorher zwei Straßen weiter gewohnt und hier an der Straßenecke meinen Laden. Außerdem ...« Sie hob die Brauen und sah beziehungsreich hinüber zum Café. »Wie gesagt helfe ich hier öfter aus und kellnere nebenan. Da lernt man sich kennen. Außerdem finde ich sowieso, dass es besser ist, sich für seine Umwelt zu interessieren, als wie ein Einsiedler zu versauern. Stellen Sie sich mal vor, man stirbt und keiner merkt‘s.«

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese verrückte Person sich schon wieder lustig über mich machte.

»Ich bin hierhergekommen, um etwas Ruhe zu haben. Dort wo ich lebe, ist so viel los, ständig kommt jemand vorbei und hält mich von der Arbeit ab.«

Sie warf mir einen Blick zu, der mir sagte, dass sie mir kein Wort davon abnahm. »Ach, und was arbeiten Sie? Immer wenn ich Sie sehe, trinken Sie entweder Kaffee, oder sehen der Welt in aller Seelenruhe beim älter werden zu.«

»Falls das bedeuten soll, dass ich nur herumsitze – tue ich nicht!«

»Was denn dann?«

Shit, mir wurde vor lauter Erklärungsnot schon wieder sehr heiß unter meinem Hemd. Eigentlich wollte ich hier inkognito arbeiten.

»Ah, ich sehe schon. Sie sind ein Geheimniskrämer. Na gut, geht mich ja auch gar nichts an. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Justus«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Und Sie? Johanna? Josefina? Julia?«

»Jo ist die Kurzform von Johanna.«

Johanna. Ich ließ den Namen auf mich wirken und musterte sie von der Seite. Er passte zu ihr und ihren glänzenden, dunkelbraunen Haaren.

Der nächste Teil des Blogromans erscheint am Mittwoch, 18. April, um 18 Uhr!

3. Kapitel

Johanna

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Das Bedürfnis, mein Handy gegen die Wand zu feuern war groß, als ich von einem schrillen Geräusch geweckt wurde. Wer in drei Gottes Namen rief um diese Uhrzeit an? Ich öffnete blinzelnd die Augen und fischte nach dem blöden Ding. Als mir klar wurde, dass mich niemand erreichen wollte, stöhnte ich. Es war lediglich mein Wecker, der klingelte.

»Nein«, brummte ich, schaltete das Bimmeln ab und drückte mein Gesicht wieder ins Kissen. »Ich will nicht aufstehen.«

Als ob das etwas nützen würde! Ich gönnte mir noch einen Augenblick, bis mir klar wurde, dass ich nicht alleine im Bett lag. »Hey«, murmelte ich etwas freundlicher und tastete nach Moppel. Gestern Abend hatte mich ein Notruf meines Freundes Umberto erreicht, das Tier sei ein absoluter Notfall, hatte er gejammert. Leider kannte er mich zu gut, er wusste, dass ich ein viel zu weiches Herz hatte. Tja, nun war ich stolze Katzenpflegerin – bis man ein neues Zuhause für den sensiblen, anhänglichen Kater gefunden hatte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Katze mit nur einem Auge haben wollte, war jedoch nicht sehr hoch. Außerdem, das meinte zumindest Umberto, grenzte es an ein Wunder, dass Moppel mir nicht gleich die Arme zerkratzt hatte. Er würde Fremde nicht mögen. Nun, das konnte ich nicht behaupten. Der Kater lag zusammengerollt auf meiner Bettdecke und hob den Kopf. Sein eines aber sehr wachsames Auge, starrte mich vorwurfsvoll an. Ich streckte meine Hand nach ihm aus und strich über sein dichtes, etwas stumpf wirkendes Fell. »Du hast einen ganz schön großen Kopf«, sagte ich zu ihm, er spitzte die runden Ohren und schnurrte zufrieden.

»Also gut, dann wollen wir mal sehen, ob ich etwas für dich habe.«

Ein haariger Untermieter

In meiner Not hatte ich letzte Nacht noch einen Wasser- und einen Futternapf von Umberto in die Hände gedrückt bekommen. Ein Katzenklo musste ich heute noch besorgen, wo ich das unterbringen sollte, wussten die Götter.

Diese winzig kleine Wohnung, die ihren Namen nicht mal wert war, war sowieso schon von oben bis unten mit meinen halb ausgepackten Tüten und Kisten vollgestopft. Aber für den Moment hatte ich keine andere Bleibe – und so wie es um meine Finanzen bestellt war, würde ich mir in naher Zukunft auch keine andere leisten können. Zum Glück hatte Olga mir für eins ihrer winzigen Feriengäste-Apartments einen Sonderpreis gemacht.

Müde schwang ich meine nackten Beine aus dem schmalen Bett und tapste zur Kochnische. Dort füllte ich einen Napf mit Katzenfutter und stellte ihn auf den Boden. Moppel stürzte sich darauf und machte seinem Namen alle Ehre. Noch ehe der Kaffee durchgelaufen war, hatte er das Futter vertilgt und guckte mich erwartungsvoll an.

»Ich fürchte, mehr gibt‘s erstmal nicht, Kleiner«, sagte ich entschuldigend. Dann öffnete ich eins der bodentiefen Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen. Ehe ich mich versah, kletterte mein neuer Freund auf das Geländer vor dem Fenster und sprang in den Hof.

»Moppel!«, rief ich. »Komm wieder rein!«

Natürlich dachte er nicht daran, sondern gab Gas und landete mit einem geschmeidigen Sprung hinter den Büschen.

»Scheiße.« Dabei hatte ich keine Ahnung, ob er eine Hauskatze oder ein Freigänger war. »Tja, scheint so, als hätte er das eben selbst entschieden«, murmelte ich vor mich hin und tapste zurück zur Kaffeemaschine. Erst mal aufwachen, dachte ich und gähnte herzhaft. Dann goss ich meinen geliebten Wachmacher in einen Pott mit der Aufschrift »Ohne Koffein. Ohne Mich.«

Einfacher konnte man mein allmorgendliches Motto nicht beschreiben. Ich pustete in die Tasse, nippte und wartete darauf, dass das Koffein seine Wirkung entfaltete. Dass ich das nun bei geöffneten Fenster und Sonne tun konnte, gab mir einen zusätzlichen Kick. Ich war gerade dabei, mich zu entspannen, als ein sehr lauter männlicher Schrei mich zusammenzucken ließ. Hastig wandte ich mich dem Fenster zu und sah gerade noch, wie ein gut gebauter Kerl in Boxershorts auf seinen Balkon rannte und wild gestikulierte.

Ich runzelte die Stirn und trat einen Schritt näher. War das nicht?

Besuch beim Feind

Jap. Das war er.

Auf dem Balkon gegenüber tänzelte Mister Ich-habe-schlechte-Laune, der, der gestern an der Absperrung mit dem hilfsbereiten Attilla diskutiert hatte. Heute trug er jedoch nur eine Briefs, die ziemlich sexy auf der Hüfte saß, und schimpfte lautstark »Verschwinde. Los, raus hier. Pfui.«

Ups. Da möchte man doch lieber nicht One-Night-Stand sein, dachte ich und musste Schmunzeln. So gebildet wie er tat, so unhöflich konnte dieser Miesepeter sein. »Nicht mein Problem«, sagte ich schulterzuckend und nippte noch einmal an meinem Kaffee.

Herrlich! So ein Tag ... Hoppla! Ich spuckte beinahe alles im hohen Bogen wieder aus, als ich sah, wie Moppel aus der Balkontür von Mister Wutgebrüll stolzierte. Mein Nachbar sprang zur Seite.

Meine Katze war der Grund für seinen Aufstand? Oh nein. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Der Kerl von gegenüber schien ein echter Choleriker zu sein, genau der Typ Mensch, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte. Und er mochte keine Katzen. Noch ein Grund, warum man sich von ihm fernhalten sollte. Ich hoffte nur, dass Moppel seinen Streifzug fortsetzte und nicht gleich wieder in mein Fenster sprang. Mich beschlich so eine dumpfe Ahnung, dass ich garantiert Ärger vom Miesepeter bekommen würde, wenn er mich als Katzenhalterin identifizierte. Unser Start war ohnehin schon etwas ruppig gewesen und ich hasste Streit unter Nachbarn. Leider, und das war schon immer irgendwie mein Schwachpunkt gewesen, war ich extrem harmoniebedürftig und nach der Trennung von Oli brauchte ich nicht noch einen Kerl, dem ich aus dem Weg gehen musste – auch, wenn man das nicht wirklich vergleichen konnte.

Ich atmete erleichtert auf, als ich sah, dass mein Pflege-Kater sich auf einen Baum schwang und über das Dach verschwand. Gott sei Dank. Im gleichen Augenblick spürte ich Blicke auf mir. Vorsichtig sah ich zum anderen Balkon und mir wurde heiß unter seinem durchdringenden Blick. Shit. Der ahnte doch was. Ich setzte ein Lächeln auf, trat einen Schritt nach draußen und winkte fröhlich. »Morgen«, flötete ich.

Mir entging sein entgeisterter Gesichtsausdruck nicht, dann realisierte auch ich die Absurdität dieser Szene. Er stand nur in Briefs draußen, ich hatte zwar ein ausgeleiertes T-Shirt an, aber meine Beine waren nackt. Ach, der sollte sich mal nicht so anstellen, oder war er etwa nicht nur grundsätzlich schlecht gelaunt, sondern auch noch prüde?

Irgendwie amüsierte mich der Gedanke. Und dann war da noch etwas anderes, das mich innehalten ließ. Obwohl ich den Typen reichlich seltsam fand, so hatte er doch etwas, das mich faszinierte. Er wandte den Blick als erster ab und stapfte wieder in seine Wohnung. Seine Kehrseite war dabei mindestens genauso ansehnlich, wie sein Oberkörper.

»Morgen«, begrüßte mich Damian, als ich etwas später in den Hutladen kam.

»Was ist denn mit dir los? Bist du aus dem Bett gefallen?«, fragte ich meinen einzigen Mitarbeiter, der gleichzeitig auch einer meiner besten Freunde war. Damian, der im wahren Leben Peter Poggel hieß, diesen Namen jedoch zu wenig treffend für sein dramatisches Temperament hielt, verdankte ich meine neue Ladeneinrichtung. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich im schwedischen Möbelhaus meines Vertrauens den Karren vollgeladen und das Geschäft mit hübschen, schlichten Regalen vollgestellt. Zu schlicht – für Damian!

»Wir brauchen Wald«, hatte er mir mit seiner hohen Fistelstimme erklärt und sich direkt darangemacht, ein paar Skizzen zu zeichnen, die wir eins zu eins umgesetzt hatten. Nun hingen dutzende Birkenstämme von der Decke, an die kurz-gesägten Verästelungen hängten wir meine Hutkreationen.

Damian war gerade dabei, sie neu zu arrangieren. »Und du? Mal wieder verschlafen?«, wollte er wissen, ohne mich anzusehen.

Ich grinste. »Nicht direkt. Es ist doch erst Viertel vor zehn. Warum bist du schon hier?«

Damian zuckte mit einer Schulter. »Weil ich ein fleißiger Angestellter bin?«

Ein Gackern schlich sich über meine Lippen. »Ja, das weiß ich. Und ich weiß es umso mehr zu schätzen, als du mir deine wertvolle Zeit ganz umsonst widmest.« Hätte ich genug verdient, ich würde Damian nur zu gern bezahlen, doch leider reichten meine Einnahmen ohne den Kellnerjob im ›Dicken Engel‹ noch nicht einmal für mich. Da kam es mir sehr zugute, dass Damian es nicht nötig hatte zu arbeiten. Dank einer Erbschaft war sein Engagement im Laden eher eine Beschäftigungstherapie, denn ein ernsthafter Broterwerb.

Jetzt trat er einen Schritt auf mich zu. »Und ...«, er strahlte, »... weil ich auf den sexy Fahrradkurier warte. Der kommt fast jeden Tag kurz vor zehn hier vorbei. Er hat öfter Post für die Kanzlei von nebenan und dann holt er sich meistens noch einen Kaffee aus Lottis Café.«

Ich staunte nicht schlecht. »Wow, das nenne ich mal, äh, Ermittlerqualitäten.«

Damian lächelte breit. »Er ist eine echte Sahneschnitte, und diese Beine. Mon Dieu.«

»Du bist einzigartig.«

»Das weiß ich«, stimmte er zu. »Doch leider, leider sehen das meine Traummänner ein wenig anders.« Er legte sich mit einem theatralischen Seufzer eine Hand an die Stirn und schloss die Augen. »Ich werde für immer einsam und allein sein.«

»Sei nicht albern.«

»Doch, Herzchen. Mein letztes Date ist Eeee-wigkeiten her.«

»Eine Woche ist doch noch keine Ewigkeit.«

»Pf. Da haben du und ich«, er wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht, »wohl andere Vorstellungen.«

»Das kann man wohl sagen.« Ich lachte kopfschüttelnd.

Damian griff nach meinem Rock und zog daran. »Da, da. Da vorne kommt er.« Er drückte sich die Nase förmlich an der Ladenscheibe platt.

»Pass auf, dass du nicht sabberst, sonst wischst du hinterher die Scheibe trocken«, neckte ich ihn, musste aber zugeben, dass der Kurier wirklich knackige Waden hatte.

»Lieber Gott, lass ihn schwul sein. Nein, so ein Kerl ist bestimmt hetero.« Damian seufzte lautstark.

»Ich weiß nicht, warte mal.« Ich runzelte die Stirn und beugte mich etwas nach vorne. »Hat er rasierte Beine? Ja, doch. Die sind glatt wie ein Babypopo. Welcher Hetero macht denn sowas?«

Damian hüpfte, was bei seinem kleinen, fülligen Körper irgendwie lustig aussah. »Meinst du?«

In diesem Augenblick sah der Kurier uns, kniff die Augen zusammen und verschwand dann im Haus der Anwaltskanzlei.

Mein kleiner Freund hyperventilierte neben mir. »O mein Gott, o mein Gott. Er hat uns beim Glotzen erwischt.«

»Damian«, ich rüttelte an seinem Oberarm. »Beruhige dich doch mal. Ist doch halb so schlimm.«

»Wenn du wüsstest ... seit Wochen. Seit Wochen klebe ich hier jeden Tag am Fenster und er hat mich noch kein einziges Mal wahrgenommen.«

»Warum sprichst du ihn nicht an?«

»Ansprechen?« Damian schaute mich an, als ob ich ihm vorgeschlagen hätte, den Reichstag in die Luft zu sprengen.

»Ja, du könntest einfach hingehen und hallo sagen?«

Ein Quietschen durchschnitt die Luft. Mir war nicht klar, dass Damian so hohe Töne von sich geben konnte. »Du bist verrückt geworden.«

Ich nagte an meiner Unterlippe und stemmte meine Hände in die Hüften. »Hm, okay. Dann erklär du mir mal, wie man in deiner Welt jemanden kennenlernt.«

»Na, jedenfalls nicht so, dass man Leute stalkt und dann anlabert.«

»Ähm. Okay«, gab ich perplex zurück. Ich war so lange nicht auf dem Markt gewesen, dass mir überhaupt nicht klar war, so das Stalking anfing und dass man sich dessen schuldig machte, wenn man begehrlich aus dem Fenster schaute. Ich würde es mir merken. »Soll ich ihn für dich ansprechen?«, bot ich an.

»Waaas?«, kreischte er und könnte nicht entsetzter aussehen, hätte ich ihn soeben mit einem Raumschiff gerammt.

»Mir würde es nichts ausmachen. Ehrlich.«

Damian ging im Kreis, was in unserem kleinen Laden gar nicht so einfach war, zumal die Birkenstämme im Weg hingen. »Und was willst du zu ihm sagen?« Vor lauter Misstrauen verengten sich Damians Augen.

»Na, ich könnte ihn nach seinem Namen fragen.«

»Name. Ja, Name. Gut, gut. Dann könnte ich mal auf Facebook nach ihm Ausschau halten. So jemand wie er hat bestimmt auch einen Insta-Account mit einer Horde Followern.«

Nicht meine Welt, ich selbst hatte gerade mal eine Website mit einem kleinen Shop für den Hutladen, allerdings sah ich keinen Bedarf, mich selbst wie einen Ladenhüter anzupreisen.

»Ahhhh«, stieß er hervor. »Da kommt er wieder. Da kommt er.«

»Also, soll ich?«

Damian quiekte noch einmal, er überlegte angestrengt. Dann war es auch schon zu spät. Der Kurier hatte sich wieder auf sein Rad geschwungen und war schon an der Ecke, als mein Freund die Sprache wieder fand.

»Mist«, stieß er hervor.

Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, was gar nicht so leicht war. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

Er sank auf einen Stuhl und ließ die Arme nach unten baumeln. »Meine Nerven machen das nicht mit. Ist schon Zeit für einen Prosecco?«

»Ähm. Nee, ich glaube nicht.« Mal ehrlich, ich hatte mich daran gewöhnt, dass Damian den ›Nachmittag‹ um zwölf Uhr mittags mit einem aufgeregten ›Stößchen‹ einläutete, aber zehn Uhr ... da wäre er in zwei Stunden völlig hinüber.

»Ich habe es befürchtet«, grummelte er trübsinnig. »Verdammt!«

 

Justus

Das monotone Geräusch der Rudermaschine beruhigte meine Nerven sonst immer. Nur heute tat es das nicht. Den ganzen verdammten Tag lang hatte ich versucht, etwas zu Papier zu bringen, aber jedes Mal, wenn ich vor dem blinkenden Cursor saß, war mein Kopf wie leergefegt. Es war schrecklich. Die Schreibblockade begleitete mich nun schon Ewigkeiten – um genau zu sein, seit mich Sofie verlassen hatte – oder sollte ich sagen: meine Muse?

Nein, ermahnte ich mich immer wieder und zog noch kräftiger, obwohl mir der Schweiß schon in Strömen über die Stirn rann. Ich brauchte nur eine neue Inspirationsquelle, deswegen war ich hier. Ich konnte nicht schon am zweiten Tag die Flinte ins Korn werfen. Und das würde ich auch nicht. Ich war eine Kämpfernatur und das Wort Aufgeben gab es nicht in meinem Sprachgebrauch und ich würde jetzt auch nicht damit anfangen, es zu benutzen. Meine Aufmerksamkeit wurde auf die Wohnung gegenüber gelenkt. Was hatte die Verrückte jetzt schon wieder vor?

Ich runzelte die Stirn und verfolgte, wie sie eine blaue Ikea-Tüte und eine Hutschachtel nach der anderen in ihre Bude schleppte. Meine Güte, ich sah selbst von hier aus, dass in der kleinen Wohnung überhaupt kein Platz für noch mehr Tand war. Vermutlich musste sie längst über alles drüber steigen, was sich mit den neuen ›Requisiten‹ noch verschlimmern würde. Messi, schoss es mir durch den Kopf. Vielleicht hatte sie ihre alte Bleibe deshalb verloren – und jetzt schleppte sie nach und nach an jedem Tag etwas mehr von ihrem Kram in die neue Wohnung.

Gespannt sah ich zu, wie sie sich zu einem der bodentiefen Fenster vorkämpfte und es öffnete. Dabei schimpfte sie wie eine ein Rohrspatz. Sie trug eine hochgekrempelte, gelbe Stoffhose, dazu ein weißes T-Shirt und eine schwarze Weste. Was mich jedoch wirklich irritierte war das Gebilde auf ihrem Kopf. Ein paar Blumen, um die Schmetterlinge kreisten. Gott, wie hatte sie das nur befestigt?

Ich schüttelte den Kopf, die Frau war entweder farbenblind oder einfach komplett aus der Art geschlagen. Geschmack hatte sie jedenfalls nicht. Gut, das war mir auch schon gestern aufgefallen. Aus irgendeinem Grund verfolgte ich das Spektakel dennoch mit Interesse. Dabei redete ich mir ein, dass ich sie nur beobachtete, weil ich auf meinem Rudergerät gerade ohnehin nichts Besseres zu tun hatte - aber insgeheim interessierte es mich, wie ein Mensch wie sie lebte.

Während sie einige der Hutschachteln auf der Fensterbank zwischenstapelte – ich hoffte jedenfalls, dass sie ihr Messitum nicht bis in den Hof ausweitete, redete sie immer noch mit sich selbst in einem nicht gerade freundlichen Tonfall. In diesem Chaos würde ich es keinen Tag lang überleben, dachte ich und stieg vom Rudergerät. Das konnte ich mir nun wirklich nicht mehr länger ansehen. Ehe ich unter die Dusche ging, machte ich noch hundert Liegestütze, hundert Situps und ebenfalls hundert Mountain-Climber. Meine verschwitzten Sachen steckte ich direkt in die Waschmaschine im Badezimmer, bevor ich mich unter den wohlig warmen Strahl stellte. Ich ließ das Wasser über meine Muskeln laufen, seifte mich ein und überlegte, was ich noch tun konnte, um endlich wieder die Lust aufs Schreiben zu wecken.

Essen fiel mir als einzig logische Erklärung ein. Natürlich, mit einem leeren Bauch konnte man ja nichts Vernünftiges zustande bringen. Ich drehte das Wasser ab und fischte nach einem Handtuch, das ich nach dem Abtrocknen zusammenfaltete und über die Trockenstange hängte. Dann erinnerte ich mich, dass Sofie mich gern als Ordnungs-Fanatiker beschimpft hatte. Nein, ich war überhaupt nicht fanatisch, schon gar nicht bei Handtüchern. Deshalb zerrte ich das nasse Frotteetuch wieder herunter und warf es über die Badewanne. So!

Fünf Minuten später streifte ich, mit meinem Notizbuch bewaffnet, durch Kreuzberg und erkundete meine Umgebung. Es war ein warmer Tag, obwohl die Sonne von einer dichten Wolkendecke verhüllt war. Ich fürchtete mich ein wenig vor der kommenden stickigen Hitze der Sommermonate, wusste ich doch, dass sich die Wärme in der Stadt sehr schnell stauen konnte. Sicherlich würde ich das Haus am See vermissen, aber es musste sein. Schließlich hatte ich einen Plan. Und der war: meine Exfrau wieder für mich zu begeistern. Dazu brauchte ich eine Geschichte, deswegen war ich hier.

Mein erster Stopp brachte mich zu einem kleinen Feinkostgeschäft, über dem das Schild »Jörgs Kulinarium« prangte. Ich warf einen Blick durch das Fenster, ja, das sah vernünftig aus. Der Fußboden bestand aus hellen und dunklen Fliesen im Rautenmuster, an der linken Wand standen hohe Regale mit Konserven, Gläser, Tüten und andere verpackten Waren. Rechter Hand reihte sich eine Frischetheke an die nächste, Brot, Käse, Wurstwaren, zuletzt Obst und Gemüse. Alles handverlesen. Sehr schön, das war doch genau das, wonach ich gesucht hatte.

»Guten Tag«, sagte ich beim Eintreten. Ich war der einzige Kunde, was vermutlich daran lag, dass die Damen hinter den Tresen gerade im Begriff waren zu schließen.

»Tagchen«, erwiderte eine rundliche Frau mit rot gefärbtem, kurzen Haar. »Was darf‘s denn sein?«

Ich spürte, wie ich mich endlich entspannte, als ich meinen Blick über die teuren Schinkensorten gleiten ließ. Das hier war meine Welt. Ich liebte gutes Essen und guten Wein. »Iberico-Schinken. Welchen haben Sie?«

Die Dame zeigte auf die Auslage. »Pata Negra Bellota zum Beispiel. Ein ganz feiner ist das.«

»Wie lange ist der gereift?«

»Mindestens achtundvierzig Monate.«

Mir lief alleine schon bei der Beschreibung das Wasser im Mund zusammen. »Klingt gut.«

»Möchten Sie probieren?«

»Da sage ich nicht Nein.«

Die Verkäuferin nickte, legte den Schinken auf ihr Brett und schnitt mir ein winzig kleines Stückchen ab. Sie reichte es über die Theke, ich nahm es ihr ab und roch zunächst daran.

Oh. Mein. Gott. Ich schloss die Augen und ließ den verführerischen Duft auf mich wirken, ehe ich ihn mir auf die Zunge legte. »Mhhhh«, stöhnte ich und kaute ganz langsam und genüsslich.

»Na, habe ich zu viel versprochen?«, ertönte ihre freundliche Stimme, so dass ich die Lider wieder öffnete und sie direkt ansah.

»Keineswegs. Ich nehme einhundert Gramm, schön dünn geschnitten, ja?«

»Das versteht sich von selbst. Aber der ist teuer.«

Ich presste meine Lippen aufeinander. »Das ist mir klar.« Sah ich etwa so aus, als ob ich mir keinen vernünftigen Schinken leisten konnte? Ich blickte an mir herunter, ich trug Bootschuhe, eine weiße Leinenhose und ein hellblaues Hemd. Meiner Meinung nach, war daran nichts auszusetzen.

Sie schaltete die Schneidemaschine an, legte den Iberico ab und fing an, hauchzarte Scheiben auf ein Papier zu legen. »Hundert Gramm kommen dann auf neunzehn neunzig«, fuhr sie fort. Für einen Moment war ich überlegt ›Dann machen Sie zweihundert‹, zu sagen, ließ es aber bleiben.

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Danach ließ ich mir noch ein Stück Almblütenkäse und Heumilch-Bärlauchbrie einpacken, ehe ich zu den Backwaren weiterging. »Haben Sie weizenfreies Brot?«

»Selbstverständlich. Roggen-Sauerteig oder Dinkel-Möhre wird gerne genommen.«

»Dinkel-Möhre würde ich gerne mal testen.«

»Sehr gern. Einen Augenblick bitte.«

»Ach, ich brauche noch Butter.«

»Die haben wir da hinten.«

Sie zeigte auf ein kleines Kühlregal. Ich schnappte mir einen roten Einkaufskorb und lud gleich noch Freilandeier, griechischen Joghurt und Sahne mit ein, ehe ich auf dem Weg zur Kasse noch italienische Kaffeebohnen, handverlesene Konfitüre, Pasta und Trüffel-Pesto in mein Körbchen gleiten ließ. Herrlich. Der Laden war einfach nur ein Traum.

»Das war es dann, oder soll es noch was sein?«, empfing mich die Rothaarige an der Kasse.

»Danke, jetzt bin ich glücklich.«

»Sehnse, so schnell geht das bei uns.«

Ich zückte meine Kreditkarte, nachdem sie mir die Summe präsentiert hatte. »Geht leider nur noch in bar, heute stimmt was nicht mit unserem Gerät.«

»Puh, da haben Sie Glück, sonst habe ich wenig Bargeld bei mir.«

»Tüte?«

»Ja, unbedingt.«

Sie zückte eine Papiertüte und half mir beim Einräumen meiner Waren. »Auf Wiedersehen«, rief sie mir hinterher.

»Bestimmt«, gab ich zurück und setzte meine Tour fort. Mein Magen knurrte lautstark. Ich hatte wirklich Hunger. Jetzt gab es zwei Möglichkeiten: nach Hause hechten, Nudeln ins Wasser werfen und Trüffel-Pesto darüberkippen, oder irgendwo etwas in Ruhe zu bestellen und direkt vor Ort zu essen. Ich entschied mich für Letzteres, dabei konnte ich gleichzeitig ein paar Ideen notieren, während ich Menschen um mich herum beobachtete.

Zufrieden bog ich um die Ecke und entdeckte ein einladendes Straßencafé. Vor den tiefen Fenstern standen Klappstühle und Holztische, drei davon waren nicht besetzt. Ich ging einen Schritt schneller und nahm Platz. Kurz überflog ich das Menü, entschied mich für einen Wildkräutersalat mit Ziegenkäse, Walnüssen und Pastrami, ehe ich mein Notizbuch zückte und eine neue Seite aufschlug.

Ich griff nach meinem Kugelschreiber und wollte gerade loslegen, als ich ein weibliches, unterdrücktes Fluchen hörte und spürte, wie sich etwas Heißes über meine Finger ergoss. Blitzschnell zog ich meine Hand inklusive Notizbuch zur Seite.

»Oh nein! Entschuldigen Sie bitte vielmals.«

Verdammt, dachte ich. Die Stimme kam mir bekannt vor. Gleichzeitig sah ich, wie eine Kaffeetasse vor mir herumkullerte, während der Inhalt durch die Ritzen des Tisches auf den Boden tropfte und mir die weiße Hose versaute. Ich atmete tief ein und verdrehte die Augen, ehe ich aufsah. »Sie schon wieder!«, stieß ich hervor.

Meine Nachbarin stand neben mir, vielmehr, sie kniete neben mir und tupfte meine Füße mit einer Serviette ab. Neben ihr lag ein Tablett. Sie trug das gleiche lächerliche Outfit wie vorhin. Aber nun, aus der Nähe, löste sich zumindest das Rätsel auf, wie sie dieses verdammte Gebilde auf ihrem Kopf befestigt hatte – es war auf einen Haarreif montiert. Aus der Nähe, das gestand ich mir eher widerwillig ein, war es nur halb so lächerlich. Die Blumen waren aus einem feinen Tüllstoff und Chiffon gedreht, die Schmetterlinge waren wunderbar filigran gearbeitet.

Ich kam wieder zu mir und damit zu der Frage: Mein Gott, was machte sie da eigentlich?

»Hören Sie auf«, zischte ich und zog meine Füße zurück. »Das ist ja ekelhaft.«

Sie hob ihren Blick und für eine Sekunde blieb die Welt um uns herum stehen. Ihre rehbraunen Augen schauten mich reumütig an, ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell. Durch ihre beinahe gehockte Position hatte ich zudem noch einen eins Ausblick auf ihr üppiges Dekolleté. Scheiße, und was für ein Dekolleté sie hatte. Ich räusperte mich und schaute schnell wieder auf das Notizbuch in meiner Hand. »Verdammt, nun stehen Sie schon auf«, brummte ich schroff.

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Sie schob sich ihre seltsame Schmetterlingskombination auf dem Kopf herum, hob das Tablett auf und trat dann von einem Fuß auf den anderen, als ob sie etwas sagen wollte, sich aber nicht traute. Sie trollte sich zum Nebentisch und verkündete von dort mir ihrer glockenhellen Stimme: »Ich bringe Ihnen gleich einen neuen, entschuldigen Sie bitte nochmals.«

Ich presste meine Lippen aufeinander und überlegte, ob ich das Lokal wechseln sollte, ehe sie mich mit einer Portion Spaghetti taufen würde. Mein Magen knurrte erneut, außerdem hatte ich mich wirklich auf diesen Wildkräutersalat gefreut und bis ich etwas Neues gefunden hatte, würde weitere Zeit vergehen, die ich nicht verschwenden wollte. Ich entschied mich daher, dass das Risiko ein zweites Mal mit irgendwas besudelt zu werden, gering sein musste – wobei, bei der Frau würde mich fast nichts mehr wundern. Egal, ich blieb sitzen.

»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie mich jetzt und ich merkte, dass sie mich die ganze Zeit beobachtet haben musste.

»Rotwein«, sagte ich und rieb mir über die Nasenwurzel. »Wissen Sie denn, welcher hier empfehlenswert ist?«

»Hm, Lotti hat Merlot aus Australien, einen Syrah aus Argentinien und einen sehr guten Pinot Noir aus dem Burgund.«

»Letzteren bitte.«

»Möchten Sie auch etwas essen?«

»Sagen Sie mal, arbeiten Sie hier?«, ich sah sie ungläubig an. Niemand würde doch wohl einen solchen Tollpatsch an einem Ort beschäftigen, an dem er ständig mit Porzellan und Glas in Berührung kam.

»Nun ja, eigentlich kellnere ich gelegentlich nebenan im ›Dicken Engel‹. Aber das Café gehört meiner Freundin Lotti, darum gehe ich ihr manchmal auch zur Hand.«

Ich seufzte. Also gut, in drei Teufels Namen, es wäre ja lächerlich, wenn ich eine andere – geschicktere – Bedienung verlangte. »Ja, den Wildkräutersalat«, brummte ich darum knapp.

»Sehr gern.« Sie rang sich ein nervöses Lächeln ab und rannte förmlich weg von mir.

Wow, welche Überraschungen würden mich wohl noch erwarten? Vermutlich einige, denn diese Frau war unberechenbar und dabei doch irgendwie ... attraktiv. Ich verwarf den Gedanken, so schnell er gekommen war. Nein, sie war absolut nicht mein Typ.

Kapitel 4 des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 15. April, um 18 Uhr!

2. Kapitel

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Justus

Beim Abbiegen vom Oranienplatz in die Dresdener Straße war sich so in die Anzeige des Navis vertieft, dass ich beinahe in eine rot-weiß-gestreifte Absperrung krachte. Vor mir parkte ein ganzer Konvoi aus Wohnmobilen und Trucks. Einige waren garniert mit ausladenden Satellitenschüsseln, um andere hatte man Paravents errichtet, so dass zufällig Vorbeilaufenden der Blick in die Wagen versperrt war.

»Was zur Hölle?«, fluchte ich, als auch schon ein langhaariger Typ mit Ohr-Tunneln, durch die man gut und gern Erdnüsse hätte werfen können, auf mich zu kam.

»Hier ist gesperrt, Meister«, kaute er zwischen zwei Kaugummi-Schmatzern Worte heraus.

»Aha, und wieso ist hier gesperrt?«, gab ich zurück. Immerhin war ich ein Anwohner, meinetwegen Neu-Anwohner, dieser heruntergekommenen Straße, an deren Ende sich tatsächlich die abgeschabten Hochhäuser vom Kottbusser Tor – kurz Kotti – zeigten.

»Dreharbeiten!«, ließ er mich wissen. Trotz riesigem Kaugummi-Batzen klang das Wort enorm gewichtig. Vermutlich zuckten sonst alle zusammen oder gerieten in Verzückung, wenn er sich als Mitglied einer Filmcrew outete. Pah, drei meiner Bücher waren verfilmt worden und immer, wenn ich mir ein Set angesehen hatte, war ich auf einen Sauhaufen gestoßen.

Entsprechend unbeeindruckt nahm ich ihn genauer in Augenschein. Abgesehen von den beiden riesigen Metall-Ösen, die seine Ohrläppchen auf mehr als doppelte Größe dehnten, fand ich ein Lippenpiercing und je eine Creole in der rechten Braue und der Nase. Dafür war der Rest des schlacksigen Jüngelchens in schmuckloses Schwarz gehüllt.

»Was für Dreharbeiten?«, wollte ich wissen, obwohl es mich nicht sonderlich interessierte. In Berlin wurde schließlich alle nasenlang irgendein Mist gedreht.

Anscheinend, um mich ebenfalls einer Musterung zu unterziehen, trat er einen Schritt zurück, sprang dann jedoch zur Seite, weil eine Fahrradklingel ertönte. Im nächsten Moment schepperte ein rotes Fahrrad mit einem schwer beladenen Anhänger an ihm vorbei und eine Frau in einem grotesken 60er-Jahre-Kleid, rief mit glockenheller Stimme: »Danke!«

»Was war das?«, fragte ich und wusste, dass dir Ratlosigkeit mir ins Gesicht geschrieben stand, während ich mich bemühte, das Bild dieser Frau zu verarbeiten – oder es zumindest in seine Einzelteile zu zerlegen, um das ... sie ... diese Person greifbarer zu machen.

Petticoats und Blumengirlanden

Wer bitte trug heute noch Petticoats? Und wer wand Plastik-Margeriten um seinen Fahrradlenker? Von den Springerstiefeln an ihren Füßen und dem chaotischen Wirrwarr aus Kisten und Tüten, die auf ihrem Anhänger festgezurrt waren, ganz zu schweigen.

»Das war Jo. Sie zieht heute auch hier ein. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Außerdem müssen Sie jetzt dringend hier weg. Gleich kommt der Catering-Truck, da muss die Zufahrt frei sein.«

»Moment mal!« Innerlich kochte ich mittlerweile. »Wieso darf sie einziehen und ich nicht? Gibt es jetzt selektive Absperrungen, die Autofahrer diskriminieren?« Diskriminierung war ein herrliches Wort. Niemand wollte in den Ruch kommen, sich dessen schuldig zu machen, weswegen die meisten Leute reflexhaft zusammenzuckten und nachgaben, wenn man ihnen damit kam.

Leider war mein »Black Beauty« weniger devot gepolt. Vermutlich hatten schon ganz andere versucht, ihn am Nasenring vorzuführen. »Ein Fahrrad passt hier durch. Ein Auto nicht. Außerdem können Sie nirgends parken, steht ja alles voller Trucks.«

Ha, jetzt hatte ich ihn. Das widersprach doch ganz klar dem, was er vorhin gesagt hatte. »Und wenn der Catering-Wagen kommt?«

Wieder machte er mir einen Strich durch die Rechnung und ging nicht näher auf meine Bemerkung ein. »Lassen Sie das Mal unsere Sorge sein. Hauptsache, Sie verschwinden jetzt.« Kaum hatte er ausgeredet, gab das Funkgerät an seinem Gürtel ein lautes Knacken von sich.

»Attila? Wo bleibst du? Wir müssen das Set umbauen.«

Der Kerl schaute in Richtung Funkgerät und dann wieder zu mir. »Sie haben es gehört. Keine Zeit. Also drehen Sie um, oder ich rufe den Typ vom Ordnungsamt, der hier rumrennt, dann können Sie mit ihm diskutieren. Wird dann allerdings teuer. Ist ja absolutes Halteverbot hier.« Attila nahm sich die Zeit, mich schadenfroh anzugrinsen, dann ging er und ich war froh, mich im Griff zu haben, obwohl mir ein paar Unflätigkeiten auf der Zunge lagen, die sich wahrscheinlich im Bußgeldkatalog des herumstreunenden Ordnungsdienstlers gefunden hätten.

Man trifft sich immer ... dreimal

Mit mahlenden Kiefern machte ich mich daran, den Block, in dem meine neue Wohnung lag, zu umkreisen, wobei die Frau mit dem roten Rad gleich zweimal meinen Weg kreuzte. Sie schien hier bekannt zu sein. Eine Blondine, die an den Außentischen eines Cafés bediente, winkte ihr zu, bevor die Frau vor einem Hutladen Halt machte. Das passte. Zu dem abgedrehten Outfit und dem roten Rad fehlte nur noch ein ausladender Sonnenhut mit Plastikgemüse.

Ich schüttelte noch den Kopf, als hinter mir lautes Hupen signalisierte, dass die Ampel auf Grün umgesprungen war, als ich sah, wie ein altersschwacher Benz aus einer Parklücke manövriert wurde. Prompt blieb ich wieder stehen und hob die Hände, um das Hupkonzert hinter mir zu dirigieren. Angesichts der Tatsache, dass ich in einem Cabrio saß, sehr effektvoll, denn nun wurde vielstimmig aus den offenen Wagenfenstern gebrüllt. Ich schmunzelte. Genau das, was ich brauchte. Ich war nicht hier, um mir Freunde zu machen, sondern um Lokalkolorit zu sammeln und mich inspirieren zu lassen.

Noch immer lächelnd manövrierte ich in die Lücke und lud den Wagen aus, so dass sich das Verdeck wieder schließen ließ. Nur hatte ich jetzt ein weiteres Problem, denn auf dem Bürgersteig türmten sich Kartons, Lampen und meine Koffer. Seufzend schob ich ein Stück vor dem anderen her, bis ich eine geschlagene halbe Stunde später wieder an der Absperrung stand.

»Sorry, aber jetzt drehen wir. Eine halbe Stunde geht hier gar nichts«, ließ Attila mich mit einem vergnügten Aufblitzen seiner grauen Pupillen wissen. Womit er fatal an den Archetypen eines Idioten erinnerte, dem zufällig ein wenig Macht gegeben war.

Ich ließ mich auf den großen Metall-Rollkoffer neben mir fallen und ballte die Fäuste. Das hier war ein Neuanfang. Ein Schritt nach vorn. Ein Befreiungsschlag. Was spielte da eine halbe Stunde mehr oder weniger für eine Rolle? Wie ein Mantra stellte ich die Frage wieder und wieder und versuchte mir vorzumachen, dass es mir egal war, wobei die Wut an meinen Nerven nagte. Bei meinen Signierstunden standen die Menschen Schlange. Sie jubelten mir zu. Ich hatte einen Fan-Club und eine Wikipedia-Seite. Herrgott, ich war nicht irgendwer, den man wie ein kleines Kind in die Ecke stellte und dabei zwang, auf eine rot-weiße Absperrung zu starren.

›Klingeling‹. Ich wusste, wer hinter mir war. Das glockenhelle Bimmeln gehörte zu dem Fahrrad der leicht verrückt anmutenden Frau. Augenblicklich überzog ein Strahlen Attilas pockennarbiges Gesicht. Anscheinend mochte er die Kleine, die ich bisher nur von hinten oder im Halbprofil gesehen hatte. Ich versuchte mir auszumalen, wie eine Frau, die Attila gefallen konnte, aussah. Drei Piercings. Mindestens. Dazu angeklebte Wimpern und ein Gesicht wie für den Fasching angemalt. Auf das Schlimmste gefasst drehte ich mich um und war auf Augenhöhe mit einem paar so sinnlich schöner rehbrauner Augen, dass ich scharf die Luft einsog.

Diskussionen

»Kann ich kurz durch?« Ihre Stimme war angenehm. Hell aber nicht schrill. Die Worte klar und doch nicht überakzentuiert. Hätte ich sie im Radio gehört und mir die Sprecherin ausgemalt, sie hätte genau die herzförmigen, rosigen Lippen gehabt wie dieses Mädchen.

»Sorry, im Moment drehen wir. Aber wenn du magst, park dein Rad hinter dem Catering-Truck, dann spendier ich dir einen Kaffee für die Unannehmlichkeiten.« Das süffisante Grinsen war von den Lippen des Kerls, der jeden Metalldetektor zum Glühen bringen musste, verschwunden. Stattdessen wirkte er aufrichtig bedauernd.

Die feinen Züge ihres schmalen, ebenmäßigen Gesichts verzogen sich fast unmerklich. »Geht auch Tee? Ich habe heute schon so viel Kaffee intus, dass es ein Wunder ist, dass ich den Lenker ohne zu zittern halten kann.«

»Sogar Wein und Sekt hat das Ding geladen«, gab Attila eifrig zurück und dabei war ihm deutlich anzusehen, dass er die Kleine zu gern abgefüllt hätte, wenn sie ihn dafür ranließ. Nun war es an mir, die Lippen zu einem süffisanten Lächeln zu verziehen.

Erwartungsgemäß winkte das Mädchen ab. »Tee reicht völlig. Hauptsache ich kann das Rad bei euch parken, damit nichts wegkommt. Ich muss nämlich gleich wieder rüber in den Laden.«

Attila nickte und rückte die Absperrungen, die jetzt dichter beieinander standen, für die Kleine aus dem Weg. Sie schlüpfte – ihr Fahrrad schiebend – hindurch, woraufhin Attila die Straße wieder dichtmachte.

»Moment mal«, ich beeilte mich aufzuspringen. »Wieso darf sie ihr Zeug unterstellen und ich nicht?« Meine Schultern strafften sich. Es war erbärmlich, wie ein kleines Mädchen zu quengeln, aber ich dachte nicht daran, mich von diesem Mädel abhängen zu lassen.

Leider schien es Attila völlig gleichgültig zu sein, was ich wollte. »Dauert nicht mehr lange, Mann. Und danach ist eine Stunde Mittagspause, da können Sie ihren Kram zur Haustür schleppen.« Er wandte sich ab, griff jovial an den mit Blumen verzierten Lenker und schob das Rad auf einen Wagen zu, der jetzt quer zwischen den anderen Trucks parkte.

Wollte ich es darauf ankommen lassen, hier eine Szene zu machen und erkannt zu werden? Definitiv nicht! Immerhin hatte sich ein Haufen Schaulustiger angesammelt, um einen Blick auf die Filmcrew und besser noch die Schauspieler zu erhaschen. Seufzend ließ ich mich wieder auf den Koffer sinken. Das war ein Tiefpunkt. Selbst als endlich ein anderer Knabe mit Walkie-Talkie am Hosenbund und langem, fettigem Haar auf mich zu kam, um mir zu bedeuten, dass ich jetzt zum Haus gehen durfte, hob sich meine Stimmung nicht. Schließlich musste ich den Berg aus Koffern, Kisten und Möbelstücken noch fünfzig weitere Meter vor mir her schieben.

Als es endlich vollbracht war zog ich den Zettel mit dem PIN-Code für das vordere Tor aus der Hosentasche. ›4711‹ – wie sinnig. Ich hämmerte die Zahlen ein und der rechte Flügel der hölzernen Doppeltür sprang auf. Dahinter tat sich ein Gang auf, von dem rechts der Eingang ins Vorderhaus abzweigte. Lief man weiter, landete man im Innenhof, in dem unzählige Fahrräder unter einem Carport standen – darunter das rote Rad der Verrückten. Ich fluchte innerlich. Wahrscheinlich hatte die Kleine längst all ihre Kisten ausgepackt und sich häuslich eingerichtet, während ich noch auf gepackten Koffern gesessen hatte.

Grimmig schob ich meine Sachen in den Gang, öffnete die Haustür und trug das Zeug ins Innere der Erdgeschosswohnung, in der die Luft abgestanden roch. Dann warf ich die Tür ins Schloss und ging durch die hohen, lichtdurchfluteten Räume. Robert und Susanne hatten nicht zu viel versprochen. Die Wohnung war top saniert. Die Bäder neu. Die Küche stammte von einem edlen Hersteller und war so minimalistisch und stylisch, wie ich es mochte.

Aufatmend ging ich ins Wohnzimmer, das mit zwei breiten, kunstvoll geschnitzten Schiebetüren von der Wohnküche abgetrennt war. Im üppig begrünten Innenhof war es erfreulich still. Ich riss die Flügeltüren zu dem nachträglich angebauten Balkon auf, holte die Kiste mit meinem Laptop und die Stehlampe und stellte beides neben den Esstisch, nachdem ich ihn nahe an die Terrassentür gezogen hatte.

So viele Handlungsorte

Wenn die lästigen Umwege dieses Vormittages einen Vorteil hatten, dann, dass mir tausend und eine Idee für die romantische Komödie gekommen waren. Das Café war nett und könnte ein Handlungsort werden. Sofie würde sich darin wohlfühlen. Dann der kleine Schmuckladen, der direkt neben der Absperrung lag. Meine Frau, wie ich Sofie in Gedanken noch immer nannte, wäre begeistert von den unkonventionellen Designer-Stücken. Kühl, sachlich. So etwas liebte sie – und damit kam auch der Schmuckladen für eine Szene in Betracht.

Ich sah förmlich vor mir, wie ihre Augen leuchteten, wenn Sofie das Buch las, klappte meinen Laptop auf ... und zuckte zusammen. »Was zum Teufel?« Ich sprintete raus auf die Terrasse. Gegenüber, in einem Anbau, der bis in die Mitte des Hofes ragte, tobte ein frenetischer Krach. War das Metal? Oder Hard Rock? Jedenfalls standen in der Wohnung, aus der der Hof beschallt wurde, die Fenster sperrangelweit auf.

Eine typische Studentenbude. Die Küche bestand aus einem schmalen Kühlschrank, zwei Kochplatten und einer Spüle. Direkt davor stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Auf der anderen Seite des breiten, bodentiefen Fensters, das in die Mitte der langen Wand eingelassen war, gab es ein schmales Bett, ein Sofa und einen Couchtisch. Beides war mit Kartons, einer Unmenge Tüten und Hutschachteln zugestellt. Wer auch immer diese Wohnung bewohnte, war nicht zu sehen. Klar, bei dem Krach verzog man sich besser. Da drin musste eine Lautstärke herrschen, als würde jemand Düsentriebwerke auf höchster Stufe laufen lassen.

Ich hatte schon den Mund aufgeklappt, um meinem Ärger Luft zu machen, als genau gegenüber des mittigen Fensters eine Tür aufgestoßen wurde. Die Irre! Nur trug sie diesmal nicht ihr weitschwingendes Petticoat-Kleid, sondern hauchzarte Panties aus Spitze und einen BH, der ihre überaus ansehnliche Oberweite in Form hielt.

Fast schien es, dass sie meinen Blick spürte, denn sie hob den Kopf. Blitzschnell sprang ich zurück ins Wohnzimmer und presste mich mit dem Rücken gegen die Wand, hinter der die Terrasse lag. Mein Herz klopfte wie wild, ohne dass ich hätte sagen können, warum. Sie war garantiert nicht das erste Mädchen, dass ich in Unterwäsche sah. Abgesehen davon, dass sie nicht annähernd mein Typ war. Ich mochte Frauen, die mondän waren – wie Sofie. Und die hätte sich lieber einen Kopfschuss verpasst, als mit Springerstiefeln, einem Petticoat und Plastikblumen durch Kreuzberg zu radeln.

Die Musik wurde abgestellt. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Nun stand sie mit dem Rücken zu mir. Ich sog scharf die Luft ein. Sie war beileibe kein Laufstegmodell, aber die üppigen Kurven verpackt in Spitzendessous und die langen dunklen Locken, die über ihren Rücken wogten, waren sehenswert. Sie mochte verrückt sein, aber ihre Proportionen stimmten. Außerdem erinnerte sie mich verdammt an eine Werbung für Körperlotion, bei der lauter mollige Models sich in Unterwäsche amüsiert hatten.

Langsam begann die Sache, mich zu interessieren. Offensichtlich war sie hier im Viertel bekannt, ja, sogar beliebt, also musste sie schon länger hier leben. Was bewog sie, in dieses winzige Einraum-Apartment zu ziehen? Zumal es andere Möglichkeiten gab. Robert hatte mir erklärt, das komplette Vorderhaus sei saniert, es stünden weitere Wohnungen leer. Hm ... Trennung? Scheidung? Oder war sie weggewesen und kehrte gerade erst zurück? Diese Variante schloss ich allerdings aus. Nein, die Bude, aus der sie all die Kisten und Tüten geholt hatte, konnte nicht weit entfernt liegen. Schließlich war sie mit dem Rad mindestens dreimal hin und her gependelt, während ich mit Attila diskutiert und einen Parkplatz gesucht hatte.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich wie ein vierzehnjähriger Spanner, der soeben seinem feuchten Traum begegnet war, um die Ecke glotzte. Ich wollte mich abwenden, doch da beugte sie sich vor und präsentierte mir ihr pralles Hinterteil auf dem Präsentierteller. Ich schluckte, weil sie keine Anstalten machte, sich wieder aufzurichten, sondern ungeniert begann, Klamotten aus einem der Kartons vor dem Bett zu rupfen. Röcke, Kleider, Blusen - alle ähnlich farbenfroh wie das fragwürdige Petticoat-Modell, flogen wild durch den Raum, bis sie das gesuchte fand. Einen Jeans-Rock, in den sie hastig überstreifte, bevor sie ein blau-weiß geringeltes Shirt überzog und in ein paar Ballerinas schlüpfte. Mit ein paar schnellen Handgriffen nahm sie die wallende Mähne zusammen und band sie zu einem unordentlichen Knoten.

Die Show ist vorbei, du solltest dich verpissen, bevor sie dich entdeckt, mahnte die Stimme in meinem Hinterkopf. Doch die Sorge, die könne mich entdecken, war so überflüssig wie ein Kropf. Ohne hinzusehen, kickte sie die beiden Fensterflügel zu, griff etwas aus dem Chaos und rannte zur Tür heraus. Weder hatte sie die Fenster verriegelt, noch das Licht gelöscht. Mit gerunzelter Stirn trat ich hinaus auf den Balkon und sah, wie sie über den Hof in Richtung Fahrradständer rannte.

In dem Moment fiel es mir wieder ein. Jo! Dieser Kretin aus der Filmcrew hatte sie Jo genannt. Wofür stand die Abkürzung? Josefine? Johanna? Es bereitete mir tatsächlich Kopfzerbrechen. Dabei war die Frau indiskutabel. An ihr klebte das Chaos. Sie war zu rund, zu sehr Kumpeltyp und ihr Musikgeschmack gelinde gesagt eine Katastrophe. Sie ...

Schreibblockade?

In der Hosentasche vibrierte mein Handy. Ich fischte es heraus und nahm das Gespräch gedankenverloren an, wobei ich das Fenster nicht aus den Augen ließ. Sie musste doch zurückkommen.

»Hi, Robert hier. Wieso meldest du dich nicht?«

»Weil ich ...«, ich sah auf das Display, denn ich war sicher, dass sein Foto beim Klingeln nicht aufgeblinkt hatte. »Was ist das für eine Nummer?«

»Ach«, erwiderte er gelangweilt und ich sah förmlich vor mir, wie er ungeduldig die Hand durch die Luft fahren ließ, »ich hatte da ein paar Probleme?«

»Probleme mit deiner Nummer?«, gab ich geistesabwesend zurück, denn ich starrte noch immer auf das Fenster, das jetzt wieder aufgesprungen war.

»Nein, Probleme mit einer Frau, die meine Nummer ein wenig überstrapaziert hat. Egal. Jetzt geht es um dich. Sag schon: Bist du gut angekommen? Sitzt du schon am Schreibtisch? Bringt der Umzug etwas?« Er machte keinen Hehl aus seiner Ungeduld.

»Dir ist schon klar, dass ich den Schlüssel erst seit heute habe? Ich bin gerade erst angekommen.« Dass ich mir eine Auszeit als Voyeur gegönnt hatte, ging Robert nun wirklich nichts an.

»Oh ... okay.« Seine Enttäuschung war förmlich zu greifen. »Und wann legst du endlich los?«

»Sobald du nicht mehr nervst!« Erwiderte ich mit Nachdruck.

»Soll das heißen, wenn ich morgen vorbeischaue, hast du schon etwas zu lesen?«

Ich rang mir ein müdes Lachen ab. »Wann hätte ich dir jemals ein unfertiges Manuskript gezeigt?« Kaum hatte ich es ausgesprochen, beschlich mich die Angst, meine Schreibblockade könne mich klammheimlich bis hierher verfolgt haben. Was, wenn ich noch nicht mal einen seichten Frauenroman zustande brachte? Nervös starrte ich auf mein Laptop. »Wenn du willst, dass ich schreibe, dann gönn mir Ruhe vor dir. Susanne und ich haben den Plot soweit fertig.« In der Tat hatte ich sie in den Tagen vor dem Umzug fast rund um die Uhr mit Beschlag belegt. Im Grunde war es leicht. Ich musste mich nur hinsetzen und die Liebesgeschichte, die wir um mich und Sofie gesponnen hatten, zu Papier bringen. »Ich melde mich, wenn es etwas Neues gibt. Bis dahin bin ich im Arbeitsmodus.« Robert wusste, dass das ein Synonym dafür war, dass ich ab jetzt auch nicht mehr ans Telefon gehen würde.

»Gut ...«, er klang verunsichert. »Dann lasse ich dich also jetzt?« Er tat doch wirklich, als müsse er mich beim Arbeiten betüddeln.

Seufzend überlegte ich, ob wir im letzten Jahr vielleicht zu viel Zeit miteinander verbracht hatten. »Ja, lass mich. Ich habe die Deadline im Kopf.« Ich verabschiedete mich und schaltete das Handy auf stumm. Doch statt mich an den Schreibtisch zu setzen, kramte ich Sportzeug aus meinem Koffer und wappnete mich innerlich dafür, Attila niederzuschlagen, falls ich das Haus nicht verlassen oder die Straße entlangjoggen durfte.

Auf alles gefasst trat ich aus dem Haus und starrte fassungslos auf ein Dutzend freier Parkplätze. Der Spuk war vorbei, die Karawane weitergezogen. Trotzdem schaute ich mich nach der Irren um. Vergeblich.

Der nächste Teil des Blogromans von Karin Lindberg und Anne/AnnD. Stevens erscheint am Mittwoch, 11. April, um 18 Uhr.

1. Kapitel

Johanna

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Oli setzte seinen Namen so schwungvoll unter den Mietvertrag, dass ich ihn mir unwillkürlich bei einer Autogrammstunde vorstellte. Für jeden Graphologen wäre der Schriftzug ein Fest: Oliver Magnus Dornseifer. Klar, schnörkellos, kraftvoll, aus einem Guss – wenn man von den OMG-Versalien absah, die so riesig, so großartig waren, dass man sich fragte, ob Oli damit ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte einläutete.

Sprachlos saß ich da und schaute auf den Namen, der mir so vertraut war, als mir aufging, dass es nicht die Buchstaben waren, die mich irritierten, sondern das Gehabe, das damit einherging. Neuerdings liebte Oli große Gesten und wuchtige Auftritte und schwelgte ständig in Plänen für eine nicht mehr allzu ferne Zukunft, in der er groß herauskommen würde. Insofern passte die neue Wohnung besser zu ihm als zu mir. Ein schmuckloser Flachdachbau, der angeblich durch eine ›puristische Bauweise‹ bestach, auf mich mit all dem Sichtbeton und den wenigen Chromelementen jedoch erdrückend wirkte.

Ein teures Schreibgerät wurde in mein Sichtfeld geschoben, begleitet von einem ungeduldigen Räuspern. »Jo, du bist dran!«, sagte Oli in dem betont munteren Tonfall, mit dem er sonst seine Bank-Kunden beschwor, möglichst schnell zu investieren, bevor ein Fonds geschlossen wurde. Mich überkam eine Gänsehaut und das ungute Grummeln in meinem Magen, das ich mit mir herumtrug, seit unser neuer Vermieter uns die Wohnung gekündigt hatte, wurde wieder einmal stärker.

(K)Ein historischer Moment

»Ich ... ich kann das nicht«, sage ich so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob Oli und der Makler mich überhaupt verstanden hatten.

»Doch, klar kannst du!«, sagte Oli, der mich zwar gehört hatte, aber offensichtlich nicht begriff. »Das ist ein historischer Moment. Unsere erste gemeinsame Wohnung. Da mache ich eine Ausnahme.« Womit er auf den wahnwitzig teuren Füller anspielte, den seine Mutter ihm mit großen Gesten zum Uni-Abschluss überreicht hatte. Normalerweise war es mir unter Strafandrohung verboten, den ›Mont Blanc‹ auch nur anzuschauen.

»Ich meine, ich kann den Vertrag überhaupt nicht unterschreiben.« Ich brachte es nicht über mich, Oli anzusehen. Stattdessen schaute ich zu dem Makler, der nun peinlich betreten dreinblickte. Ich vermutete, dass ich nicht die erste Kundin war, die kalte Füße bekam. »Ich kann nicht mit dir zusammenziehen. Das ist ... wir sind ... nicht gleich.« Es war mir unangenehm, herumzustottern wie das chaotische Landei, das ich im Grunde genommen war. Lag es an der Übermacht der Schlipsträger? Gut, wenn Oli einen seiner gut geschnittenen Anzüge trug, fand ich ihn irre schick. Aber ein Makler, sein stummer Gehilfe im Konfirmanden-Anzug und Oli – das machte mir den Kontrast zu meinem 60er-Jahre Petticoat-Kleid nur allzu bewusst.

»Gleich?« Oli klang plötzlich wachsam, ja, fast argwöhnisch. »Aber was redest du denn da, Johanna?« Dass er mich mit vollem Namen ansprach, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mit Anlauf ins Fettnäpfchen gesprungen war. »Natürlich sind wir nicht gleich. Du bist eine Frau, ich bin ein ...« Er klappte den Mund wieder zu. Anscheinend war es ihm zu doof, das Offensichtliche vor Publikum herauszukehren. »Was ist los? Hast du plötzlich Angst? Ist dir die Wohnung doch zu teuer?«

Natürlich war sie zu teuer. Erheblich sogar. Sie kostete mehr als das doppelte von der hübschen Altbauwohnung in Kreuzberg, in der wir jetzt lebten – und die wir so schnell wie möglich räumen mussten. Dabei war die Wohnung so ein Glücksfall gewesen. Ich hatte sie während meiner Ausbildung zur Hutmacherin ganz unbürokratisch ergattert.

Unser Vermieter Herr Appelrath war Kunde bei meinem Ausbildungsbetrieb »Gut behütet« gewesen und hatte sich bei einem seiner Besucher mit meinem damaligen Chef verquatscht. Ein endloses Klagelied darüber, wie schwierig es doch heutzutage sei, zuverlässige Mieter zu finden. Abgesehen davon, dass ich dieses Verklären der ›guten alten Zeiten‹ hasste, war ich dem Gespräch sehr aufmerksam gefolgt, um für mich selbst als Musterbeispiel an Zuverlässigkeit und Tugend zu werben. Zwei Lügen, denn ich war chaotisch und nicht gerade gut organisiert, die mir flüssig über die Lippen gekommen waren. Vermutlich, weil ich auf dem Zahnfleisch ging, nachdem ich ein volles Lehrjahr lang täglich eineinhalb Stunden Pendelei pro Strecke in Kauf genommen hatte.

»Die Wohnung ist aber in keinem guten Zustand. Die alten Mieter haben gehaust wie die Schweine. Da müssten die Dielen abgeschliffen werden, sie brauchen frische Tapeten und von den Türen und den Decken, die nikotingelb sind, will ich gar nicht erst reden.«

Ich hatte mich beeilt, ihm zu versichern, dass mir das nichts mache. Dass ich es im Gegenteil schön fände, mein Heim selbst zu gestalten. Für den letzten Schubs hatte dann mein Chef gesorgt, indem er Appelrath erklärt hatte, dass er mich nach der Ausbildung in einen festen Job übernehmen würde.

Tja, das war jetzt sieben Jahre her und die Wohnung strahlte wie ein Schmuckkästchen, wenn man den Deckel hob. Der Stuck schimmerte in elfenbeinweiß auf einer ansonsten steinweiß gestrichenen Decke. Die Dielen hatte ich in einem hellen, pudrigen Türkiston lasiert. Passend dazu waren die frisch verspachtelten Wände mit einer Mischung aus Wasser, Farbpigmenten und Harz zart akzentuiert.

»Sie sind raus!«

Gott, ich liebte meine Wohnung, in der lauter liebevoll lackierte Antiquitäten herumstanden, in der dutzende eigene Hutkreationen in den Regalwänden lagen und wo alles seinen natürlich gewachsenen Platz gehabt hatte – bis Oli mit der Uni fertiggewesen war und eine Bleibe gebraucht hatte. Ich hatte nicht eine Sekunde gezögert, ihm anzubieten, er könne zu mir ziehen, als seine Zeit im Studentenwohnheim zu Ende gegangen war. Vermutlich hätte ich noch ewig glücklich mit ihm in dieser Wohnung, keine drei Gehminuten von meinem frisch eröffneten Hutladen entfernt gewohnt, wäre Herr Appelrath nicht gestorben. Die erste Amtshandlung seines Sohnes und einzigen Erben war es gewesen, uns die Bleibe zu kündigen. Wie die anderen Mieter hatten wir nicht ausziehen wollen – bis der Reigen der Unerklärlichkeiten begonnen hatte. Geplatzte Wasserrohre, ein abgefackelter Hauptstromkasten im Keller, aufwändige Sanierungsarbeiten im Treppenhaus, die es fast unmöglich machten, sich in die zweite Etage zu kämpfen. Bis Oli der Kragen geplatzt war.

»Jo?«, rief Oli sich wieder ins Gedächtnis. »Ist dir nicht gut? Du bist ganz blass. Brauchst du ein Glas Wasser? Willst du kurz vor die Tür gehen?«

Bitter dachte ich, dass das nicht helfen konnte. Selbst wenn ich diesen Vertrag unterschrieb, wären wir als Paar zum Scheitern verurteilt, denn Oli überrannte mich mit seinem überbordenden Selbstbewusstsein zunehmend. Seit er in der Bank im Halbjahrestakt befördert wurde, steuerten wir unaufhaltsam auf eine Weggabelung zu. Nahm ich den rechten Weg, lief es darauf hinaus, dass ich mich anpasste, meine von Oli so gern belächelten modischen Experimente aufgab, Hüte für die Hautevolee designte und ihm den Haushalt schmiss. Ging ich aber links und blieb mir treu, lief alles auf eine Trennung hinaus. Und genau diese Frage machte mein Magengrummeln aus.

Wieso jetzt eine heillos überteuerte Wohnung nehmen, wenn sich das nicht richtig anfühlte? Wenn ich schon jetzt wusste, dass ich dort nicht glücklich werden würde, weil wir uns nun einmal in zwei völlig verschiedene Richtungen entwickelten?

Mir wurde das Herz schwer, ja, fast hatte ich den Eindruck, es würde ein paar Takte aussetzen, bevor es stolpernd weiter schlug. »Frische Luft«, sagte ich und hörte selbst, wie erbärmlich kleinlaut ich klang. »Lass und kurz vor die Tür gehen, dann wird es bestimmt wieder.«

Ich sprang auf, als hätte jemand die Schleudersitzfunktion meines Stuhls betätigt. Der Makler runzelte die Stirn, während sein Helfer Oli einen mitfühlenden Blick schickte, der klar besagte, dass er eine schrille Tussi wie mich besser heute als morgen in die Wüste schicken sollte. Wenn er das machen würde, müsste ich es nicht tun. Das Unvermeidliche, das mir so schwerfiel. Ich war einfach nicht der Typ, der jemandem schlechte Nachrichten überbrachte. Ein Dilemma, außerdem ... ich hatte ihn mal geliebt. Ehrlich und aufrichtig, aber unsere Liebe war abgekühlt, sie köchelte nicht mal mehr auf Sparflamme.

Trotz des milden Juni-Tags fühlten meine Glieder sich eisig an. Ich stürmte ungelenk und ohne ein weiteres Wort aus dem Makler-Büro.

Zeit für die Wahrheit

»Johanna Mehnert, würdest du bitte warten?«, zischte Oli, als er mich fast eingeholt hatte und erinnerte mich an meine Mutter, die sich auch stets auf meinen Vor- und Nachnamen besann, wenn sie wütend auf mich war.

Ich bewegte mich im Laufschritt auf die nahe Straßenkreuzung zu, wo ich unter einem Baum Halt machte. Oli ragte ebenso gewaltig und massiv wie der Stamm vor mir auf. Langsam schien ihm zu dämmern, wie ernst es mir war. Seine Lippen waren zu einem engen Strich aufeinandergepresst und die Augen derart verengt, dass ich mich fragte, ob er den Fokus einer optischen Linse auf mich richtete.

»Ich kann nicht mit dir zusammenziehen. Du ... du überrennst mich!«, stieß ich hastig hervor. Es war ein seltsamer Moment. So befreiend es sich anfühlte, all das, was ich seit Wochen in meinem Kopf hin und her wälzte, endlich auszusprechen. So schmerzlich traf mich auf der anderen Seite der Stich ins Herz, weil ich ihm wehtun musste. Es war heraus. Es gab kein Zurück mehr. Hier und jetzt, unter einer frisch erblühten Gelb-Birke, entschied sich mein Schicksal. Tränen brannten in meinen Augen, was mich schon wieder ins Wanken brachte. Wir hatten doch so viele gute Jahre gehabt. Waren uns so vertraut, so nahe, so ... als ich versuchte, das Wort innig in diesen Satz hineinzudenken, geriet ich ins Stolpern. Innig miteinander, das lag weit hinter uns.

»Ich überrenne dich? Du warst doch mit bei der Besichtigung. Wir haben das Thema mit der Miete abgehakt. Du zahlst ein Drittel, ich den Rest. Wo ist dein Problem, Jo?« Oli trat noch näher an mich heran und stemmte eine Hand gegen den Baum. Ich wollte zurückweichen, denn für das, was ich ihm jetzt sagen musste, brauchte ich Abstand, doch die raue Rinde des Baums pikste in meinen Rücken.

»Es geht nicht um die Miete. Nicht nur! Oder doch ... sie ist symbolisch für die Art, wie wir in letzter Zeit miteinander umgehen. Zwei Drittel unseres Lebens dreht sich um dich. Dein Job, deine Klienten, deine Anzüge, dein Auto, dein After Shave, deine Sekretärin. Wann haben wir das letzte Mal über mich gesprochen? Darüber, wie es mit dem Laden anläuft, wie es mir geht? Von uns ganz zu schweigen: Uns gibt es nicht mehr. Du brauchst eine repräsentative Wohnung, also gehst du davon aus, dass ich wie das fünfte Rad am Wagen mit dir dorthin ziehe. Weg von meinen Freunden, weg vom Laden und weg vom ›dicken Engel‹.« All das, was sich seit Wochen in mir aufgestaut hatte, sprudelte nun aus mir hervor. Ich hatte mich bereits so in Rage geredet, dass ich nach Luft schnappen musste. Ein Arzt, der in diesem Moment auf meine Vitalwerte schaute, würde mir sportliche Höchstleistungen attestieren, denn abgesehen von der Atemlosigkeit raste mein wundes Herz. Ich ließ ihn tatsächlich gehen. Mehr noch, ich schob ihn von mir weg! Obwohl es sich einerseits so anfühlte, als wäre eine Last von meinen Schultern genommen worden, war da auch noch ein anderes Gefühl. Ich spürte im gleichen Moment, dass ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen hatte, von dem ich nicht wusste, wohin es mich führen würde. Wir waren so lange ein Paar gewesen, dass ich mir kaum vorstellen konnte, ohne Oli zu leben. Freunde, schoss es mir durch den Kopf. Konnte man mit jemandem befreundet sein, mit dem man so lange Zeit das Bett geteilt hatte? Ich blickte vorsichtig zu ihm auf, er wirkte ganz und gar nicht so, als ob er mich überhaupt noch leiden mochte.

Oli sah mich an, die Augen verengter, die Lippen einen Hauch verkniffener, auch wenn ich eben noch geschworen hätte, dass er nicht wütender werden konnte. Als er endlich sprach, klang er resigniert, was mich traf, denn es hatte den Anschein, als müsse er ein trotziges Kind zurück in die Spur bringen. »Ist das dein Ernst, Jo? Ich habe die perfekte Wohnung gefunden und jetzt machst du mir das kaputt?«

Er – nicht wir! Hatte ich mich nur deshalb so eifrig an der Wohnungssuche beteiligt, weil sie – Ironie des Schicksals – eine willkommene Gelegenheit war, mich vom Unausweichlichen abzulenken? Mich beschlich die leise Ahnung, dass es so gewesen sein musste. Zeit schinden, mich in hektischer Betriebsamkeit ergehen. Das war meine Art. Ich war nicht gemacht für große Wahrheiten oder dafür, anderen Menschen weh zu tun. Dazu brauchte ich immer erst einen Schubs. Nun, hier war er. »Seien wir ehrlich, du brauchst mich nicht. All die Dinge, die du im vergangenen halben Jahr angefangen hast, machst du ohne mich.« Oli spielte Tennis und neuerdings auch Golf – ich war damit zufrieden, mit meinem roten Hollandrad zum Einkaufen und in den Hutladen zu fahren. Oli konnte sich stundenlang beim Herrenausstatter aufhalten und schnappte nicht einmal angesichts vierstelliger Preise nach Luft. Ich hingegen konnte mich Ewigkeiten in Vintage-Läden durch die übervollen Regale wühlen, bis ich ein Second-Hand-Stück fand, das sich schon in meinen Händen so richtig anfühlte, dass ich wusste, ich würde trauern, wenn es mir nicht passte. Alt gegen neu. Aufbruchstimmung gegen Nestbautrieb. Kühle Sachlichkeit gegen überbordenden Schmalz. Gott, ich wusste, irgendwo unter diesem makellosen Anzug steckte der Oli, in den ich mich verliebt hatte, den ich in dem Moment, in dem ich ihm versehentlich beim Kellnern im ›Dicken Engel‹ einen Whisky Sour über den Kopf gegossen hatte, in mein Herz geschlossen hatte.

»Es funktioniert nicht!«

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»Natürlich brauche ich dich! Sei nicht albern, Johanna. Du kannst das doch jetzt nicht an einer dummen Wohnung festmachen. Aber gut, wenn sie dir so widerstrebt, dann finden wir eine andere. Oder wir nehmen sie, ziehen erst mal dort ein und suchen in aller Ruhe weiter.  Hauptsache wir kommen erst mal aus diesem Sanierungsfall heraus. Der ist uns doch sowieso viel zu klein geworden.«

»Dir ist er zu klein geworden«, sagte ich leise und fühlte, wie mir schwindelig wurde. Ich musste es ihm sagen. Jetzt. »Es geht mir nicht um die Wohnung. Nicht nur. Es ist ...« Ich hatte auf den Arm gestarrt, der noch immer neben meiner Schulter an den Baum gepinnt war. Als ich erneut aufsah, wusste ich, dass es ihm dämmerte. Die wunderschönen grünen Augen, die mich so amüsiert angeblitzt hatten, als mir damals das Tablett aus der Hand gerutscht war, glitzerten verdächtig feucht.

»Es funktioniert nicht, Oli. Wir haben uns auseinander entwickelt. Du hast ein Tempo ... und eine Richtung ... das ist nicht meine. Ich mag mein Leben. Ich will es nicht runderneuern, um den Vorstellungen deiner Chefs gerecht zu werden. Ich passe da nicht rein.« Und du passt nicht mehr in meine Welt, sie ist viel zu langsam für dich geworden, doch das sprach ich nicht aus. »Zieh in die Wohnung. Wenn ich es richtig sehe, kannst du sie dir doch auch allein leisten.«

Seine Pupillen waren beinahe schwarz. Er hob den zweiten Arm, damit ich ihm nicht ausweichen konnte, und ich stand da wie ein Tier in der Falle. »Gibt es einen anderen? Wen? Doch nicht etwa Thomas?« Ich schluckte, denn ich war viel zu perplex, um darauf zu antworten. Oli wertete es als Zustimmung. »Ich fasse es nicht. Ich suche eine Wohnung für uns und du lässt dich mit diesem Schwein ein? Du hast doch selber erzählt, dass er alle naselang andere Tussis abschleppt. Du kennst ihn! Wie lange kellnerst du schon in seiner Kneipe? Sechs Jahre? Sieben? Wieso ausgerechnet jetzt?«

»Es gibt keinen anderen«, presste ich heraus und spürte, wie langsam der Widerspruchsgeist erwachte, der früher in mir getobt hatte. Es kam mir vor, als hätte ich ihn seit Jahren nicht gespürt, dabei war er erst in den letzten Monaten verkümmert. Seit das Gefühl in mir tobte, nicht gut genug zu sein für meinen karrieregeilen Super-Freund. Was maßte er sich an, Thomas in diesen Schlamassel reinzuziehen? Er hatte nichts, aber auch nicht das winzigste Bissschen von dem, was ich gesagt hatte, ernst genommen. »Du und ich – wir sind das Problem. Wir brauchen keinen anderen, um zu scheitern.« Es war typisch für den neuen, strahlenden Oli, dass er die Schuld nicht bei sich oder zumindest uns suchte. Nichts konnte den unerschütterlichen Glauben an seine goldglänzende Fassade trüben. Plötzlich überkam mich heftige Trauer. Ich wollte ihm diese Unerschütterlichkeit nicht nehmen. »Es tut mir leid«, brachte ich erstickt hervor.

Zur Antwort schlug er mit der flachen Hand so fest gegen die Rinde des Baums, dass ich zusammenzuckte. Zwei ältere Frauen blieben stehen und sahen sich hilfesuchend um. »Es ist alles in Ordnung«, rief ich und war mir der Ironie der Worte sehr wohl bewusst. Tatsächlich war nichts richtig, hier draußen zu stehen, an einer belebten Kreuzung, und mal eben die letzten vier Jahre meines Lebens aufzukündigen, fühlte sich sogar hundsmiserabel an. Wieder stiegen die Tränen in mir auf. Ich wusste, dass ich sie nicht mehr lange würde zurückhalten können und ich wollte es auch gar nicht. Meine Schultern sackten nach vorne und ich schluckte schwer.

Die beiden Frauen warfen mir noch einen skeptischen Blick zu, dann gingen sie weiter. Ich schaute zu Oli auf, dessen Kiefer unter der gebräunten Gesichtshaut mahlten.

»Wo willst du hin, wenn du nicht mit in die neue Wohnung ziehst?«

Ich weitete verblüfft die Augen und wischte mir eine Träne aus dem Gesicht. So weit hatte ich gar nicht gedacht. Dabei saß ich auf gepackten Kisten und praktisch schon in den Startlöchern für den Umzug, der nicht stattfinden würde, jedenfalls nicht mehr gemeinsam. »Ich weiß es nicht«, erklärte ich wahrheitsgemäß. Für einige Minuten herrschte Stille zwischen uns. Niemand schien zu wissen, was noch zu sagen war.

Eine Trennung tat immer weh, mir fehlten die passenden Worte. Ihm auch. Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Einen Rückzieher schloss ich kategorisch aus, das Ende unserer Beziehung war lange überfällig und ich fühlte mich sogar ein wenig erleichtert, wenngleich hundeelend. Aber wo sollte ich nun hin? Ich würde nicht mit ihm zur Überbrückung in die neue, schicke Wohnung einziehen. Das kam nicht infrage. In der nächsten Sekunde hatte ich eine Idee. »Zunächst könnte ich bei Olga unterschlüpfen. Das Büro im Hinterhaus steht leer. Das ist zwar nur ein Raum mit Bad, aber er ist nicht klein und ... für den Übergang.« Ich biss mir auf die Lippe. Es war lächerlich, dass ich mich jetzt über Wohnungsgrößen ausließ, wo es doch um alles ging. Ich wollte meinen Optimismus zurück, meine Lebensfreude, das Gefühl, dass ich gut und richtig war, ohne mich ständig an meinem Überflieger-Freund messen zu müssen.

»Es gibt also wirklich keinen anderen?«, wollte Oli nach einer Pause, die mir endlos lang erschien, wissen.

»Nein!«, sagte ich fest und hoffte, dass er mir glaubte. Gleichzeitig musste ich ein Augenrollen unterdrücken, denn nichts lag mir ferner, als Oli zu betrügen. Mit wem auch. Ich war immer glücklich mit ihm gewesen, auch wenn wir uns in den letzten Monaten in andere Richtungen entwickelt hatten. Aber ich verstand, dass er nach einem Grund suchte, einem großen Knall, der alles vielleicht einfacher nachvollziehbar machen würde.

Verwundet - aber frei

»Dann ist es also noch nicht vorbei. Wir können es noch immer hinkriegen.« Jemand mit einem geringeren Selbstbewusstsein hätte das wie eine Frage formuliert. Doch aus Olis Mund klang es nach einer Feststellung.

»Ich werde nicht in die neue Wohnung ziehen, wenn du darauf hinaus willst.«

»Ich habe dich verstanden«, brummte er. Dann wurde sein Gesicht weicher. So hatte er mich seit Monaten nicht angesehen. »Weißt du ... es ist nicht so, dass ich nicht gemerkt hätte, dass du etwas hast. Ich dachte, es geht vorbei.« Wieder wirkte hilflos und zuckte die Achseln. Ein Moment der Schwäche nur, dann legte er hastig nach. »Sag mir, dass du nichts mehr für mich fühlst. Dass ich dir egal bin.«

»Das kann ich nicht. Alles, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass es nicht reicht, um mit dir in eine Wohnung zu ziehen, die ich im Grunde nicht mag. Und, dass ich so nicht weitermachen kann.«

Oli nickte. Ich hätte gern gewusst, was in seinem Kopf vorging, hätte ihn gern berührt, um den Schmerz, der sich langsam auf diesem schönen, markanten Gesicht abzeichnete, beiseite zu wischen. Doch das konnte ich nicht, es wäre nicht fair gewesen, ihm Hoffnungen zu machen.

Eine Weile sagte keiner etwas. Oli ließ die Arme sinken und vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Hose, aber er trat nicht zurück, »Gut«, hob er nach einem Moment der Stille an, »rede mit Olga. Ich helfe dir, deine Sachen rüber zu bringen. Was nicht in die Wohnung passt, lagern wir in meinem Keller ein.«

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Ich wollte nichts bei ihm einlagern. Trotzdem nickte ich und war froh, als er einen Schritt zurücktrat. »Ich gehe noch mal da rein und rede mit dem Makler«, sagte Oli endlich und klag dabei schrecklich verloren. Monatelang hatte er an der Attitüde vom erfolgreichen Geschäftsmann gearbeitet und dennoch hatte es nur weniger Worte bedurft, um seine Fassade bröckeln zu lassen.

Er klappte den Mund auf, wollte etwas sagen, tat es aber nicht, sondern schloss ihn wieder, bevor er sich umdrehte und auf das Büro zu ging. Ich sah ihm nach. Mein Herz war schwer und trotzdem fühlte ich mich erstaunlicherweise leichter. Während ich zu meinem roten Hollandrad lief, das in der Nähe des Maklerbüros angekettet war, sagte ich mir, dass dieses beklommene Gefühl vergehen würde. Oli würde merken, um wie viel besser er ohne mich vorankam. Ich rückte meinen Rock zurecht, schob die Blumengirlande, die um den Lenker gewickelt war, beiseite, so dass die poppige Fliegen-Pilz-Klingel frei lag, und trat in die Pedale. Je weiter ich mich entfernte, umso freier fühlte ich mich.

Das war der Frühling. Meine liebste Jahreszeit. Überall zwitscherten Vögel, die Bäume waren grün, die Menschen reckten ihre wachsbleichen Glieder der Sonne entgegen und ich war mittendrin, mit ein paar schmerzhaften Dornen im Herzen – aber frei!

Der nächste Teil des Blogromans erscheint am Sonntag, 8. April, um 18 Uhr. Über Feedback freuen wir uns auch vorher schon ;-)

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Prolog

Justus

Justus Kramer saß entspannt in einem Sessel beim Fenster und beobachtete seinen Agenten. Robert lief seit geschlagenen fünf Minuten mit einem versiegelten Briefumschlag in der Hand Spurrillen in den Teppich. Ein leichtes Kribbeln breitete sich in Justus‘ Nacken aus. Wieso war Robert derart nervös? Normalerweise war sein Ruder-Partner gelassen wie ein japanischer Zen-Mönch.

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»Willst du mir nicht sagen, was du in diesem Umschlag hast?«, fragte Justus, ohne sich um einen freundlichen Ton zu bemühen. »Vielleicht könntest du dich dann setzen, statt weiter die Auslegware plattzutrampeln.« Er wusste, dass die provokante Zurschaustellung von Langeweile Robert auf die Palme brachte. Die einzige Methode, um dessen unerschütterliches Gemüt wanken zu lassen.

Diesmal nicht. Robert sah ihn zwar voller Unbehagen an, doch er schwieg und schickte sich an, eine weitere Runde durch Justus‘ Arbeitszimmer zu drehen. Vorbei an den bodentiefen Fenstern mit Seeblick, dann links hinter dem Sofa entlang auf die Bücherregale zu, eine erneute neunzig Grad-Wendung, wonach Robert auf seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch zuhalten würde. 

Justus nahm sich vor, mitzuzählen. Fünf weitere Runden gestand er Robert zu, dann würde er ihn rauswerfen.

Eins. Justus‘ Blick schweifte zu dem Stapel Briefe im Postkörbchen. Obenauf lag eine Einladung zur Ladeneröffnung seiner Ex-Frau. Naserümpfend überlegte er, wer heute noch mit Second-Hand-Klamotten handelte. Niemand! Es sei denn, Sofie plante all die teuren Designer-Stücke, die er ihr bis zum verflixten siebten Ehejahr gekauft hatte, an geizige Hausfrauen mit einem Hang zu minimalistischer Mode zu verscherbeln. Überhaupt: Wo war all das Geld geblieben, mit dem er sie abgefunden hatte?

Wahrheit in Raten

Träge hob er den zweiten Finger und versuchte, sich wieder auf den Runden drehenden Robert zu konzentrieren. Es blieb bei dem Versuch, denn seine Gedanken schweiften erneut zu Sofie. Zeugte es von an Dämlichkeit grenzender Dummheit, wenn man nach einem Jahr noch hoffte, dass die Ex-Frau merkte, welch riesigen Fehler sie mit der Scheidung gemacht hatte, und zurückkehrte? Trug er vielleicht längst eine weithin sichtbare Eselsmütze, über die jeder, der ihn kannte, hinter vorgehaltener Hand lachte? Am meisten ärgerte er sich, dass es ihn überhaupt noch irritierte, wenn er an sie dachte.

Drei! Langsam wurde es Justus zu bunt. Robert tapperte und tapperte wie eine Rennmaus, die ihrem Schrittzähler-Ziel für den Tag partout nicht näher kam. Er knurrte drohend und sah Robert an, doch der starrte unbeirrt weiter auf das Kuvert in seiner Hand. Wieder richteten sich die feinen Härchen in Justus‘ Nacken auf.

Die vierte Runde begann und er begriff, dass es keine fünfte geben würde. Ihm platzte der Kragen. »Wenn du nur raus nach Potsdam gekommen bist, um dich zu bewegen, dann lauf eine Runde um den See und geh mir nicht auf die Nerven!«

»Du weißt genau, worüber ich mit dir sprechen will«, grollte Robert.

»Nein ...« Justus hörte in sich. Der Abgabetermin für das neue Buch war in drei Monaten. Bis dahin blieb ihm jede Menge Zeit. Also nein! »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Was hältst du davon, mich aufzuklären?«

»Das Ergebnis der Online-Abstimmung?« Robert klang, als wäre das eine Frage, die Justus aus dem Stegreif beantworten können musste.

Was natürlich nicht stimmte. Dafür ging ihm jetzt ein Licht auf. »Du meinst diesen Schwachsinn, den der Verlag angestoßen hat? Wo die Leser abstimmen konnten, was für ein Buch ich als nächstes schreiben soll? Deshalb drehst du in meinem Arbeitszimmer deine Runden wie ein einsamer Wolf?«

Die Leser haben abgestimmt

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Robert rollte mit den Augen. Er hatte diesen Blick, der anderen sagte, dass sie seiner Meinung nach ziemlich weit hinten am Ende der Intelligenz-Kette standen, schon an der Uni perfektioniert. Justus hatte sich darüber oft amüsiert. Nur war er bisher nicht derjenige gewesen, der mit diesem Blick bedacht wurde. »Soll ich mir einen anderen Agenten suchen? Einen, der kapiert, dass man in ganzen Sätzen reden muss, wenn man verstanden werden will?«

»Falls du gerade versuchst witzig zu sein, schreibst du die letzten Sätze besser noch einmal um«, gab Robert bissig zurück.

Okay, das war offiziell der Punkt, ab dem Justus nicht mehr mitkam. »Ich fasse mal zusammen: Du hast die Auswertung dieser blödsinnigen Umfrage in diesem blöden Umschlag, den du da vor dir her trägst, als wäre ein weißes Pulver drin, das die Menschheit auslöschen kann. Was soll so schlimm sein, dass wir nicht darüber reden können?«

»Das Ergebnis?« Robert hob die Schultern bis zu den Ohren und sah verzweifelt aus. »Ich fürchte, das wird dir nicht gefallen.«

Justus nahm das übergeschlagene Bein herunter und beugte sich leicht vor, während er in seinem Hirn kramte. Welche Auswahlmöglichkeiten hatte es gegeben? Er wusste, dass es sechs gewesen waren. Psychothriller, Krimi, paranormaler Thriller, Urban Fantasy und noch irgendwelche hanebüchenen Genres, die das Marketing-Team festgelegt hatte. Er hatte dem wenig Bedeutung beigemessen, denn natürlich würden seine Leser – allesamt Fans gepflegten Thrills – für Punkt A votieren. Oder ... »Sie haben doch nicht etwa für diesen urban Fantasy-Mist gestimmt?«, brummte Justus.

»Fast«, gab Robert vage zurück. »Versuch’s noch mal.«

»Okay, dann der Krimi«, erwiderte Justus und atmete hörbar aus. Ein Krimi war machbar. Irgendwer aus dem Verlag würde es auf seine Social Media-Seiten posten, die Fans würden es kommentieren und ihm vielleicht sogar ein paar Stichpunkte für einen Plot liefern. Damit ließ sich arbeiten. »Einverstanden«, erklärte er, doch dass Robert bei dieser Zustimmung zusammenzuckte wie ein verängstigtes Kätzchen, ließ Justus stutzig werden. »Kein ... Krimi?« Das Unbehagen verdichtete sich. Es war, als hätten die Härchen in seinem Nacken bisher nur geübt, um sich jetzt wie ein Bataillon Zinnsoldaten aufzustellen.

»Wie es aussieht ...« Robert stockte und setzte ein Gesicht auf, wie es wahrscheinlich ein Frauenarzt zur Schau trug, wenn er der Jungfrau erklärte, dass sie der freudigen Geburt von Vierlingen entgegen sah. »Es haben überdurchschnittlich viele Frauen abgestimmt ...« Er hob die Hände in die Luft, als wolle er Justus ermutigen, aus dieser Information einen Schluss zu ziehen und ihn laut in die Welt hinaus zu posaunen.

»Urban ...« Gott, Justus brachte es kaum über die Lippen. »Die erwarten doch nicht tatsächlich, dass ich so einen Fantasy-Mist schreibe?«

»Nein«, beeilte Robert sich zu antworten. »Es ist ...« Er verstummte wieder.

»Was brauchst du? Einen Trommelwirbel?«

»Romantische Komödie«

»Romantische Komödie!« Die Worte kamen so hastig, so erleichtert, dass Justus sich fragte, wie viele Tage Robert diesen Umschlag schon mit sich herumtrug, bevor er sich hergewagt hatte.

Reflexhaft schüttelte er den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Nur über meine Leiche. Sag Susanne, dass sie das ändern soll.« Seine Lektorin hatte einen leidlich klugen Kopf. Die Frau musste doch wissen, dass er lieber nackt mit dem Liegestuhl am Potsdamer Platz campieren würde, als so einen Schwachsinn zu Papier zu bringen.

»Ich hab’s versucht ...«, druckste Robert, wobei er sich sichtlich unwohl fühlte.

»Versuchen allein reicht da nicht. Lehn es ab! Wozu bezahle ich dich sonst?«

Ein hörbares nach Luft schnappen. Ein paar niedergeschlagene Augen. Nichts an Robert wies darauf hin, dass er sich durchgesetzt haben könnte. »Also es ist so: Den Leuten, die gevotet haben, ist nach der Stimmabgabe der jeweilige Zwischenstand anzeigt worden. Die wussten also sehr genau, was vorn lag. Da lässt sich so leicht nichts manipulieren.« Er klang kläglich. Aber für Justus‘ Geschmack nicht kleinlaut genug.

Er seufzte ungeduldig. »Dann nimmt man halt das zweitbeste Ergebnis, erklärt den Lesern, dass es auf den letzten Metern noch mal richtig spannend war und der gute alte Psychothriller sich am Ende doch durchgesetzt hat.«

Robert verzog das Kinn. »Der Psychothriller war nicht auf Rang zwei.«

»Wo denn dann?«

»Auf Rang fünf. An zweiter Stelle lag die ›Urban Fantasy‹. Das wirkliche Problem ist, dass ... na ja, die ›Romantische Komödie‹ hatte zweiundachtzig Prozent ... Was auch allen Abstimmenden deutlich angezeigt worden ist.«

Was? WAS? Justus spürte kalte Schauer über seinen Rücken rinnen. »Dann sag ab. Erklär den Verlags-Leuten, dass sie mit ihren dämlichen Marketing-Scherzen diesmal zu weit gegangen sind.«

»Es sind über fünftausend Stimmen! Mehr als viertausend für den Liebesroman.«

In Justus Magen brodelte es. »Sag es ab! Oder such dir einen Ghostwriter. Ich mach das nicht.«

»Das geht nicht, das weißt du so gut wie ich. Niemand könnte deinen Schreibstil auch nur annähernd glaubhaft imitieren. Die Leute hören nicht auf zu fragen, wann denn das Buch kommt. Dazu treten mir die Leute aus dem Verlag auf die Füße. Du weißt, welchen Vorlauf die sonst haben. Dass die sich von dir immer wieder vertrösten lassen, verdankst du einzig deinem guten Namen. Aber das Marketing steht in den Starlöchern, Susanne spitzt schon ihren Bleistift. Wenn du das nicht machst, gibt es einen Gau. Der Verlag will den Vorschuss zurück – und wenn ich das richtig sehe, kannst du dir das nach der kostspieligen Scheidung nicht leisten. Außerdem fühlen sich deine Fans verarscht, wenn du erst nach ihrer Stimme fragst und dann nicht darauf hörst. Von so einem Shitstorm erholst du dich nicht. Du hast seit über einem Jahr nichts zu Papier gebracht. Du brauchst einen Hit! Dringend! Die Leute sind unzufrieden. Sonst hast du einmal jährlich wie ein Uhrwerk abgeliefert. Aber jetzt ... seit Monaten keine Lesung. Kein Buchmessen-Besuch. Nichts! Dein aktuellstes Lebenszeichen war der Talkshow-Termin vor sechs Wochen, bei dem alle potenziellen Schwiegermütter durchgedreht sind. Die letzten Schlagzeilen im Netz handeln von deiner Scheidung. Außerdem ...« Langsam schien Robert aufzugehen, dass er auf dünnem Eis wandelte. Vermutlich hatte er es grade knacken gehört und rechnete mit einem Einbruch.

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Bitte, den konnte Justus ihm liefern. »Wenn du unsere Freundschaft nicht überstrapazieren willst, rate ich dir, das abzuwenden! Sonst kannst du dich in doppelter Hinsicht als gefeuert betrachten.«

»Ich habe natürlich damit gerechnet, dass du das sagst ...«

Justus kochte. »Lass mich nicht an Neugier zu Grunde gehen: Was hast du aus dieser Erkenntnis gemacht?«

»Ich habe deinen Schriftverkehr mit dem Verlag geprüft, aus dem hervorgeht, dass du dich verpflichtest, mitzumachen. Du hast sogar den Kategorien für das Voting zugestimmt. Alle sechs sind exakt so aufgeführt, wie sie auf den Social Media-Kanälen veröffentlicht wurden.«

Justus Kramer ging in sich. Irgendetwas hatte er gelesen und abgenickt. Dabei war er so sicher gewesen, dass seine Leser für den Psychothriller stimmen würden, dass er den Rest nur überflogen hatte. »Ich kann das nicht!«, bäumte er sich auf, während er versuchte, sich daran zu erinnern, ob in den Mails vom Verlag irgendetwas über eine Konventionalstrafe bei Nichterfüllung gestanden hatte. »Rede mit Susanne, die wird auch wissen, dass das kompletter Schwachsinn ist.«

»Im Gegenteil«, platzte Robert heraus. »Sie ist begeistert. Sie meint, das könnte dich endlich aus deiner Lethargie reißen.«

Zeit für einen Tapetenwechsel

»Ich bin nicht lethargisch.«

»Aber auch nicht sonderlich kreativ. Zumindest im Moment nicht«, fügte Robert hastig hinzu, als er die düstere Miene seines Freundes sah. Sein Ton wurde versöhnlicher. »Sieh mal, du sitzt hier am Heiligensee in eurer Villa, die Sofie eingerichtet hat, und hängst der Liebe deines Lebens nach. Doch dein Leben ist noch nicht zu Ende. Vielleicht findest du eine neue Liebe oder zumindest Inspiration für dein Buch, wenn du dich zu einem kleinen Ortswechsel durchringst. Susanne und ich haben uns schon mal umgesehen, du brauchst einen Tapetenwechsel.« Endlich schien Robert geneigt, seine Herumrennerei aufzugeben. Er zog ein zusammengefaltetes Blatt aus der Jackett-Tasche und ließ sich auf das Ledersofa gegenüber Justus‘ Sessel fallen. Er glättete den Zettel und hielt ihn ihm hin. »Sieh mal her. Sanierter Altbau, teilmöbliert. Das heißt, die Küche ist schon drin und es gibt ein komplett ausgestattetes Esszimmer, ein Bett, einen Kleiderschrank und zwei Sofas. Clean und stylisch, wie du es magst. Und das Beste: Die Wohnung liegt mitten im Kiez. Direkt am Kotti. Wenn du da, losgelöst von allem, keine Inspiration, oder wenigstens eine kleine Ablenkung in Form einer unverbindlichen Affäre, findest, weiß ich es auch nicht.«

Justus dachte nicht daran, den Zettel zu nehmen, obwohl die Bilder vielversprechend waren. »Kommt nicht in Frage«, lehnte er noch einmal nachdrücklich ab.

Robert seufzte. »Tja, dann ...« Er verzog das Gesicht und erinnerte damit an einen Zahnarztpatienten, dem soeben die Weisheitszähne gezogen worden waren. Alle vier. Ohne Betäubung. »Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen ... der Verlag hat Peter Weller unter Vertrag genommen. Du weißt, was das heißt?«

In der Tat, er konnte es sich zumindest denken. Weller schrieb im gleichen Genre und hatte sich mit seinen Büchern ebenso lang in den Bestseller-Listen gehalten wie Justus. Wenn sie auf ihn setzten, ging das zu Lasten seines Marketing-Budgets, seiner Vorschusszahlungen, seines Lektorats, denn Susanne war die Beste und würde dem neuen Zugpferd bestimmt zur Seite gestellt.

»Das ist eine Katastrophe«, rief Justus aus und verstummte dann wieder, bis er merkte, wie verbissen er die Kiefer aufeinander presste. Er zwang sich, ein wenig herunterzukommen. Trotzdem brachte er es nicht über sich, etwas Positives zu sagen. Also nickte er.

Robert atmete hörbar auf, doch seine Erleichterung währte nicht lange. Plötzlich sah er betreten auf seine Schuhe herab. »Es gibt da noch etwas ...«

»Zwing mich nicht, dir noch mehr Fakten aus der Nase zu ziehen. Rede einfach!« Dabei war klar, was jetzt kommen würde. Irgendeine alberne Deadline. Vielleicht sollte er zu diesem Schwachsinns-Projekt ja auch ein Exposee schreiben. Justus wartete.

»Es gibt schon einen Titel.«

»Ihr habt was?« Justus schnappte nach Luft.

»Wir haben gar nichts«, sagte Robert hastig. »Zumindest nicht Susanne und ich. Irgendein Leser hat den Titel vorgeschlagen und dann haben immer mehr Leute darunter kommentiert, wie gut sie den finden. An dem Punkt hat sich dann das Marketing eingeschaltet und ihn abgenickt. Ich wollte intervenieren, als ich das gehört habe. Zu spät ...«

»Sag es!«, brummte Justus.

»Es ließ sich wirklich nicht mehr abwenden ...«

»Raus. Da-mit«, befahl Justus mit beängstigender Ruhe.

»Also mehrheitlich ...« Als er den missmutigen Blick seines besten Freundes und Star-Autors auffing, beschloss Robert, nicht länger um den heißen Brei zu reden. »Der Titel lautet: ›Es muss wohl Liebe sein‹. Du hast drei Monate Zeit.«

Was zum Teufel? Drei Monate? Für ein seichtes Liebes-Schnulzen-Scheiß-Romanprojekt? Justus schnappte nach Luft und richtete den Blick wieder auf den Schreibtisch. Als erstes fiel ihm Sofies Einladung ins Auge. Schneller, als er es für möglich gehalten hatte, formte sich in seinem Kopf eine Idee. Er könnte zu dieser jämmerlichen Eröffnung gehen und Gutwetter machen. Dann würde er sich daran setzen, ihre eigene Liebesgeschichte aufzuschreiben – mit einem Happy End – und Sofie zur Buch-Premiere einladen. Er sah sie vor sich. Tränen der Rührung. Ihr strahlendes Lachen. Sein Herz – sein wundes, versteinertes Herz – begann aufgeregt zu pochen. Wie lange hatte er nach einer Idee gesucht, um Sofie wachzurütteln? Einer Idee, die ihr zeigte, was sie gehabt hatten. Das Buch würde sie wieder zusammenbringen. Es musste!

»Abgemacht!«

Robert schüttelte vor Unglauben den Kopf wie ein nasser Hund. »Was jetzt? Du schreibst das Buch?«

»Und ich ziehe an den Kotti. Drei Monate. Mach das mit der Wohnung klar. Und bestell Susanne hierher. Sag, dass ich sie brauche. Sie soll morgen ... ach was, heute. Jetzt gleich. Sie soll herkommen und sich den Rest des Tages freihalten. Wir setzen uns heute noch an den Plot! Das wird ein Triumph!«

Den nächsten Teil unseres Blogromans findet Ihr am Mittwoch, 4. April, um 18 Uhr auf diesem Blog.

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Blogroman »Es muss wohl Liebe sein«

Liebe Leser,

seit einiger Zeit planen Anne/AnnD. Stevens und ich ein Gemeinschaftsprojekt. Nun gehen wir es mit dem Blogroman »Es muss wohl Liebe sein« an. Der erste Teil erscheint am Ostersonntag, 1. April, pünktlich um 18 Uhr auf unseren Blog-Seiten.

Worum es in unserer humorvoll-romantischen Sommer-Komödie geht? Um ein ungleiches Paar, das im Herzen von Kreuzberg liebt, lebt, streitet und lacht. Zweimal wöchentlich (immer mittwochs und sonntags) habt Ihr Gelegenheit, mit Justus und Johanna zu fiebern.

Wer nicht so gern in Raten liest, muss sich noch ein wenig gedulden, denn zum Ende des Blogromans wird es »Es muss wohl Liebe sein« als eBook geben. Alle Neuigkeiten rund um den Blogroman gibt es aber auch auf unseren Facebook-Seiten.
Ihre/Eure Karin Lindberg

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